Blockchains Gespeichert für immer für alle

von Hendrik Varnholt
Freitag, 01. Dezember 2017
Blockchain gilt als Technik, die das Leben so sehr verändern könnte, wie es einst das Internet tat.
Henrik Sorensen/GettyImages
Blockchain gilt als Technik, die das Leben so sehr verändern könnte, wie es einst das Internet tat.
Blockchains könnten einmal das Leben verändern. Die Technologie speichert Daten für die Ewigkeit, macht Informationen für jeden zugänglich und zentrale Instanzen überflüssig. Das ist auch eine Gefahr – zum Beispiel für den Datenschutz.
Man wird Satoshi Nakamoto kein Denkmal bauen können, sollte seine Erfindung einmal die Welt verändern. Nakamotos wahrer Name ist unbekannt. Der Erfinder ist ein Mysterium. Seine Idee ist es für die meisten Menschen nicht minder: Nakamoto hat im Jahr 2008 auf neun Seiten geschrieben, wie sich Daten für die Ewigkeit sicher und ohne die Kontrolle eines Einzelnen speichern lassen. Die Erfindung heißt heute Blockchain. Sie gilt als Technik, die das Leben so sehr verändern könnte, wie es einst das Internet tat. Erste Anwendungen zeigen jedenfalls: Blockchains haben das Potenzial, mehr als ein Buzzword zu sein. Es ist Zeit, die Technik ernst zu nehmen.

Bei der Zukunftskonferenz Web Summit, Europas wichtigstem Gipfeltreffen von Nerds und Utopisten, geht es längst nur noch darum, wann und wie Blockchains die nächste Technikrevolution auslösen. Auf einer der Bühnen in Lissabon redet auch Unilever-Manager Mark Kaplan mit. Er ist Chef für Nachhaltigkeitsthemen bei dem Konsumgüterkonzern. Das zeigt, worum es Unilever geht, wenn das Unternehmen über Blockchains spricht: Kaplan sagt, die Technologie könne das Vertrauen der Konsumenten wiederherstellen.

Blockchains sind Datenbanken. In ihnen lassen sich Informationen speichern. Allein, die Informationen lassen sich praktisch nicht löschen oder verändern. Eine Blockchain ist zudem auf vielen Computern gleichzeitig gespeichert. Kein einzelner Beteiligter hat die Macht über die Daten. Das mache Blockchains "zu einer idealen Technologie, um etwa Lieferketten zu kontrollieren", sagt Roland-Berger-Berater Thorsten de Boer.

Gemeinsame Datenbank senkt Kosten

Hersteller, Transporteure, Verarbeiter und Händler brauchen mit Blockchains nur noch eine gemeinsame Datenbank zu führen. Das senke Kosten, sagt de Boer. Unilever-Mann Kaplan sagt, die Technik werde Lebensmittelunternehmen helfen, bedeutsame Informationen über die Herkunft ihrer Produkte zu liefern. Denn: Endkunden haben über öffentliche Blockchains genauso viel oder wenig Macht wie Unternehmen. Und: Manipulation sind so gut wie ausgeschlossen – jedenfalls dann, wenn die einmal eingegebenen Informationen stimmen.

Dass die Technik funktioniert, hat die sogenannte Krypto-Währung Bitcoin zum Ärger einiger Regierungen bewiesen. Die virtuellen Geldstücke – oder besser: ihre Transaktionen – sind per Blockchain auf Tausenden Computern gespeichert. Mit Bitcoins lässt sich auf einigen Internetseiten viel Alltägliches, aber auch allerlei Fragwürdiges bezahlen, Drogen zum Beispiel. Das hat die Währung in Verruf, doch auch bekannt gemacht. Weil zugleich die Höchstzahl aller Bitcoins technisch begrenzt ist, ist der Kurs der Währung wahrhaft explodiert. Zum ersten Mal soll im Jahr 2010 ein Programmierer mit Bitcoins bezahlt haben. Für eine Pizza gab er 10.000 Bitcoins aus. Sie hätten heute einen Wert von rund 70 Millionen Euro.

Das zeigt, welche Bedeutung Investoren der Blockchain-Technik zumessen. Es zeigt womöglich aber auch, wie sehr mancher die Technologie überschätzt. Blockchains sind keine Lösung aller Probleme, nicht einmal ein Ersatz für jede Datenbank, die Unternehmen führen. Persönliche Daten zum Beispiel lassen sich kaum in Blockchains speichern – denn für Datenschützer ist die Technik apokalyptisch: Weil sich aus den Datenketten nichts löschen lässt, können sie das Recht auf Vergessenwerden vergessen. Der Rechtsanwalt und Blockchain-Experte Benjamin Kirschbaum von der Kanzlei Winheller fragt zudem: "Gibt es überhaupt einen Verantwortlichen in der Blockchain?" Wenn alle verantwortlich sind, ist es letztlich niemand.

Nur ein Hype?

