Auf Talentsuche

von Judit Hillemeyer
Freitag, 20. Oktober 2006
Im Kampf um den Führungskräfte-Nachwuchs lassen sich die Händler einiges einfallen. So locken vor allem Discounter mit hohen Einstiegsgehältern und Privilegien. Doch manchmal sind Berufseinsteiger vom rauhen Wind überrascht.



Der Wettbewerb um Fach- und Führungskräfte hat begonnen. Die demographische Entwicklung Deutschlands und die bereits jetzt zurückgehende Zahl von Studienanfängern werden sich über längere Zeit auch auf die Absolventenzahlen durchschlagen, fürchten Experten.. Und auch der Handel wird es zunehmend schwerer haben, akademischen Nachwuchs für sich zu gewinnen.

Auch wenn sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt zugunsten der Händler verbessert hat, ihr angeschlagenes, öffentliches Image macht sie nicht zu den attraktivsten Arbeitgebern, wie zahlreiche Umfragen belegen. Und das nicht erst seit gestern.

Auf dem Arbeitsmarkt steht der Lebensmittelhandel im direkten Wettbewerb mit anderen Wirtschaftszweigen. Dort konkurriert er mit der Automobil-, Software- und Beraterbranche. Vor allem die fünf großen deutschen Autobauer, aber auch namhafte Unternehmen wie Lufthansa und Siemens stehen bei den Wirtschaftsstudenten hoch im Kurs. Bei dem Capital-Ranking "Deutschlands beste Arbeitgeber" belegt Tchibo als einziges Handelshaus unter den ersten fünfzig Unternehmen Platz vierzig

Verbessertes Image

Ein Blick nach Großbritannien: Dort hat es Aldi unter den "Top 100 Graduate Employers" auf Platz zwölf geschafft. Der Lebensmitteleinzelhandel genießt auf der Insel ein deutlich positiveres Image. Das macht es einfacher.

Der Aldi-Regionalmanager vor Ort, Peter Casey, betonte, sein Unternehmen habe hohe Erwartungen an den Nachwuchs, aber auch einiges zu bieten, nämlich ein Management-Training, ein Auto und gutes Geld. Das Jahreseinstiegsgehalt liegt bei 38 000 Britischen Pfund (57 000 Euro). Innerhalb von drei Jahren steige es auf 81 750 Euro.

Kohle und Karre ziehen immer. Das Prinzip hat auch Aldi nach Großbritannien exportiert. Mit dieser Strategie liegen die Discounter in der Beliebtheitsskala deutscher Hochschulabsolventen eindeutig vor den klassischen Supermarktfilialisten.

So soll Aldi den akademischen Berufseinsteigern ein Jahressalär von rund 58 000Euro plus einen Audi A4 gewähren. Bei Lidl sollen es rund 45 000 Euro sein und bei Norma um die 50 000 Euro. Im Vergleich dazu zahlen Supermarktfilialisten ihren Trainees rund 20 000 Euro weniger. Geld ist ein überzeugendes Argument, das die Discounter in die Waagschale werfen. Als Gegenleistung erwarten sie dafür ein enormes Arbeits- und Zeitengagement.

Kontakt früh herstellen

Um frühzeitig Kontakt zu Studierenden herzustellen, kooperieren viele Unternehmen mit Berufsakademien, Fachhochschulen und Universitäten - auch die Discounter. Einen Schritt weiter gehen beispielsweise Douglas, Rewe, Tchibo und Metro. Sie haben im Verbund mit Lehrstühlen ganze Semesterlehrpläne mit Fallstudien an den Unis Münster und Köln gestaltet. Ein weiterer wichtiger Ort, um Nachwuchskräfte zu ködern sind Job-Messen.

Einen besonderen Clou im Personalmarketing landete Aldi-Süd. An der Würzburger Fachhochschule gibt es seit dem 1. Oktober einen "Aldi-Hörsaal". Zuvor trug er den schnörkellosen Namen "Z02". Der Discounter hat die Namensrechte für den Hörsaal gekauft und heißt von nun an offiziell "Aldi-Süd-Hörsaal".

Mit den Sponsorengeldern soll der renovierungsbedürftige Hörsaal, der vor allem von Studenten wirtschaftswissenschaftlicher Studiengänge benutzt wird, instand gesetzt werden. Inwieweit bei der Neugestaltung die Aldi-Farben und das Logo des Konzerns verwendet werden, scheint noch unklar. Wer das Geld hat, hat das Sagen, zumindest was die Farbgestaltung angeht.

Sponsering im Hörsaal

Das bayrische Wirtschaftsministerium sieht angesichts leerer Kassen keine "grundsätzlichen rechtlichen Bedenken". Und auch Aldi-Süd beteuert, keinen Einfluss auf die Lehre nehmen zu wollen.

Gerade Hochschulabsolventen suchen attraktive, gut bezahlte Jobs mit Perspektive. Und ganz pragmatisch betrachtet: Die Discounter, allen voran Lidl, haben größeren Bedarf an Bereichs-, Bezirks- und Verkaufsleitern als andere Händler.

Denn nicht nur Expansion schafft Arbeitsplätze - auch Fluktuation. Studenten wissen: Wer zwei bis fünf Jahre bei Lidl, Aldi und Co. durchhält, wird nahezu überall mit Kusshand genommen. So sagte ein Möbelhändler: "Wir würden sehr gerne einen Bewerber von Aldi einstellen. Er hat gelernt, hart zu arbeiten und wird sich bei uns wie im Paradies fühlen."

Die Auswahlkriterien der Arbeitgeber sind meist streng geheim. Lidl rekrutiert über Wochenendseminare, flankiert von Outdoor-Assessments wie Snowboardtrips, um den sozialen Fähigkeiten der Kandidaten auf den Zahn zu fühlen.Weiterer positiver Nebeneffekt: der Discounter kann damit sein Image aufpolieren.

Hoche Ansprüche

Gesucht werden Asse unter den Studenten. Sie sollen mit spitzer Feder rechnen können, Organisationsgenies sein und Personal führen. Doch schnell wird aus so manchem Ass Pik Sieben. Die beiden größten Discounter gelten unter Akademikern als Durchlauferhitzer. Bei Aldi, so heißt es, sei der Nachwuchs zwei bis maximal drei Jahre auf Posten. Andere scheitern schon nach wenigen Wochen und Monaten. Bei Aldi gelte das Prinzip der "Nullfehlertoleranz" und das "Gebot der sozialen Härte", berichteten gescheiterte Berufseinsteiger ihren Hochschullehrern.

Großzügig zahle zwar der Discounter im Krankheitsfall die Gruppenprämie. Die Arbeit werde anderen zusätzlich aufgebürdet. Es herrsche ein Klima des Misstrauens und der Kontrolle. Dazu gehören auch Prüfbesuche bei Kranken. Das alles geschehe, weil der Arbeitsdruck so hoch sei, hört man immer wieder. Neulinge, die sich diesen Usancen nicht beugen, gehen meistens ganz schnell.

Medienberichte und die Schwarz-Bücher der Gewerkschaft nimmt die Generation der Berufseinsteiger kaum wahr oder reagiert darauf mit emotionaler Unbekümmertheit - bis es an den eigenen Kragen geht.

Personalführung ist schwer

Ein ehemaliger Aldi-Bezirksleiter berichtet, den "klassischen Flurfunk", wie in anderen Firmen, gebe es nicht. Kollegen sehe man nur bei wenigen jährlichen Treffen. Erfahrungs- und Meinungsaustausch sei zudem kaum möglich. Alle diejenigen, die versuchen, Änderungen einzufordern, würden über kurz oder lang mürbe gemacht, kaltgestellt, abgefunden.

Mit der Personalführung sind einige Berufsanfänger vielfach überfordert. Zu den rund sechs Filialen, die ein Bezirksleiter verantwortet, gehören meist siebzig Mitarbeiter. Hochschulen können zwar theoretisch Managementmethoden und Führungsstile vermitteln, aber wie soll man praktisch situatives Führen lehren? In dieser Frage sind viele Professoren ratlos.

Führungskompetenz entsteht aus einem Mix aus Erfahrungen, eigenen Fähigkeiten und aus dem Einfluss richtiger Vorbilder. Berufsanfänger können zumindest anfangs nur einen intuitiven Führungsstil einbringen. Man muss die Discountluft schon besonders tief inhalieren - und sie dann lieben oder es ganz sein lassen. (juh)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats