Studienreform gewinnt an Akzeptanz

von Redaktion LZ
Freitag, 04. Juni 2010
LZnet. Im Zuge der Studienreform wurden neue Bachelor- und Master-Abschlüsse eingeführt. Hersteller und Händler müssen sich auf Nachwuchs einstellen, der jünger ist und weniger Erfahrung mitbringt.
Besetzte Hörsäle, Sprechchöre und Trillerpfeifen: 2009 ging es an deutschen Unis hoch her. Zehntausende Studenten, Schüler und Lehrer demonstrierten bundesweit und mit breiter Öffentlichkeitswirkung für bessere Bildung und Finanzausstattung ihrer Alma Mater. Die Forderungen der angehenden Akademiker: weniger Stofffülle und Prüfungsdruck, mehr Freiräume im Studium, weg von der chaotischen Organisation und kleinteiligen Spezialisierung. 

Nun ist scheinbar Ruhe eingekehrt. Dabei stellt sich für Absolventen und Arbeitgeber die Frage nach ihrer Beschäftigungsfähigkeit – neudeutsch "Employability". Noch ist ihre Zahl verglichen mit den Berufseinsteigern mit klassischem Diplom und Master zwar gering, wächst aber stetig. Für den Abschlussjahrgang 2009 nennt das Hochschulinformationssystem etwa 70.000 Bachelor-Absolventen.

Fachrichtung entscheidet

Auch die Akzeptanz bei den Arbeitgebern steigt, schwankt allerdings nach Fachrichtungen, so die Personalspezialisten von Staufenbiel. Ist der Bachelor bei Wirtschaftswissenschaftlern bei 79 Prozent der befragten Unternehmen "gern gesehen", sind es bei Naturwissenschaftlern nur 64 Prozent. Das Universitätsdiplom liegt mit 96 Prozent Zustimmung immer noch an der Spitze.

Der Master-Titel folgt jedoch dicht darauf mit 92 Prozent und ist demnach mittlerweile fast so anerkannt wie das Uni-Diplom. Auch seien die anfänglichen Vorbehalte gegen den Bachelor zuletzt weiter zurückgegangen – insbesondere dort, wo Unternehmen mit den neuen Mitarbeitern bereits Erfahrungen sammeln konnten.

Bachelors sind willkommen

Dass Bachelor in den Firmen durchaus willkommen sind, daran hat Prof. Dr. Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) und geschäftsführender Gesellschafter des Frühstücksflockenherstellers Peter Kölln, keinen Zweifel. "Es war wichtig, mit dem Bachelor einen Abschluss einzuführen, der international anerkannt ist und einen direkten Einstieg in die Berufstätigkeit nach drei bis vier Jahren ermöglicht”, lässt sich der Familienunternehmer zitieren. Durch die Reform hätten die Hochschulen "mehr Autonomie erhalten”.

Sie sollten diese nutzen, um Studiengänge auszugestalten und die Beschäftigungsfähigkeit der Studierenden zu erhöhen, so Driftmann. Letzteres könne nur "in enger Abstimmung mit der Wirtschaft funktionieren". Deren Personalverantwortliche verlieren langsam ihre Scheu im Hinblick auf die "Blitzakademiker". Das Gros ist überwiegend zufrieden mit den B+M-Absolventen. Bei einer Umfrage des DIHK gaben immerhin 67 Prozent der Firmen an, dass sich ihre Erwartungen beim Einsatz von Bachelors erfüllt haben.

Abstimmung mit Wirtschaft

"Mittlerweile erhalten wir die ersten Bewerbungen der neuen Generation der Hochschulabsolventen", sagt etwa Kraft Foods Deutschland. "Viele wissen aber noch nicht genau, was ihre Bakkalaureus-Abschlüsse in der freien Wirtschaft wert sind", so der Nahrungsmittelhersteller. Die Oetker-Gruppe kann mangels Masse "noch keine repräsentativen Einschätzungen liefern". Auch der Körperpflegekonzern Beiersdorf hat "bis heute nur vereinzelte Erfahrungen" mit Bachelor-Absolventen. Wettbewerber Henkel hat dagegen etliche Bachelor- und Master-Minds bereits unter Vertrag. Dort begrüßen die Personalentscheider das Bologna-Ergebnis. "Gut ist, dass wir jetzt die Abschlüsse auf europäischer Ebene besser miteinander vergleichen können."

Für verbesserungswürdig hält der Konzern den Praxisbezug von Bachelor-Absolventen. Der Hersteller spricht damit einen Punkt an, der anderen Unternehmen ebenfalls aufgefallen ist. Etwa der Rewe Group. "Bei den eingehenden Bewerbungen fällt auf, dass die Anzahl der Praktika oder weitere Berufserfahrungen wie zum Beispiel Werkstudententätigkeiten stark gesunken ist", moniert Michael Möller, Bereichsleiter Personalentwicklung. Gerade die Praktika seien aber ein wichtiges Bewertungskriterium im Recruitingprozess. "Für Bachelor-Absolventen ohne vorherige Ausbildung oder ohne anschließendes Master-Studium kann der Einstieg ins Berufsleben aufgrund geringerer praktischer Erfahrungen schwieriger sein als für Diplom-Absolventen", so Möller.