Es ist deshalb gut möglich, dass sich die Aufmerksamkeit für Blockchains bald als Hype herausstellt. Wie einst im Fall des Neuen Markts folgen auf große Kursgewinne nicht selten dramatische Verluste. Die Entwicklung dessen, was einmal Neuer Markt hieß, zeigt aber auch: Es ist leicht, die kurzfristigen Auswirkungen einer neuen Technik zu überschätzen, und es ist genauso leicht, deren langfristige Bedeutung zu unterschätzen.

Ignorieren ist gefährlich – vor allem für Organisationen, die bislang Vermittler zwischen verschiedenen Parteien sind, die Transaktionen im Auftrag anderer speichern und Schnittstellen definieren. Die zentralen Instanzen werden überflüssig, wenn die Computer aller Beteiligten gemeinsam alle Daten speichern. Auch das belegt das Beispiel Bitcoin. Immerhin funktioniert die Währung ohne eine Zentralbank.

Selbst die Einkaufsgemeinschaften des Handels sieht Roland-Berger-Partner de Boer unter Druck. Sie müssten neue Dienstleistungen auf der Basis von Blockchains entwickeln, fordert er.

Vor allem amerikanische Unternehmen hat die Technik längst aufgeschreckt. Walmart testet unter anderem mit Unilever, Nestlé und Dole, wie sich Lieferketten mit Blockchains transparenter machen lassen. Aber auch Real-Chef Patrick Müller-Sarmiento beschäftigt die Technologie. Er sagt, sie habe ein "riesiges Potenzial". Sie könne etwa Kunden garantieren, dass bei ihnen "ultrafrische Ware" ankomme.

Tests beim Austausch leerer Paletten

Blockchains können womöglich noch mehr. GS1, eine der wichtigsten zentralen Instanzen der Handelsbranche, testet, wie sich der Austausch leerer Paletten mit der Technik organisieren lässt. Die RWE-Tochter Innogy vernetzt Ladesäulen für Elektroautos mit der Hilfe von Blockchains. Die Versicherung Axa bietet eine Police auf der Basis von Blockchains an, die automatisch zahlt, wenn sich ein Flug verspätet.

Das funktioniert, weil auf den Computern der Blockchain-Teilnehmer auch Programme, sogenannte Smart Contracts, ablaufen können. Algorithmen wie die der Axa-Versicherung lassen sich, wenn sie einmal gestartet sind, nicht mehr stoppen. Es ist gewissermaßen garantiert, dass sich die Vertragspartner an ihre Vereinbarungen halten. Auch das mag Vertrauen schaffen.

Wenn die Daten nicht stimmen, die in die Blockchain fließen, ist die Automatisierung aber eine Gefahr. Wenn die Einträge in der Flugdatenbank falsch sind, zahlt die Axa zu viel. Wenn einmal eine Blockchain das Grundbuch ersetzen sollte, drohen Immobilien bei einem Fehler unwiderruflich den Eigentümer zu wechseln. Wenn ein betrügerischer Spediteur falsche Barcodes einscannt, lässt sich auch mit Blockchains keine Lieferkette kontrollieren.

Leute wie Sebastian Becker könnten deshalb zu den Profiteuren der Blockchain-Technik gehören. Becker arbeitet für das österreichische Unternehmen Riddle & Code. Das Start-up will Hardware herstellen, mit der sich die Informationen, die in Blockchains gelangen, sichern lassen – zum Beispiel elektronische Etiketten, die die Funktion einstellen, wenn sie jemand von der Ware löst. Becker will solche Technik etwa den Herstellern von Luxus-Handtaschen verkaufen. Sie könnten damit und mit der Hilfe von Blockchains den Graumarkt kontrollieren, sagt er. Wenn sich jede Handtasche bis zum Endkunden verfolgen lasse, könne kein Auftragsfertiger mehr nachts auf eigene Rechnung produzieren.

Fehlende Skalierbarkeit problematisch

Bislang allerdings begrenzen technische Probleme die Möglichkeiten. Informatiker sagen, es fehle an Skalierbarkeit: Große öffentliche Blockchains brauchen derzeit enorme Rechenleistung und deshalb wahnsinnige Mengen Strom. Etwa im Fall von Bitcoins dauern Transaktionen zudem immer länger.

Die gerade in Berlin gegründete Iota-Stiftung zum Beispiel will das Problem lösen. Eine von ihr unterstützte Krypto-Währung soll sich mit der Hilfe einer Blockchain-ähnlichen Technologie in Sekundenbruchteilen transferieren lassen. Nach der Vorstellung der Stiftung könnten sich damit im Internet der Dinge Maschinen gegenseitig für ihre Leistung bezahlen. Menschen würden ein Stück mehr durch Technik ersetzt.

Vermutlich weiß der, der sich Satoshi Nakamoto nennt, um solche Möglichkeiten seiner Erfindung. Vielleicht gibt er sich deshalb nicht zu erkennen.

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