Interview "Wir müssen dafür sorgen, dass das Wissen in den Betrieben nicht veraltet"

von Christiane Düthmann
Freitag, 22. November 2013
Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des VdEW
privat
Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des VdEW
Michael Andritzky, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Ernährungswirtschaft (VdEW), ist als Vorsitzender auf Arbeitgeberseite am sozialen Dialog in der Foodbranche beteiligt.


Herr Andritzky, wie beurteilen Sie die Bedeutung der Arbeitsmarktstudie?

Die Ernährungsindustrie ist die größte Branche in der EU, hat aber sehr kleinteilige Strukturen. Es geht darum, die Kommission mit den Problemen der Nahrungsmittelproduktion zu konfrontieren, damit sie erkennt, dass sie sich nicht nur um "sexy" Branchen wie die Automobilindustrie kümmern muss.



Von den 4,5 Millionen Arbeitsplätzen in der Foodindustrie entfallen 30 Prozent auf unqualifizierte Jobs. Warum ist dieser Anteil hier höher als anderswo?

Wir sehen in den Betrieben tatsächlich einen relativ hohen Anteil an- und ungelernter Kräfte, etwa in der Fleisch-, Obst- und Gemüse verarbeitenden oder Süßwarenindustrie. Hier gibt es immer noch einen hohen Anteil einfacher Tätigkeiten. Zwar sinkt der Prozentsatz durch weitere Technisierung und kontinuierliche Rationalisierungsmaßnahmen. Doch auch für die hiesige Branchenstruktur mit ihren vielen kleinen und mittelständischen Betrieben sind die Zahlen vergleichbar.

Wie unterscheidet sich das deutsche Qualifikationsniveau von dem anderer europäischer Länder?

Vor allem durch die duale Berufsausbildung. Die meisten Länder kennen so etwas nicht. Dort steigt man nach kurzen Trainings in den Job ein. Andererseits ist außerhalb Deutschlands der Akademikeranteil an den Belegschaften bis hinein in die Produktion viel höher. Wir setzen hier eher Meister und erfahrene Fachkräfte ein.



In der Studie wird moniert, die Unternehmen qualifizierten ihre Mitarbeiter hauptsächlich mit Blick auf die Anforderungen des Handels. Was ist daran schlimm?

Tatsache ist, dass manche den Fokus ausschließlich darauf legen. Die Frage, wie man produktiver arbeiten kann, fällt dabei hinten runter. Zwar wissen viele Firmen durchaus, dass sie hier Defizite haben. Aber gerade kleineren Marktteilnehmern fehlen oft einfach die Kapazitäten, um Veränderungen in Gang zu setzen.



Welche Auswirkungen hat der demografische Wandel?

In Deutschland wird der Kampf um die richtigen Leute am heftigsten geführt werden. Gleichzeitig werden die Belegschaften älter und die Anforderungen an die Qualifizierung steigen. Deshalb müssen besonders unsere Unternehmen ihre Hausaufgaben in Sachen Weiterbildung machen. Das betrifft auch die An- und Ungelernten, denn deren Einsatzmöglichkeiten in den Betrieben schrumpfen. Insofern müssen wir die vorhandenen Mannschaften fit machen und länger fit halten. Das heißt: qualifizieren und dafür sorgen, dass das Wissen in den Betrieben nicht veraltet.

Was muss die Branche für ihr Image bei Bewerbern tun?

Mit Ausnahme der großen Markenartikler fehlt es vielen, gerade kleineren und handwerksnahen Unternehmen an der nötigen Bekanntheit und positiven Ausstrahlung.

Wir müssen unsere Ausbildungen so attraktiv gestalten, dass sie von den jungen Leuten angenommen werden.



Gibt es konkrete Beispiele?

 

 

Zurzeit wird der Ausbildungsgang zur Fachkraft für Süßwarentechnik überarbeitet, die Fachkraft für Lebensmitteltechnik ist gerade aktualisiert worden. Doch gerade im Azubimarketing liegt noch ein weiter Weg vor uns. Verglichen etwa mit dem, was Metallbranche oder chemische Industrie an Aufwand betreiben, um für ihre Berufsausbildungen zu werben, sind wir noch ein ganz kleines Licht.

(cd)

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