Wenig Zeit für Praktika

Auch Bitburger hadert mit der fehlenden Praxis. "Das sehen wir allerdings nicht als so gravierend an", relativiert Theo Scholtes, Leiter der Personalabteilung der Braugruppe und Vorsitzender des Hochschulrats der FH Trier. Denn dafür sind die Absolventen jung und noch formbar. Mit dem Ausbildungsniveau "sehr zufrieden" zeigt sich Pizzaspezialist Wagner. "Nicht nachvollziehen" kann man dort die mancherorts geäußerten Klagen, dass Bologna "Discount-Akademiker" ins Berufsleben entlasse. Vielleicht sei bei dem einen oder anderen Bewerber aufgrund seiner Jugend ein Mangel an Lebenserfahrung festzustellen. 

Gleichzeitig "entwickle sich aber durch die Straffung des Lehrstoffs und die verkürzte Studienzeit ein neuer Absolvententyp, der stark pragmatisch veranlagt ist". Das sieht Griesson-de Beukelaer genauso. Der Gebäckhersteller hat bereits Bachelor-Absolventen in kaufmännischen und technischen Bereichen eingestellt. "Mit dem Ausbildungsniveau sind wir zufrieden", äußert sich Manuel Hardt, Leiter Personalentwicklung. Eine generelle Verkürzung der Studiendauer konnte er "bisher allerdings nicht feststellen".

Neuer Absolvententypus

Ebenso wenig wie die häufig geäußerte Kritik, die Umstellung der Studiengänge habe zu einer Verschulung der Ausbildung geführt. "Die sehr strammen Lehrpläne zwingen die Studenten zu einem straffen Aufbau ihres Studiums. Dabei lernen sie, sich zeit- und zielorientiert zu organisieren", freut sich Hardt. Er sieht darin eine "gute Vorbereitung auf spätere anspruchsvolle berufliche Herausforderungen". Das gesammelte Fachwissen sei nicht geringer als bei den alten akademischen Abschlüssen, findet er.

Bei der Praktikavergabe indes kann es zu Problemen kommen. So mehren sich die Anfragen nach acht- bis zwölfwöchiger Höchstdauer, bestätigen Markenhersteller, weil den Studenten nach der neuen Studienform selten mehr Zeit bleibt. "Das ist alles andere als optimal", urteilt Nestlé-Sprecher Alexander Antonoff. Nur wenn ein Praktikant lange genug im Unternehmen sei, könne er richtig eingearbeitet werden und aktiv an Projekten teilnehmen.

In die gleiche Kerbe schlägt Bitburger-Personalmann Scholtes: "Durch unseren Kontakt zu Hochschulen und aus Bewerbergesprächen wissen wir, dass die Freiräume der Studenten durch das neue System deutlich eingeschränkt sind." Die studienfreie Zeit werde daher hauptsächlich für die Vorbereitung auf Prüfungen genutzt. Das merken wir auch am Rückgang der Bewerbungen für längere Praktika."

Personalpolitik muss sich ändern

Nur langsam richten Arbeitgeber ihre Personalpolitik auf die zunehmende Zahl der B+M-Bewerbungen aus. Bislang sind speziell auf sie zugeschnittene Einstiegsprogramme oder klare Aussagen, ob später eine Freistellung für den Master oder ein berufsbegleitendes Studium möglich ist, selten. Nur wenige können wie Kraft Foods mit einem eigens aufgelegten Programm punkten. Der Markenartikelhersteller hat bereits im Januar vergangenen Jahres ein Junior Management-Programm (JMP) für Absolventen der neuen Abschlüsse gestartet, die eine Position im mittleren bis oberen Management anstreben. 

Wichtig ist dem Konzern, dass sie sofort in konkreten Projekten Verantwortung übernehmen, anstatt erst in Traineeprogrammen eine Art ,Zweitstudium‘ im Unternehmen absolvieren. Das Programm für Master-/Diplom-Absolventen dauert zweieinhalb Jahre und etwa drei Jahre für Bachelor-Neulinge. Die Einstiegsgehälter liegen bei 38.000 Euro (BA) und 42.000 Euro (MA/Diplom).

Verringerte Einstiegsgehälter

Apropos Geld: Absolventen mit Bachelor verdienen beim Berufsstart meist etwa 15 bis 20 Prozent weniger als traditionell ausgebildete Akademiker, wie eine Studie der Uni Kassel ergab. Zu vergleichbaren Ergebnissen kommt die Deutsche Gesellschaft für Personalführung. Demnach erhalten Bachelor in etwa der Hälfte der Firmen weniger Geld als Berufseinsteiger mit Diplom. In der Regel beträgt die Differenz jedoch weniger als 20 Prozent. In der anderen Hälfte der Unternehmen gibt es keine Unterschiede. Je nach Studium dürften sich die Gehälter annähern, glauben Experten. Bei Ingenieuren beispielsweise sei das jetzt schon der Fall.

"Bisher hat die Bologna-Reform nicht zu einer strukturellen Anpassung der Einstiegsgehälter geführt", sagt Rewe-Personaler Michael Möller. Alle Trainees erhalten derzeit, unabhängig vom erreichten Abschluss, ein identisches Gehalt. Auch Griesson-de Beukelaer habe seine Einstiegsgehälter "nicht nach unten korrigiert", betont Manuel Hardt. Ob ein Bewerber eine Stelle erhält, hänge schließlich von vielen Aspekten ab. Jungakademiker, die skeptisch in die Zukunft blicken, dürfte das freuen.

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