Gemischte Teams sind kreativer

von Redaktion LZ
Freitag, 23. Juli 2010
LZnet. Mit einem Pilotversuch zu anonymen Bewerbungen will die Antidiskriminierungsstelle des Bundes die Benachteiligung von Frauen, Älteren oder Ausländern auf dem Arbeitsmarkt verringern.
Wenn Aische oder Ali eine Bewerbung schreiben, werden sie bei gleicher Qualifikation wesentlich seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen als Andrea oder Achim. Das belegt eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). Forscher der Uni Konstanz hatten in einem Feldversuch mehr als 1.000 inhaltlich gleichwertige Bewerbungen verschickt.
Kandidaten mit türkischen Namen erhielten 14 Prozent weniger positive Antworten. In kleineren Unternehmen war ihre Chance auf ein Vorstellungsgespräch sogar um 24 Prozent geringer.

Deshalb sollte nach Ansicht von Christine Lüders ein anonymisierter Lebenslauf Standard werden, "bei dem weder ein Foto zu sehen ist noch Name, Adresse, Geburtsdatum oder Familienstand erkennbar sind", so die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, die dazu im Herbst einen Pilotversuch startet. "Wir wollen anonyme Bewerbungsverfahren ausprobieren, um Benachteiligungen in der Gesellschaft auszuräumen."

Benachteiligungen ausräumen

An dem auf ein Jahr angelegten Projekt unter wissenschaftlicher Begleitung des IZA beteiligen sich neben drei noch nicht genannten DAX-30-Unternehmen Procter & Gamble und L’Oréal. "Beide sind für das Thema Vielfalt sehr aufgeschlossen, arbeiten international und haben keine Berührungsängste", begründet Lüders die Auswahl.

Für Procter als amerikanischstämmige Company sind Bewerbungen ohne personenbezogene Angaben nichts Ungewöhnliches. Auch hierzulande, so eine Sprecherin gegenüber der LZ, werde zum Beispiel in Online-Formularen bei Bewerbungen von Führungskräften niemand nach Alter oder Geschlecht gefragt.

Von der Mitwirkung an dem Test verspricht sich der Konsumgüterhersteller einen Wissensvorsprung mit Blick auf die Umsetzung möglicher gesetzlicher Vorgaben in der Zukunft. Auf neue Gesetze allerdings habe es die Antidiskrimierungsstelle nicht abgesehen, stellt Lüders klar. "Wir wollen mit Argumenten überzeugen."

Kein Gesetz geplant

L’Oréal will sich durch seine Teilnahme in Sachen Diversity weiterentwickeln. Der Kosmetikhersteller sammelt bereits im Mutterland Frankreich Erfahrungen mit anonymen Bewerbungen (lz 14-10). Vielfalt habe für den Konzern "absolute Priorität", sagt Oliver Sonntag, Personaldirektor für Deutschland und Europa.

Allein in Deutschland beschäftige er Menschen aus 33 unterschiedlichen Nationen. Dabei habe man die Erfahrung gemacht, "dass gemischte Teams am kreativsten sind, beispielsweise bei der Entwicklung von neuen Produkten für weltweit sehr unterschiedliche Konsumenten".
Bei Kraft Foods wurde schon 1998 ein "Diversity Council" ins Leben gerufen, in dem Mitarbeiter aller Fachrichtungen Projekte initiieren und Impulse geben, etwa für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Seither habe sich der Frauenanteil auf der oberen und mittleren Führungsebene auf 26 Prozent verdreifacht, im gesamten Management liege er bei 36 Prozent, so der Markenartikler.

Die Bremer sind jedoch nicht der Ansicht, dass anonyme Bewerbungen unbedingt zu mehr Vielfalt führen. Umgekehrt werde ein Schuh daraus: "Wer die gewünschte Qualifikation aufweist, wird ungeachtet von Kriterien wie Herkunft oder Geschlecht berücksichtigt."

Kaufhof gewinnt Diversity-Wettbewerb

Der Warenhausbetreiber Kaufhof, frisch gekürter Sieger im Wettbewerb "Vielfalt gewinnt 2010", setzt ebenfalls bereits seit Jahren auf Gesundheitsmanagement oder Frauenförderung. "Viel von dem, was heute unter den Begriff Diversity fällt, ist bei uns längst fest verankert", sagt Ulrich Köster, Geschäftsführer Personal und Recht.

Vielfalt sei Bestandteil der Unternehmenskultur und steigere die Mitarbeiterzufriedenheit. Der aktuelle Rummel um das Schlagwort kommt ihm dabei durchaus gelegen: "Das gibt uns weiteren Rückenwind." Den geplanten Pilotversuch beurteilt auch Köster kritisch. Denn die Hürde "Bewerbungsmappe" werde überschätzt.

"Bei uns jedenfalls sind ausländisch klingende Namen kein Einstellungshindernis", so der Personalchef. Ob er selbst denn anonyme Bewerbungen akzeptieren würde? "Dem Thema stehe ich sehr offen gegenüber." Schließlich sei etwa in den USA der Verzicht auf Fotos oder die Angabe des Alters längst vorgeschrieben.

Managerinnen werden knapp

Dass es zuweilen auch ohne Vorschriften vorangehen kann, zeigt die anhaltende Diskussion über Frauen im Management. Für Unternehmen ist ein steigender Frauenanteil auf den Topetagen inzwischen ein Aushängeschild – und geeignete Kandidatinnen werden knapp.

Laut Personalberaterin Ulrike Wieduwilt von Russel Reynolds will heute mehr als die Hälfte ihrer Auftraggeber aus der FMCG-Branche für Positionen der ersten und zweiten Ebene sogar lieber eine Frau. Ältere bekommen ebenfalls häufiger eine Chance. Wurden bislang Manager zwischen 40 und 45 präferiert, "ist die Vermittlung eines Vertriebsdirektors über 50 heute kein Problem mehr".

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