Digitalisierung Arbeit wird mobil wie Kapital

von Roswitha Wesp
Donnerstag, 22. Oktober 2015
Die Digitalisierung stellt die Arbeitswelt auf den Kopf und erfordert neue Führungsmethoden. Mit Big Data lassen sich Verhalten und Karrieren zwar vorhersagen, doch die Bewertung braucht Menschen mit hoher Führungskompetenz und Teamgeist.
Lange Entscheidungswege und Schwerfälligkeit im Reagieren auf Veränderungen darf es künftig in Unternehmen nicht mehr geben.

"Um auf Veränderungen schnell genug reagieren zu können und Spezialisten auf dringende Themen anzusetzen, ist ein Management mit flachen Entscheidungsstufen erforderlich", erklärt Harald Smolak, Partner und HR Director beim Münchener Interim-Management-Berater Atreus, die Notwendigkeit einer neuen Führung in Zeiten der Digitalisierung.

Digital Natives misstrauen Hierarchien

  "Raus aus den gewohnten Verhaltens- und Arbeitsmustern" ist das Credo, nach dem Unternehmen künftig agieren müssen. 2030, rechnet Smolak vor, machen Digital Natives schon 30 Prozent der Erwerbstätigen aus. Ihrer Meinung nach entscheidet jedoch Kompetenz über den Erfolg, nicht starre Hierarchien, wie sie in den meisten Unternehmen noch existieren.

Stattdessen müssen agile Projekt- und Entscheidungsstrukturen entwickelt werden. Viele Unternehmen sind Smolak zufolge zu langsam im Umgestaltungsprozess. Nach wie vor setzen sie auf Incentives wie Boni oder Dienstwagen für ihre Führungskräfte.

Dies jedoch stamme aus der Zeit der Babyboomer, als Karriere und monetäre Zuwendungen enorm wichtig waren, so Smolak. Die Generation Y der 25- bis 39-Jährigen mache sich daraus nicht mehr viel. Ihnen sind flexible Arbeitszeitmodelle und die umweltfreundliche Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel oftmals wichtiger.

Projektarbeit von unterwegs

Vor allem aber auch die ständige Präsenz am Arbeitsplatz ist obsolet geworden. Durch Smartphone, Tablet und PC kann von überall aus gearbeitet werden. In Projekten übernehmen Einzelne Führungsaufgaben, die sich nicht an Hierarchien, sondern an Fachkompetenzen ausrichten. "Es gilt individuelle Talente zu nutzen", rät Smolak.

Alle Unternehmen müssen sich künftig verstärkt um gute Mitarbeiter bemühen. Dazu braucht es eine Führung, die – wie Smolak betont – auf den vier Verhaltensmerkmalen Integrität, Verantwortung/Vertrauen, Toleranz/Innovation sowie Mitgefühl/Empathie beruht.

Wer Verantwortung übertrage, müsse auch bereit sein, loszulassen und zu vertrauen. Früher sei im besten Falle der zur Führungskraft befördert worden, der etwas Fachliches besonders gut konnte. Dies habe viele Fachleute überfordert, weil Führung nur schwer erlernbar ist.

Heute müssten Unternehmen ihren Führungsstil den Veränderungen des Marktes ständig anpassen und innovative Technologien nicht nur bereitstellen, sondern sie auch zielführend nutzen, um Wettbewerbsvorteile zu erlangen.

Dabei bietet die Informationsflut zwar eine Vielzahl von Anhaltspunkten, die Verhalten und sogar den Verlauf von Karrieren voraussagen können. Doch deren Deutung und Interpretation erfordert mehr denn je das menschliche Maß, ohne das Einschätzungen nicht möglich sind.

Via Facebook könnten heute schon Profile von Bewerbern oder Mitarbeitern erstellt werden, an denen mit Hilfe der vorhandenen Daten viele Verhaltensmuster vorhersehbar sind. "Die Analyse stellt jedoch nie die Frage nach dem Warum", sagt Smolak.

Führungskräfte sollten Mitarbeiter nicht einseitig nach ihrem fachlichen Output bewerten, sondern auch "nach der Art und Weise, wie sie diese Leistung erbracht haben". Dazu sei es notwendig, die Person im Gesamtkontext zu sehen und nicht primär nach Zahlen, Daten und Fakten zu beurteilen.

Eine große Herausforderung "für narzistisch strukturierte Persönlichkeiten", die unter Führungskräften häufig zu finden sind, ist es demnach, zuzuhören, auch wenn man nicht gleicher Meinung ist. Es müsse Neugier für andere Ideen und Denkweisen geweckt werden, um sie zu hinterfragen, ohne gleich zu bewerten.

Die Digitalisierung beschleunigt den Umgestaltungsprozess und macht neue Formen der Führung notwendig. Führungskompetenz könne man jedoch "nicht so schnell lernen", gibt Smolak zu bedenken.

Führung durch Macht mache schwach, weil sie "eine Mannschaft von angepassten, unmotivierten Vasallen erzeugt". Guten Leadern dagegen gelinge es, als Team die kollektive Intelligenz zu nutzen und effektiv gemeinsam an Herausforderungen zu arbeiten.

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