Digital Recruiting Matching erreicht den Nachwuchs

von Silke Biester
Freitag, 20. Mai 2016
Immer mobil: Erreicht man chattende Jugendliche mit Informationen als Arbeitgeber?
VGstockstudio
Immer mobil: Erreicht man chattende Jugendliche mit Informationen als Arbeitgeber?
HR-Abteilungen experimentieren mit Social Media, um Nachwuchs zu gewinnen. Spezielle Berufsorientierungsplattformen wollen Arbeitgeber mit der Zielgruppe in Kontakt bringen.

Die junge Generation erreicht man am besten digital, sind Personalverantwortliche überzeugt und experimentieren mit unterschiedlichen Plattformen. Facebook und Youtube sind längst Standard, aber auch Bild- oder Text-Tools, mit denen nur begrenzte Botschaften transportiert werden können, wie Whatsapp, Instagram oder Snapchat, werden inzwischen beispielsweise von der Rewe Group für das Azubi-Marketing eingesetzt.

Doch im Handel herrscht Unsicherheit: "Alle reden davon, wie wichtig Social Media ist. Aber was es tatsächlich bringt, weiß keiner so genau", schildert der Verantwortliche für das Nachwuchs-Recruiting eines führenden Lebensmittelhändlers gegenüber der LZ die Herausforderung. Die Aktivitäten lassen sich kaum mit Einstellungszahlen verknüpfen.

Zudem koste es viel Zeit, die gleiche Story über X Kanäle zu erzählen. Der Handelspersonaler will Schüler oder Studenten gerne "dort abholen, wo sie sind." Doch: In den Communities, in denen sie ihre Zeit verbringen, suchen sie nach Unterhaltung oder tauschen sich mit Freunden aus. Ob man sie als potenzieller Arbeitgeber erreicht, hält er für fraglich.

Während viele Unternehmen sich am allerliebsten über die eigene Karriere-Website präsentieren, kommt es Bewerbern eher entgegen, wenn sie Informationen vieler Arbeitgeber auf einer Plattform finden. An diesem Punkt greifen spezialisierte Job-Matching-Tools. Neben Anbietern, die sich an jeden Arbeitnehmer wenden wie etwa Xing, Linked-In oder auch Monster, wächst die Zahl der Spezialisten für Berufseinsteiger.

Algorithmus berücksichtigt auch Soft Skills

Sie sprechen Jugendliche an, wenn sie gezielt auf Informationssuche sind: Dafür sollen sie bei dem jeweiligen Anbieter ein Profil mit ihren Interessen, Fähigkeiten und Wünschen hinterlegen. Dieses wird dann mit den Anforderungen von Berufen und Arbeitgebern "gematcht". Auch Soft Skills, Persönlichkeit und die Kultur des Unternehmens soll von manchem Algorithmus berücksichtigt werden.

Personalverantwortliche stehen allerdings vor der Frage, über welches Tool sie welche Zielgruppe erreichen und wie aktuell die hinterlegten Profile tatsächlich sind. Talents Connect beispielsweise verspricht die digitale Verknüpfung von Employer Branding und Recruiting gegenüber einem Pool von 100.000 registrierten Talenten – "modular, mobil optimiert, messbar", so die Werbebotschaft. Während viele Karriereseiten und Bewerbungsformulare von Unternehmen eher umständlich sind, sollen die neuen Plattformen den digitalen Gewohnheiten der neuen Generation entgegen kommen.

"Personaler müssen umdenken", findet Gero Hesse, Geschäftsführer bei der Medienfabrik Gütersloh und Leiter des Geschäftsfelds Embrace. "Früher konnten die Unternehmen noch aus dem Vollen schöpfen – aber das sieht heute ganz anders aus." Embrace will den Nachwuchs über seine Talent-Relationship-Management-Plattformen (TRM) Blicksta und Careerloft in genau dem Moment mit Unternehmen zusammenbringen, wenn sie nach Orientierung suchen.

Bei Blicksta können sich Schüler über Berufe informieren und sich mit den teilnehmenden Partnerunternehmen vernetzen. Lidl, Aldi Süd, Otto und Coca Cola gehören dazu. Lidl nutzt die Plattform besonders intensiv und formuliert für den Nachwuchs Gründe, warum er dort arbeiten sollte. Neben der Zentrale können inzwischen einige Regionen eigenständig zugreifen.

Discounter sind überall aktiv

Sowohl Lidl als auch Aldi Süd sind bei vielen Anbietern aktiv. Beispielsweise preisen sie mehrere Tausend freie Stellen bei AzubiYo an – ein Portal, das Berufswahltests und Jobbörse mit einer Matching-Technologie verbindet. Je intensiver ein Schüler derartige Angebote nutzt, umso treffender werden ihm die Inhalte zugespielt. Das können Videos sein oder die Einladung zu einen Tag der offenen Tür. Bei Blicksta sind aktuell 125.000 Schüler registriert und bis Jahresende sollen es Hesse zufolge 250.000 werden.

Das entspräche 10 Prozent der mindestens 15jährigen Schüler in Deutschland. Wenn aus Schülern später Studenten werden, soll die Anschlussplattform Careerloft ihnen als Karrieretool dienen. Hier bündelt der Anbieter Embrace aktuell 56.000 Mitglieder. Auch Mitbewerber Absolventa verspricht jungen Akademikern, dass Sie sich von potenziellen Arbeitgebern finden lassen können.

Die Kontaktpflege über TRM-Plattformen sei nicht mit einer Stellenanzeige zu vergleichen, erklärt der HR-Experte Hesse, sie wirke eher langfristig. Denn viele der registrierten Schüler könne man nicht sofort rekrutieren, da sie noch keinen Abschluss haben. Unternehmen bringen sich als möglicher Arbeitgeber ins Spiel. Dabei können sie auch Missverständnisse ausräumen. Ein Beispiel: Bei Coca-Cola denken viele Bewerber an Marketing. Tatsächlich werden dort viele Logistik-Jobs angeboten. Solche Information gilt es, an die richtigen Talente zu bringen.

Das Ziel ist klar, doch der Markt ist unübersichtlich. "Es gibt viele Player mit tollen Apps", lobt Hesse die Kreativität seiner Wettbewerber. Er will künftig viele Ideen zusammenführen: Eine Plattform mit unterschiedlichen Funktionen für alle Beteiligten soll den zu Gruner & Jahr gehörenden HR-Dienstleister Embrace zum Marktführer im Schüler- und Studentenmarketing machen.

Denn weder Jobsuchende noch Personaler wollen sich immer wieder neu registrieren und auf zig verschiedenen Plattformen verzetteln. Vorerst ist jedoch noch Experimentieren angesagt. Und jeder Personaler muss selbst herausfinden, über welches Social-Media-Tool er seine Zielgruppe erreichen kann.

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