Diversität Handicaps erfordern Transparenz

von Redaktion LZ
Dienstag, 22. Dezember 2015
Nah & Frisch: Im 500-qm-Markt in Burhafe sollen demnächst bis zu zwölf Mitarbeiter mit Handicap beschäftigt werden; Partner ist die Markant Nordwest.
Bünting
Nah & Frisch: Im 500-qm-Markt in Burhafe sollen demnächst bis zu zwölf Mitarbeiter mit Handicap beschäftigt werden; Partner ist die Markant Nordwest.
Bei der Einstellung von Behinderten bestimmen oft Vorurteile, Wissenslücken und Berührungsängste das Handeln.

Zwischen Gurkengläsern und Maisdosen liegt das Reich eines freundlichen jungen Mannes, der dafür zuständig ist, dass in Gebauer’s E-Center in Filderstadt-Bonlanden das Konservenregal immer tip-top aussieht. Für Stammkunden ist er eine feste Größe – auch wenn der erste Kontakt etwas Überwindung kostet, denn er ist gehandicapt. Der Mut wird mit der perfekten Auskunft belohnt: Vermutlich wenige kennen den Edeka-Markt so wie er.

"Wir können ihn uns in unserem Team nicht mehr wegdenken", sagt Guido Empen, Prokurist bei Gebauer. Dass der junge Mann Dinge langsamer als andere erledigt und klare Anweisungen braucht, daran haben sich seine Vorgesetzten gewöhnt. "Hier braucht man geeignete Führungskräfte, die mit der Situation gut umgehen können", erklärt Empen. Er sieht in der Einstellung von Menschen mit Einschränkungen einen Gewinn fürs Unternehmen.

Beim Stichwort "Behinderung" denken die meisten an Rollstuhlfahrer, Down-Syndrom oder angeborene Handicaps. Doch über ein Viertel aller Menschen mit Schwerbehinderung erwirbt diese erst im Laufe des Lebens, häufig infolge einer Krankheit.

Nur 2Prozent aller Schwerbehinderungen sind auf Unfall oder Berufskrankheit zurückzuführen. Dabei gibt es nicht "die" Behinderung – viele Handicaps sind unsichtbar wie chronische Erkrankungen, seelische Störungen, Schwerhörigkeit oder Lernbehinderung.

Spirituosenhersteller Schilkin integriert erkrankten Mitarbeiter

Beim Spirituosenhersteller Schilkin, Gewinner des Berliner Inklusionspreises 2015 in der Kategorie Mittelstand, musste ein Mitarbeiter aufgrund einer schweren Nierenerkrankung seine Tätigkeit als Staplerfahrer aufgeben. An normales Arbeiten ist für Stefan Zinn zurzeit nicht zu denken. Heute prüft er mit viel Konzentration und Geduld Sonderabfüllungen und macht sie versandfertig.

Über das Integrationsamt kam Zinn nach der Krankschreibung wieder in den Betrieb zurück – für die Verantwortlichen im Unternehmen eine Selbstverständlichkeit. "Seine Arbeit hat er immer gut gemacht – warum sollten wir ihn nicht weiter beschäftigen?", sagt Andrea Jahns, bei Schilkin für Personalfragen zuständig. Zurzeit arbeiten acht Menschen mit einer anerkannten Behinderung im Unternehmen, die meisten sind seit Jahren mit an Bord. Stefan Zinn jedenfalls ist froh, dass er eine Chance bekommen hat.

Immer mehr Unternehmen erkennen, dass Menschen mit Behinderung engagierte und gut ausgebildete Fachkräfte sind. Denn das Vorhandensein eines Handicaps sagt nichts über die Leistungsfähigkeit aus. Tatsächlich hat die Zahl der Erwerbstätigen mit Behinderungen 2014 mit 1,15 Mio. ein Rekordniveau erreicht. Gleichzeitig lag jedoch laut "Inklusionsbarometer Arbeit" der Aktion Mensch die Arbeitslosenquote von Menschen mit Schwerbehinderung fast doppelt so hoch wie bei anderen.

Die Schutzvorschriften für Schwerbehinderte regelt vor allem das Neunte Sozialgesetzbuch. Seine Unübersichtlichkeit zusammen mit den unterschiedlichen gerichtlichen Auslegungen machen es Rechtsanwendern jedoch schwer, den Durchblick zu behalten.

Real setzt Leute mit Handicap auch in der Kundenbetreuung ein

Metro-Tochter Real wurde schon mehrfach für ihr Integrationskonzept ausgezeichnet, zuletzt mit dem Inklusionspreis 2015. Knapp 8 Prozent der Real-Mitarbeiter sind schwerbehindert, darunter auch Führungskräfte. Leute mit Handicap arbeiten bei Real auch im Kundenkontakt – damit sensibilisiert das Unternehmen die Öffentlichkeit für das Thema.

Seit der Jahrtausendwende ist Inklusion Chefsache, bereits 2001 wurden ein Koordinationskreis "Integration schwerbehinderter Menschen" sowie eine Plattform rund um Schwerbehinderung, Rehabilitation und Inklusion gegründet. Seit 2002 hält eine Integrationsvereinbarung die Inklusionsziele des Unternehmens fest, eine eigene Abteilung "Grundsatzfragen und Arbeitsschutz" kümmert sich um das Thema.

Dieter Braun, Arbeitgebervertreter im Koordinationskreis, ist sich sicher: "Die Vielseitigkeit unserer Belegschaft ist ein wahrer Schatz für unser Unternehmen und bietet uns hervorragende Chancen".

Globus schaltet das örtliche Integrationsamt mit ein

Auch bei Globus gibt man schon etliche Jahre Menschen mit Handicap eine Chance. "Vorurteile haben keinen Platz im Bewerbungsprozess", betont André Y. Nunold, Personalleiter am Standort Wiesental. Immer mit im Boot: Das örtliche Integrationsamt, das neben den Arbeitsagenturen, der Schwerbehindertenvertretung, Integrationsfachdiensten oder Rehabilitationsträgern erster Ansprechpartner bei diesem Thema ist.

Damit der Start in ein Beschäftigungsverhältnis gelingt, setzt man bei Globus auf ein Praktikum oder Probearbeiten. Dabei hat Nunold eine wichtige Sache gelernt: "Diese Menschen gehen in ihrem Privatleben mit vielen Aufgaben um, die wir uns nicht vorstellen können – genau das setzen sie aber in der betrieblichen Praxis um".

An der Schnittstelle mit der Belegschaft setzt der Personaler auf Transparenz. Die Kollegen sollen das jeweilige Handicap kennen, ein definierter Ansprechpartner kann bei Bedarf unterstützen: "Die Kollegen müssen wissen, warum jemand nicht alles heben kann oder langsamer ist – nur so kann Verständnis entstehen".

Schlagworte zu diesem Artikel:

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats