Kompetenz zählt und nicht der Berufsweg

von Judit Hillemeyer
Freitag, 09. Februar 2007
Europa lebt von nationaler Differenzierung und Einheit. Nach der Währungsunion und den internationalen Hochschulabschlüssen rückt die berufliche und schulische Ausbildung in den Blickpunkt. Ein nationaler und ein europäischer Qualifikationsrahmen soll für mehr Transparenz und Durchlässigkeit sorgen.



"Unser Ziel ist die stärkere Vernetzung und Durchlässigkeit sowie mehr Transparenz in der schulischen, universitären und beruflichen Bildung", sagt Oliver Stieper. Er ist bei der Metro Group für Personal und Soziales sowie die Koordination der Berufsbildung zuständig.

Politik, Wirtschaft und die europäischen Spitzenverbände engagieren sich seit eineinhalb Jahren für einen "Europäischen Qualifikationsrahmen" (EQF). Das Vorhaben ist komplex. Müssen doch unter Wahrung des Subsidiaritätsprinzips nationale und internationale Interessen gewahrt, aber auch Kompromisse geschlossen werden.

Die Initiative "Nationaler" beziehungsweise "Deutscher Qualifikationsrahmen" befindet sich in der Konsultationsphase. An der dualen Berufsausbildung rüttelt niemand. "Wer will schon einen Führerschein ohne Fahrpraxis", so Stieper. Die praktische Ausbildung hält auch Personalentwickler Klaus Kayser, von Kaiser's Tengelmann für unverzichtbar. Zur Disposition steht das eher starre deutsche Bildungssystem.

Offene Wege für alle

Hierzulande wird unmittelbar nach der Grundschule selektiert. Bestimmte Bildungswege bleiben einem Teil der Gesellschaft verschlossen. "Das ist ungerecht und vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und dem drohenden Fachkräftemangel eine Ressourcenverschwendung", so Stieper. Bewegung ist angesagt: Damit die duale Ausbildung ein Erfolgsmodell bleibt, muss sie sich "den Herausforderungen stellen, die der schnelle technische Fortschritt, die Entwicklung hin zur Wissensgesellschaft und nicht zuletzt die demographische Entwicklung mit sich bringen", sagte kürzlich DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun in Berlin. Es geht nicht um eine inhaltliche Neuordnung, sondern um eine Öffnung aller Bildungswege.

Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Bewertung von Kompetenzen und Leistungen ähnlich dem Kreditpunkte-System im europäischen Hochschulwesen. Voraussetzung dafür sind zertifizierte Lernbausteine. Die Idee von Transparenz und Durchlässigkeit stößt in Deutschland und Europa auf eine positive Resonanz. "Wir stehen doch alle vor den gleichen Herausforderungench", sagt Stieper.

Unternehmen wie Metro und Carrefour arbeiten international. Sie rekrutieren im Ausland Mitarbeiter. Die Berufsausbildung ist jedoch in Europa sehr unterschiedlich strukturiert. Während Deutsche dual ausbilden setzen Franzosen, Polen und Briten auf eine rein schulische Berufsausbildung. "Transparenz ist dringend notwendig", unterstreicht Bernhard Bingenheimer, Personalchef bei Lekkerland.

Bildung im Bausteinsystem

Ein Bausteinsystem gibt es bereits bei den Einzelhandelsberufen. Mit der Reform von 2004 wurden Wahlpflichtbausteine geschaffen. Den zweijährigen Verkäuferberuf erlernt fast die Hälfte aller Kurz-Azubis. Sie können sich diesen Berufsabschluss auf die zweite Lehre zum Einzelhandelskaufmann anrechnen lassen. "Mit dieser Flexibilität sind wir zufrieden", sagt Kayser. Groß- und Außenhandelskaufleute spezialisieren sich seit 2006 auf den Groß- oder Außenhandel.

Im industriellen Bereich wird über wählbare "Einsatzfelder" ausgebildet. Ein Punktesystem könnte mehrere Vorteile bringen: Abbrecher müssten bei der Wiederaufnahme einer Lehre nicht von vorn anfangen, sondern sich ihre bisherigen Leistungen anrechnen lassen. Allein im Jahr 2005 haben 23.700 junge Menschen ihre Ausbildung abgebrochen - häufig im dritten und vierten Lehrjahr.

"Nicht der Lernweg ist entscheidend, sondern die erworbenen Kompetenzen", so Stieper. Und wenn es transparente Ausbildungswege in Europa gibt, dann wird automatisch auch die Mobilität in der Europäischen Union gefördert. Vom Niederlassungsrecht in der EU machen heute vor allem unqualifizierte und hochqualifizierte Menschen Gebrauch.

Bis Ende 2007 wollen Politik und Wirtschaft erste Ergebnisse vorlegen. Eine internationale Einheitslösung wird es allerdings nicht geben. Aber von mehr Transparenz würde die Handelsbranche profitieren, die aufstiegsorientierte und qualifizierte Bewerber sucht, sagt Wilfried Malcher, bildungspolitischer Experte des HDE. (juh)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats