Sicher gehen und stehen im Einzelhandel

von Redaktion LZ
Sonntag, 04. April 2004
LZ|NET. Drei Handelsfilialisten kooperieren: Kaiser's Tengelmann, Rewe und Wal-Mart stellen sich gemeinsam dem Thema Arbeitsschutz und Sicherheit. Anstelle jährlicher Unterweisungen sollen sich jetzt die Mitarbeiter kontinuierlich am PC mit dem Arbeitsschutz beschäftigen.



In vielen Unternehmen fristet das Thema Sicherheit und Arbeitsschutz ein stiefmütterliches Dasein. Dabei können die Folgen gravierend sein. Nach einem Arbeitsunfall müssen Kollegen kurzfristig zusätzliche Aufgaben übernehmen, Überstunden fallen an, Ersatzpersonal muss beschafft werden, Liefertermine können nicht eingehalten werden, Qualitätsprobleme tauchen auf. Und: Je mehr Unfälle in einem Unternehmen passieren, desto höher sind die zu zahlenden Beiträge an die Berufsgenossenschaft.

Jährliche Unterweisung der Angestellten

Im Einzelhandel sind sicherheitstechnische Unterweisungen jährlich Pflicht. In der Praxis werden Filialangestellte und Lagerarbeiter über Schulungen oder mehrseitige schriftliche Informationen über potenzielle Gefahren aufgeklärt. Das Szenario erlaubt jedoch kaum eine Überprüfung der Lerninhalte.

Um diesem Dilemma entgegenzutreten, beschreitet Kaiser's Tengelmann als Initiator mit den Kooperationspartnern Rewe und Wal-Mart sowie der Berufsgenossenschaft für den Einzelhandel (BGE) einen neuen Weg: Anstelle jährlicher Unterweisungen sollen sich die Mitarbeiter künftig kontinuierlich mit dem Arbeitsschutz beschäftigen und zwar mit Hilfe des elektronischen Trainers. Die technische und pädagogische Umsetzung lieferte das Softwarehaus CBT+L in München.

Rationalisierungseffekte durch Kooperation

"Wir haben identische Ziele", sagte Gerhard Schulz, Leiter der Personalentwicklung bei der Kaiser's Tengelmann AG in Viersen. Durch die Kooperation erschließen sich Synergie- und Rationalisierungseffekte, die sich schließlich kostensenkend auswirken.

Nach gemeinsamer inhaltlicher Konzeption wird Wal-Mart Deutschland die reine Programmierungsleistung in den USA vornehmen lassen und plant den Systemeinsatz im vierten Quartal dieses Jahres.

Der Startschuss für die Lern-CD "Sicher arbeiten - Gesundheit schützen" fällt bei Kaiser's und Rewe im Mai. Systematisch geschult werden bei Kaiser's Tengelmann 19 000 Filial- und bis zu 2 000 Lagermitarbeiter.

Bei Rewe liegt das Schulungspotenzial bei 21 000 Mitarbeitern. Alle Projektpartner arbeiten mit identischen Inhalten. "Ziel ist es, präventiv unfallverursachendes Verhalten zu reduzieren", so Michael Brandt, bei Kaiser's Tengelmann zuständig für die Personalentwicklung.

Kaiser's Tengelmann will kontinuierlich schulen. Jeden Monat soll ein Kapitel von den Angestellten bewältigt werden. Beim Lernpensum prüft Rewe derzeit, ob an die Stelle eines monatlichen Lernrhythmus ein halbjährlicher treten könnte. Parallel zum elektronischen Lernen wird auch Präsensunterricht angeboten.

"Damit wollen wir auf die Mitarbeiter Rücksicht nehmen, die mangelnde Sprach- oder Computerkenntnisse besitzen", erläutert Axel Gusek, Mitarbeiter der Personalentwicklungsabteilung bei der Rewe AG in Köln.

Wal-Mart programmiert in den USA

Im Bereich Arbeitsschutz erfolgt bei Wal-Mart die Unterweisung im Gesamtpaket vor Aufnahme der Tätigkeit. Im weiteren Verlauf soll monatlich geschult werden, je nach Tätigkeitsfeld. Spezifische Mitarbeiterschulungen wird es auch weiterhin bei Wal-Mart geben, insbesondere solche mit gekoppelter Praxisausbildung zum Beispiel im Umgang mit Staplern.

Nicht alle Mitarbeiter sind dem gleichen Gefahrenpotenzial ausgesetzt, somit ist das System modular in zwölf Kapitel gegliedert. Dabei geht es neben einer grundlegenden Einführung beispielsweise um Brandschutz, Pyrotechnik, den Umgang mit Gefahrstoffen und Ballenpressen zur Altpapiervernichtung.

Auf Grund des unterschiedlichen Unfallrisikos an den einzelnen Arbeitsplätzen richten sich einige Kapitel speziell an Lager- oder Filialarbeiter. So gibt es spezielle Schulungen für Mitarbeiter an der Bedientheke, in der Kassenzone oder im Lagerbereich. Dabei geht es um den Umgang mit Schneidwerkzeug, Raubüberfällen und Flurförderzeugen.

Die Bearbeitung eines jeden Kapitels, die zwischen 10 und 25 Minuten in Anspruch nimmt, endet mit einem Test, der mit mindestens 75 Prozent richtigen Antworten abgeschlossen werden muss. Wer unter diesem Level bleibt, den führt das System automatisch in das Lernprogramm zurück.

Am Ende eines Jahres, wenn alle Kapitel erfolgreich bearbeitet wurden, erhalten die Mitarbeiter ein Zertifikat und das Kursprogramm wiederholt sich. Wer glaubt, alle Fragen beantworten zu können, kann gleich zu den Testfragen klicken.

Zentrale Dokumentation der Ergebnisse

Bei Rewe liegt die Organisation der Unterweisung in den Händen der Arbeitssicherheitsbeauftragten in den Niederlassungen. Tengelmann kontrolliert und dokumentiert in der Zentrale.

Die Lerndatei erfasst Name, Personalnummer, Filiale, Lerndauer und die erreichte Punktzahl. Diese wird auf Festplatte gespeichert und nachts mit den anderen Warenwirtschaftsdaten an die Zentrale per ISDN überspielt. Die erfolgreiche Absolvierung des Testes gilt als Schulungsnachweis.

An der Konzeption und Entwicklung der digitalen Lösung wurde insgesamt zwei Jahre gearbeitet. Davon profitieren könnten künftig auch andere Einzelhändler, denn das Programm ist gegen eine Lizenzgebühr auch in anderen Häusern einsetzbar.

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