Betriebe bauen Betreuung aus

von Redaktion LZ
Freitag, 12. Juli 2013
Henkel-Mitarbeiter in Düsseldorf können die Kita "Waschbären"nutzen.
Henkel
Henkel-Mitarbeiter in Düsseldorf können die Kita "Waschbären"nutzen.
LZnet. Ab August haben Eltern einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz für ihre Kleinkinder. Doch bundesweit fehlen noch mehr als 200000 Plätze. Arbeitgeber springen in die Bresche, investieren in Betriebs-Kitas – und profilieren sich als familienfreundlich.
Ella ist zwei Jahre alt und ab August ein Waschbär. Ihre Mutter Ulrike Schmidt-Freytag arbeitet bei Henkel in Düsseldorf und freut sich über den Platz in der gleichnamigen Betriebskita des Konzerns. "Die flexible Betreuungsmöglichkeit in unmittelbarer Nähe zu meinem Arbeitsplatz bedeutet mir sehr viel", sagt die Chemikerin, die den technischen Kundenservice für die Luftfahrtindustrie im Bereich Adhesive Technologies für die Region EMEA verantwortet.

"Denn so kann ich beruhigt Vollzeit arbeiten und bin trotzdem in Ellas Nähe." Besonders die langen Öffnungszeiten der Tagesstätte – von 7.30 bis 18.00 Uhr – schätzt die 39-Jährige, die gleich nach der Geburt in den Job zurückkehrte und beruflich oft auf Reisen ist.

Gleiche Karrierechancen für alle

Personalvorstand Kathrin Menges ist Schirmherrin der "Waschbären", der dritten betriebseigenen Betreuungseinrichtung von Henkel. Träger ist die Arbeiterwohlfahrt; Unterstützung kam von der Stadt Düsseldorf. Insgesamt bietet das Unternehmen nun 240 Plätze für Henkel-Kinder und Nachwuchs aus der Nachbarschaft von vier Monaten bis sechs Jahren an. "Das ist eine wichtige Maßnahme für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf", betont Menges.

"Bei uns soll jeder Mitarbeiter die gleichen Chancen haben, Karriere zu machen, unabhängig von seiner individuellen Lebensplanung." Statt notgedrungen die Arbeitszeit zu reduzieren oder den Job längerfristig zu unterbrechen, könnten Eltern selbstbestimmt ihre Laufbahn gestalten.

Das war eigentlich auch das politische Ziel des Rechtsanpruchs auf einen Kita-Platz, der zum 1. August 2013 in Kraft tritt. Aktuell fehlen schätzungsweise noch mehr als 200.000 Krippenplätze. Immer mehr Unternehmen werden deshalb aktiv, gründen eigene Kitas für ihre Beschäftigten oder bauen ihr bestehendes Engagement aus.

Familienfreundliche Profilierung

Sie wollen nicht riskieren, wertvolle Mitarbeiter aufgrund nicht vorhandener Betreuungsinfrastruktur zu verlieren. Sie ergreifen damit zudem die Chance, sich in Zeiten dünner werdender Personaldecken und anspruchsvoller Nachwuchskräfte als familienfreundlich zu profilieren. 2012 wurden 586 Kitas direkt oder indirekt von Betrieben angeboten. Bedeutende FMCG-Hersteller wie Oetker, L’Oréal oder Procter & Gamble sind dabei.

Beiersdorf erweitert seine Hamburger Tagesstätte gerade für 3,8 Mio. Euro um 44 auf 100 Plätze. Geöffnet ist die Einrichtung von 6.30 bis 18.00 Uhr – und das auch in den Ferien. Bei Bedarf sind Frühaufsteher ab 5.30 Uhr willkommen. Der Beitrag ist einkommensabhängig und "etwas günstiger als öffentliche Einrichtungen". Von Notfällen abgesehen werden Alleinerziehende bei der Vergabe bevorzugt.

Win-win-Situation für Arbeitgeber und Arbeitnehmer

Für Beiersdorf-Personalvorstand Ulrich Schmidt bringt die Kita eine „Win-win-Situation“ für Beschäftigte und Arbeitgeber. "Wir erwarten volles Engagement von unseren Mitarbeitern. Damit sie das geben können, müssen wir die Voraussetzungen aktiv mit gestalten."

Zudem sei Familienfreundlichkeit "ein wichtiger Aspekt für die Positionierung als Top-Arbeitgeber". Die Ausweitung des Betreuungsangebots zahle zudem auf das Ziel ein, "die Karrierechancen von Frauen zu fördern". Im Januar soll der Neubau bezogen werden.

Ebenso wie Henkel kann der Nivea-Produzent auf eine lange Historie bei der Betreuung von Mitarbeiterkindern zurückblicken: Den Grundstein legte Beiersdorf-Gründer Oskar Troplowitz Ende des 19. Jahrhunderts, als er "Stillstuben" für junge Mütter einrichten ließ. Dadurch war es den Mitarbeiterinnen möglich, nach der Geburt im Beruf zu bleiben.

Garantierte Plätze für Alleinerziehende

Schon seit 2012 gibt es die dritte Betriebs-Kindertagesstätte der Metro-Group in Düsseldorf. Alle 238 bilingualen Plätze sind belegt. "Alleinerziehende Mitarbeiter haben seit 2012 einen garantierten Anspruch auf einen Kita-Platz", so die Metro. Die übrigen werden nach Warteliste vergeben. Ein Viertel steht Kindern aus der Nachbarschaft zur Verfügung. Die Kosten sind einkommensabhängig gestaffelt und „entsprechen denen kommunaler Einrichtungen“.

In der "Rewelinos"-Kita beim Wettbewerber aus Köln zahlen Eltern je nach Verdienst "höchstens 342 Euro plus maximal 70 Euro für die Verpflegung". Den Rest übernimmt die Rewe Group. Momentan werden am Standort Porz 20 Kinder bis drei Jahre von 8 bis 22 Uhr bespaßt.

Betreuung bis 22 Uhr

Im nächsten Monat kommen fünf Plätze für ältere Kinder hinzu. Zudem ist eine weitere Kita am Standort Braunsfeld in Planung. In der ersten Jahreshälfte 2014 will Rewe dort 45 Plätze anbieten. Vor kurzem wurde das Unternehmen mit dem Zertifikat zum "Audit Beruf und Familie" ausgezeichnet.

Die kleine Ella ist derweil gespannt auf die neuen Spielkameraden bei den Waschbären. Ihre Mutter kann es kaum erwarten, dass das bisherige komplizierte Betreuungskonstrukt ein Ende hat. Aufatmen wird auch Ellas Vater, der als Selbstständiger darin eine tragende Rolle spielt. Ulrike Schmidt-Freytag: "Mein Mann freut sich über den Kita-Platz fast noch mehr als ich."

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