Weiche Faktoren bestimmen harte Fakten

von Judit Hillemeyer
Freitag, 29. Juni 2007
Thomas Middelhoff
Thomas Middelhoff
Personalmanagement ist nicht alles, aber ohne es geht in Wirtschaftsunternehmen nichts mehr. Mit zwei Starrednern und einem umfassenden Themenreigen präsentierte sich der DGFP-Kongress in Wiesbaden. Wissenschaftler, Praktiker und Dienstleister stellten ihre Erfahrungen vor.



Karstadt-Chef Thomas Middelhoff: "Personalmanagement ist eine strategische Aufgabe."

"Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird, aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll." Mit dem Zitat von Georg Christoph Lichtenberg erläuterte der Karstadt-Vorstandsvorsitzende Dr. Thomas Middelhoff die Notwendigkeit zur Veränderung. Denn der Konzern stand vor dem Aus.

In seinem Eröffnungsvortrag auf dem DGFP-Kongress präsentierte er sich als Konzernsanierer, der in Krisenzeiten im Personalmanagement eine strategische Aufgabe sieht. Zusammen mit Personalvorstand Matthias Bellmann leitete Middelhoff die Restrukturierung ein. Gefordert war von allen Beschäftigten der "Wille zur Transformation".

Arbeitsplätze ausgliedern

Zur Kostenreduktion wurden 25 000 Arbeitsplätze ausgegliedert. Alle Mitarbeiter verzichteten drei Jahre lang auf 10 Prozent ihres Lohnes. Abgeschafft wurden außerdem zwei Führungsebenen im mittleren Management. Wider alle Erwartungen wurde mitten im Turnaround die KQ-Akademie zur Weiterqualifikation der Mitarbeiter gegründet.

Die Praktiker sind die einen, die Forscher die anderen - zumindest in Deutschland. Werner Nienhüser, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Personalwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen bedauerte, dass hierzulande Forschung im Personalwesen Legitimationsprobleme hat. Viele Unternehmen orientierten sich an Best-Practice-Beispielen.

Erst, wenn diese Praxis fehlschlägt, wird nach der Wissenschaft gerufen. Viele Konsumgüterhersteller investieren viel Geld in die Marketingforschung, aber so gut wie nichts in die empirische Personalwissenschaft und die Grundlagenforschung.

In dem Wissenschafts-Praxis-Forum erläuterte Prof. Heike Bruch, Direktorin des Instituts für Führung und Personalmanagement der Uni St. Gallen, dass Unternehmen mit "positiver Energie" in der Regel innovativer sind und Veränderungsprozesse besser bewältigen. Sie seien in der Lage, ihre Potenziale umfassend zu aktivieren und auf das Erreichen der Unternehmensziele auszurichten.

Kompetenz und Befugnis

Für sie sind die weichen Faktoren die eigentlich harten Fakten. "Personalmanagement ist eine betriebswirtschaftliche Disziplin", unterstrich Christian Scholz, "die in Deutschland unterentwickelt ist". Der Hochschullehrer der Universität des Saarlandes glaubt, die Arbeitswelt werde darwinistischer, die Arbeitnehmer opportunistischer. Kompetenz und Befugnis werden seiner Ansicht nach thematisch stärker in den Mittelpunkt rücken.

Kongress-Teilnehmer
Kongress: Mehr als 800 Interessierte lauschen den DGFP-Referenten

Beim Coca-Cola-Konzern stehen "Peak Performance Plans" im Mittelpunkt. Das System verknüpft Zielvereinbarungen mit dem Beurteilungssystem und der Karriereplanung der Mitarbeiter. Das System ist Ausgangspunkt der "performancebasierten Vergütung", deren Grundlagen die Zielsetzung, die Kompetenzen und das Verhalten sind.

Das Modell wendet der Konzern weltweit an. Maßnahmen zur Karriereförderung werden jährlich fortgeschrieben. Dabei ist Eigeninitiative gefragt: "Viele glauben, ihnen stünde eine bestimmte Position zu und die Personalabteilung müsse sie nur noch exekutieren," erläuterte Frank Kohl-Boas, Compensation & Benefits Manager German & Nordic Division. Er bemängelte zudem die zurückhaltende Mobilität vieler Mitarbeiter bezüglich Osteuropas.

Dabei gewinnt gerade das interkulturelle Management an Bedeutung. "Wir tragen alle verschiedene Kulturen in uns", sagte Fons Trompenaars. "Sie werden nur von unserer eigenen völlig überlagert". Der interkulturelle Forscher ist Managing Director bei Trompenaars Hampden-Turner in Amsterdam. Er hält Flexibilität und Kreativität für wesentliche Eigenschaften. Die Diskussion um Work-Balance sei falsch. "Es geht um die Integration von Gegensätzen."

Wolfgang Clement
Politiker Wolfgang Clement: "Der Arbeitsmarkt wird sich globalisieren."

Am Kongressende hatte die Politik aus der Sicht Wolfgang Clements das Wort. Der ehemalige Bundeswirtschaftsminister prognostizierte, dass sich der Arbeitsmarkt wie die Wirtschaft globalisieren wird. Dieser Wandel werde, ähnlich wie die industrielle Revolution vor 150 Jahren, einen starken Umwälzungsprozess in Gang setzen. Clement appellierte an die Bildungspolitik.

"Wir können es uns nicht leisten, 100.000 Jugendliche unqualifiziert in die Berufswelt zu entlassen und qualifizierte ältere Arbeitnehmer in Rente zu schicken." Es gelte, die Kluft zwischen 1 Million offener Stellen und 4,8 Millionen Arbeitslosen zu schmälern. Dass die Deutschen "Wallungen" beim Thema Rente mit 67 bekämen, sei erstaunlich: "Die Sozialsysteme sind überlastet." Diesen Themen müsse sich Deutschland stellen. "Abschotten hilft nicht", befand Clement.

Viele Unternehmen planen bereits heute Standortverlagerungen. In den nächsten fünf bis acht Jahren wird sich die Anzahl verdreifachen, prognostiziert die Boston Consulting Group. Den Zugang zu qualifizierten Mitarbeitern bestimme letztendlich die Standortpolitik. Die Demographieentwicklung zwinge dazu, Kompetenz- und Kapazitätsverluste zu managen. (juh)

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