Karriere im Handel "Chancengleichheit kommunizieren"

von Silke Biester
Freitag, 22. Mai 2015
Nachwuchs gesucht: Auf der Verkaufsfläche ist der Bedarf des Handels am größten.
Uwe Bellhaeuser, LZ-Archiv
Nachwuchs gesucht: Auf der Verkaufsfläche ist der Bedarf des Handels am größten.
Der Einzelhandel steht vor einem Dilemma: Als größter Ausbilder der Nation ist er zum einen mit einer schrumpfenden Zahl junger Menschen konfrontiert. Zum anderen wollen diese immer häufiger studieren. Die Branche zeigt sich im Wettbewerb um den Nachwuchs flexibel.
Der Lebensmitteleinzelhandel bekennt sich aus Überzeugung zur dualen Ausbildung. Insbesondere für den Einsatz auf der Verkaufsfläche ist dies die Qualifikation der Wahl. Dort ist der Bedarf an Nachwuchskräften am größten.

Fragt man namhafte Personalentwickler des Handels, so müsste sich daran nicht viel ändern. Die erschwerte Suche nach geeigneten Azubis macht ein Umdenken allerdings dringend erforderlich: 50 bis 60 Prozent der Schulabgänger hat heute eine Hochschulzugangsberechtigung. Sie wollen studieren. Das Ansehen einer Berufsausbildung sinkt im Vergleich zum Studium.

"Zeitgleich mit dem demografischen Wandel wächst für den Handel die Herausforderung, die Attraktivität dieser Branche mit der Vielzahl an Ein- und Aufstiegsmöglichkeiten für junge Akademiker sichtbar zu machen", stellt Jens Kettler fest. Der Geschäftsführer der Edeka-Juniorengruppe sieht viele Einsatzmöglichkeiten. "Sowohl im Markt als auch in den Großhandelsbetrieben und in der Zentrale brauchen wir pfiffige Leute, die Lust haben, Dinge anzupacken und zu bewegen."

Kaufland bietet mehr duale Studienplätze

Auch Kaufland stellt sich den neuen Anforderungen: "Auf die steigende Nachfrage nach einem dualen Studium haben wir in den letzten Jahren mit einer sukzessiven Erhöhung der Studienplätze und Erweiterung der Studiengänge reagiert", heißt es aus Neckarsulm. Darüber hinaus hat das SB-Warenhausunternehmen die Einstiegsmöglichkeiten ausgebaut.

"Absolventen und auch Studienabbrecher sind bei uns herzlich willkommen", sagt der Edekaner Kettler. Er verweist darauf, dass rund 40 Prozent der Teilnehmer am Abiturientenprogramm der Edeka zuvor bereits zu studieren begonnen hatten, dort aber den Praxisbezug vermissten. Ein Drittel aller Studienanfänger verlässt die Uni ohne Abschluss.

Edeka heißt Absolventen und Studienabbrecher willkommen

"Der Handel ist so bunt, dass Menschen mit unterschiedlichster Bildung hier ihren Platz finden können", ist Hannelie Bohnes, Leiterin Personalentwicklung bei Real, überzeugt. Und Kettler ergänzt: "Jeder kann seinen individuellen Weg gehen. Motivierte Talente profitieren von dem umfangreichen Weiterbildungsprogramm, das für jeden Karrierestand das passende Angebot bereithält."

 

Obwohl die Branche sich darauf einstellt, mehr Akademiker zu beschäftigen, herrscht Einigkeit unter Personalverantwortlichen, dass die zunehmende Akademisierung am Arbeitsmarkt vorbeigeht. Gerade weil es sich um eine Massenbewegung handelt, könnten künftige Berufseinsteiger auch nicht mehr davon ausgehen, dass ein scheinbar höherer Abschluss automatisch in die Chefetage führt.

Gleicher Einstieg für Bachelor und Fachwirt

"Bachelor-Absolventen werden bei uns in der gleichen Position eingesetzt wie die Teilnehmer unseres Abiturientenprogramms zum Fachwirt für Vertrieb", erklärt Bohnes. Mancher Händler stellt ohnehin infrage, ob Jungakademiker zwangsläufig Führungsverantwortung übernehmen müssen – Spezialistenfunktionen seien ebenfalls denkbar.

Das gleiche gilt in den Filialorganisationen umgekehrt: "Einige Beispiele zeigen, dass ein akademischer Abschluss nicht notwendig ist, um Karriere zu machen", bekräftigt eine Kaufland-Sprecherin. "Dieser Grundsatz wird weiterhin bestehen."

Wilfried Malcher, HDE-Geschäftsführer
LZ-Archiv
Im Handel sind die Aufstiegschancen der 5.000 Jugendlichen, die aktuell in den Abiturientenprogrammen ausgebildet werden, ebenso gut wie die von Absolventen. Ihre Fachwirtberufe sind gemäß Deutschem Qualifikationsrahmen (DQR) mit einem Bachelor gleichwertig auf DQR-Niveau 6. "Diese Gleichwertigkeit und die guten Chancen, die beide Bildungswege bieten, gilt es noch besser zu kommunizieren", meint der Bildungsexperte des HDE, Wilfried Malcher. "Es gibt keinen Königsweg Abitur – Studium – Karriere – hohes Gehalt." Im Handels hofft man, dass diese Erkenntnis bald bei der Jugend und ihren Eltern ankommt.

"Bachelor ist voll ausreichend" Herr Malcher, der Handel bevorzugt die Ausbildung. Junge Menschen wollen studieren. Muss der Handel umdenken?
Der Handel steigert den Akademikeranteil kontinuierlich. Die Handelsprozesse werden komplexer, ihre Gestaltung erfordert mehr strategische Analysekompetenz.. Zudem wird es künftig häufiger systemische Innovationen in den Vertriebskonzepten geben – ob stationär, online oder vernetzt spielt dabei keine Rolle. In diesen Bereichen haben Hochschulabsolventen durchaus Kompetenzvorteile.

#BL2-3#Wie bewerten Sie den Einsatz von Absolventen in der Branche?
Die Unternehmen berichten von positiven Erfahrungen. Der Handel ist auch stärker in den Fokus von Studierenden gekommen. Das gute Hochschulmarketing wirkt sich aus. Die Branche hat ja auch sehr attraktive Arbeitsplätze für Akademiker zu bieten.

Starten nur Dual-Studierende in der Branche oder auch Uni-Absolventen mit weniger Praxisanbindung?
Die Kombination von wissenschaftlichem Studium und Handelspraxis wird weiter besondere Bedeutung haben. Seit der Bologna-Reform führt aber ein Bachelorstudium zu einem vollwertigen arbeitsmarktverwertbaren Berufsabschluss, weil Praxisorientierung eine ganz andere Rolle spielt als früher. Für den Berufseinstieg im Handel, aber auch in anderen Branchen, reicht er vollkommen aus. Dies muss in der Information zur Berufsorientierung im Gymnasium und an Hochschulen immer wieder verdeutlicht werden.





 

(sb)

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