Roboter-Recruiting Big-Data-Analyse offenbart Softskills

von Redaktion LZ
Freitag, 16. Oktober 2015
Aufschlussreich: Dirk Gratzel durchleuchtet Sprache wie eine Datenquelle, die versteckte und unbewusste Informationen über den Sprecher preisgibt.
Psyware/S.Wasserthal, S. Nivens/shutterstock
Aufschlussreich: Dirk Gratzel durchleuchtet Sprache wie eine Datenquelle, die versteckte und unbewusste Informationen über den Sprecher preisgibt.
LZnet/Silke Biester. Die Technologie Precire legt versteckte Persönlichkeitsmerkmale offen. Auf Basis automatisierter Sprachanalyse identifiziert sie so die besten Kandidaten für eine Position aus zahllosen Bewerbern. Auch für die Personalentwicklung sowie die Vorsorge gesundheitlicher Risiken soll die Anwendung neue Möglichkeiten eröffnen.
 

Es klingt ein wenig nach Science-Fiction: Wenn man das psychologische Analyse-Tool Precire mit einer Sprachprobe füttert, dann spuckt es eine Liste von Merkmalen aus, die den Sprecher genau beschreiben. Auch solche Eigenschaften, die ein Bewerber möglicherweise lieber verbergen möchte, kommen zutage.

Die Technologie weiß, was ein Mensch mitbringt: Ist er praktisch veranlagt, zielorientiert, lernbereit und durchsetzungsstark? Eigenbrötler oder Teamplayer? Chaot oder Organisationstalent? Risikofreudig oder vorsichtig? Wie steht es um seine psychische Widerstandsfähigkeit? Kann er mit Stress umgehen? Oder aus Sicht eines Recruiting-Verantwortlichen: Ist diese Person den spezifischen Anforderungen der zu besetzenden Position gewachsen?

Dirk Gratzel, Geschäftsführer des Precire-Anbieters Psyware, ist sicher, dass die künstliche Intelligenz die Personalauswahl objektiver und treffsicherer bewerkstelligt als die Mitarbeiter einer Personalabteilung. Sie gibt Auskunft über Kompetenzen und Softskills.

"Manche Eigenschaften von Bewerbern sind anfangs nicht sichtbar. Sie stellen sich erst nach der Einstellung heraus", beschreibt er ein Problem der Mitarbeitersuche. Doch wenn eine Stelle erstmal falsch besetzt ist, wird es für das Unternehmen teuer – egal ob der schlecht gewählte Kandidat den Job behält oder nicht.

Analytisch: Dirk Gratzel erkennt Menschen in Daten.
Psyware/S.Wasserthal, S. Nivens/shutterstock
Laut Gratzel soll der Recruiting-Prozess mit Precire schneller und billiger werden. "Unsere Technologie erfasst in einem Schritt sehr schnell, was sonst nur über einen mehrstufigen Prozess bis hin zum zeitaufwändigen Assessment herausgefunden werden kann." Kandidaten, die zwar fachlich qualifiziert sind, aber eine unpassende Persönlichkeit mitbringen, können schnell aussortiert werden.

Auf dieser Überzeugung fußt das Psyware Geschäftsmodell: Unternehmen, die das Tool nutzen möchten, müssen zunächst wissen, wie viel Geld sie bisher in die Personalsuche investiert haben. Wenn der Prozess dann mithilfe der neuen Technologie kostengünstiger wird, teilen sich die Geschäftspartner diese Ersparnis.

Big-Data berücksichtigt 120.000 Sprachbausteine

Während ein Personaler sich auf die bewusst gegebenen Angaben des Kandidaten und seinen persönlichen Eindruck verlassen muss, zieht Precire zahllose, wissenschaftlich basierte Vergleichsdaten zurate. Das Ergebnis kommt durch eine Big-Data-Analyse zustande, die mehr als 120.000 Sprachbausteine berücksichtigt. Untersucht wird dabei die Sprache auf unterschiedlichsten Ebenen.

Es werden unbewusst gegebene Informationen ausgewertet. Die Wortwahl und Sprachkomplexität spielen ebenso eine Rolle wie die Stimmlage, Melodie, Dynamik, Sprechgeschwindigkeit, Lautstärke und Stimmschwankung.

Beispielsweise gibt die Verwendungshäufigkeit von Worten wie "ich", "wir" oder "man" einen Hinweis auf Verantwortungsbewusstsein, egozentrisches Verhalten sowie die Identifikation oder Distanz zu einem Sachverhalt. Die Verwendung positiver oder negativer Begrifflichkeiten geben Aufschluss über den Umgang mit neuen Herausforderungen und Stressbewältigung.

Ein zehnminütiges Gespräch reicht aus

Für den zielgerichteten Einsatz der Technologie muss die Personalabteilung ein passendes Anforderungsprofil erarbeiten. Schließlich werden für unterschiedliche Positionen auch verschiedene Persönlichkeiten benötigt. Die Technologie gleicht die geforderten Eigenschaften mit den vorhandenen ab.

Als Probe für die Analyse reicht beispielsweise der Mitschnitt eines zehn Minuten dauernden Gesprächs. Aber auch Schriftproben können untersucht werden, um eine Person zu charakterisieren. Der inhaltliche Zusammenhang spielt für die Beurteilung der Soft-Skills eine untergeordnete Rolle.

Über das Recruiting hinaus bietet Psyware das Tool auch für die Personalentwicklung an. Die Technologie kann Kommunikationsprobleme aufdecken, deren Folge ineffiziente Besprechungen, unzufriedene oder verärgerte Mitarbeiter und Kunden sein können. Die kommunikativen Fähigkeiten einzelner Mitarbeiter werden sodann durch eine eigens dafür entwickelte Trainingsplattform gefördert.

Aus Gratzels Sicht ist die Anwendung beispielsweise für die Führungskräfteentwicklung bestens geeignet. Sie stellt online individuelle Aufgaben, die sich bedarfsorientiert auf die stimmlichen Fähigkeiten, Überzeugungskraft oder Verständlichkeit der Person beziehen. Eine langfristige Verlaufsbetrachtung dokumentiert den Lernerfolg.

Einsatzmöglichkeit im betrieblichen Gesundheitswesen

Ein drittes Einsatzgebiet sieht Gratzel im betrieblichen Gesundheitswesen. Denn die Sprachanalyse kann auch das Gefährdungspotenzial eines Mitarbeiters für psychologische Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen offenlegen. "2020 werden dies die häufigsten Erkrankungen in Deutschland sein", zeigt Gratzel die Größenordnung potenzieller Fehlzeiten auf.

In Kooperation mit der Krankenkasse DAK hat Psyware den Voice-Check mit einem Online-Seminar zur Stressbewältigung und Burnout-Prävention kombiniert. Bei Bedarf wird auch der direkte Kontakt zum Betriebsarzt hergestellt.

Gratzel sieht für die innovative Technologie ein "enormes Potenzial" in der Arbeitswelt der Zukunft. Allerdings ist er sich bewusst, dass es Widerstände dagegen geben kann. Kritiker befürchten, dass derartige Big-Data-Analysen den "gläsernen Mitarbeiter" hervorbringen.

Grundsätzlich müssten Personen, deren Sprachprobe untersucht werden soll, dem Verfahren zustimmen. Über den richtigen Einsatz und Umgang mit den neuen Möglichkeiten wird es voraussichtlich noch Diskussionsbedarf geben.

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