ECE-Personalchef im Interview Fit machen für das Einkaufserlebnis 4.0

von Julia Wittenhagen
Montag, 03. April 2017
Robert Heinemann: Der oberste ECE-Personaler weiß, dass jedes Shopping Center die Leiter vor andere Herausforderungen stellt.
Robert Heinemann: Der oberste ECE-Personaler weiß, dass jedes Shopping Center die Leiter vor andere Herausforderungen stellt.
Die 200 Shopping Center der ECE gut durch den E-Commerce-Boom zu steuern, bei gleichzeitig wachsenden Ansprüchen von Mietern und Investoren, ist keine leichte Aufgabe. Robert Heinemann bringt die nötigen Einblicke in das Geschäft mit. Bislang trug er Verantwortung für 120 Center, nun stellt er Weichen für Personal und Organisationsentwicklung.

Herr Heinemann, Sie treten Ihre neue Position in einer Sättigungsphase an, in der nur noch wenige Shopping Center neu gebaut werden. Macht das die ECE als Arbeitgeber weniger attraktiv?

Ganz im Gegenteil. Bei uns kann man gleich zwei große Veränderungen erleben: Die Umwälzungen im Konsumverhalten und im Einzelhandel auf der einen Seite und die Globalisierung und weitere Professionalisierung der Immobilienwirtschaft auf der anderen Seite.

Wie sehen die Veränderungen aus?

Centerbesucher, Einzelhändler und Investoren sind heute deutlich anspruchsvoller als früher. Es gibt daher nur noch sehr selektiv Standorte, an denen wir neue Center entwickeln – wie in Verona, wo wir Ende März eröffnen. Die Optimierung bestehender Center hat größere Bedeutung gewonnen. Manchmal kostet sie so viel wie ein Neubau.

Wie wandelt sich die Mieterstruktur?

Der Textilhandel steht immer noch für 50 Prozent der Fläche, steckt aber insbesondere in Deutschland in der Krise. Daher verändert sich der Branchenmix. An Mieter wie Tesla oder Samsung hätte früher keiner gedacht. Der Gastronomie-Anteil verdoppelt sich mancherorts und kann das vielleicht nochmal tun. Im Elbe-Einkaufszentrum in Hamburg liegt er bei 4 bis 5 Prozent, in der Holsten-Galerie in Neumünster schon bei 14 Prozent. In vielen chinesischen Malls sind schon 30 bis 40 Prozent normal. Auch die großen Lebensmitteleinzelhändler haben sich toll entwickelt. Sie sind mit speziellen Konzepten, viel Convenience und Vor-Ort-Verzehr bei uns sehr erfolgreich.

Wie bindet ECE Online-Shopper ein?

Im Alstertal-Einkaufszentrum in Hamburg haben wir die "Digital Mall" eingeführt, mit der der Kunde schon von zu Hause aus Artikel suchen und reservieren kann. Im Skyline Plaza Frankfurt bieten wir Same Day Delivery der eingekauften Waren an. Noch ist die Nachfrage verhalten, aber wir sehen großes Potenzial: Aktuell leben 56 Prozent der Deutschen weniger als 30 Minuten von einem ECE-Shopping-Center entfernt.

Was bedeutet das personell?

Wir glauben, dass Service für das Einkauferlebnis immer wichtiger wird und schichten entsprechend Mittel aus der Werbung in Beratung, Kinderbetreuung und andere Serviceangebote um.

Wer führt die Center?

Unsere Center werden von einem Team aus Center Manager, Leasing Manager und Asset Manager geführt. Ging es früher in den Centern vor allem um Werbung und Aktionen, steht heute die strategische Ausrichtung des Centers im Mittelpunkt. Man muss auf allen Kanälen spielen, internationale Investoren zufrieden stellen, die richtigen Mieter für die richtigen Flächen finden und sehr genau den Wettbewerb im Handel beobachten. Da ist viel Kreativität gefordert. Darüber hinaus haben wir spannende Aufgaben in unserem Headquarter – etwa Leasing Manager, die sich gezielt um die Akquise neuer internationaler Konzepte oder von Online-Retailern kümmern, die ihren ersten stationären Shop eröffnen wollen.

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Womit qualifiziert man sich als Center Manager?

Wir beschäftigen viele ehemalige Filialleiter aus dem Handel, aber der unternehmerische Freiheitsgrad ist bei uns größer und wird auch gefordert. Ein Center Manager sollte vielseitig sein: diplomatisch geschickt, analytisch in der Auswertung, kreativ, entscheidungsfreudig, auf der Bühne stehen und führen können. Das Fachliche können wir unseren Mitarbeitern beibringen. Aber Leidenschaft, die müssen sie selbst mitbringen. Knapp 50 Prozent der Center Manager sind übrigens weiblich. Unsere Stärke: Wir sind die einzigen, die all das ausbilden. Wir haben ein sehr ausgeklügeltes System aus Center Management Kolleg, Lernplänen, definierten Ausbildern in den Centern und individueller Förderung.

In dieser Neuausrichtungsphase würden Sie gern mehr brillante Köpfe gewinnen, die sonst zu McKinsey gehen. Ist die Bezahlung das Problem?

Nein. Eher der Wochenendeinsatz, die Mobilität, die große Verantwortung. Sie steigen bei 60 000 bis 65  000 Euro ein und können über 100 000 plus Dienstwagen verdienen. Das ist ein vernünftiges Package mit guten Karrieremöglichkeiten im Haus.

Nimmt die Bedeutung weicher Faktoren für junge Bewerber zu?

Wir versuchen immer stärker, Rücksicht auf familiäre Bedürfnisse zu nehmen, haben schon 2012 das Audit Beruf und Familie durchlaufen. Mittlerweile gibt es Center Manager in Teilzeit, im Job-Sharing und solche, die temporär bewusst kleinere Center übernehmen, um nah bei der Familie zu sein. Wir arbeiten mit einem Familienservice zusammen und haben in jedem Center Spielzeug für Betreuungsnotfälle. Gute Feedbacks haben auch unsere Schichtleitlinien bekommen, in denen hinterlegt ist, worauf Rücksicht zu nehmen ist und wie Schichten rollieren. Sie bringen mehr Verlässlichkeit und Gerechtigkeit.


Welches ist das tollste Shopping-Center, das man führen kann?

Das gibt es nicht: Zur Auswahl stehen sehr prominente Center wie MyZeil in Frankfurt, aufwändige Refurbishments wie vor wenigen Wochen in Koblenz abgeschlossen, es gibt Center mit unglaublichen Frequenzen wie in Krakau – und es gibt Center, die gerade im Wettbewerb kämpfen müssen.

Brillante Köpfe für die strategische Neuausrichtung gesucht

ECE ist mit 200 Einkaufszentren, davon 137 in Deutschland, Marktführer in Europa. Die Zahl der Neueröffnungen ist in den letzten Jahren gesunken. Dafür wächst das zweite Standbein, die Planung und Realisierung von Büro-, Hotel- und Logistikimmobilien. ECE beschäftigt 3 600 Mitarbeiter, davon arbeiten 2 000 in einem Einkaufs-Center. Jedes Center wird vor Ort von einem Team aus acht bis 20 Mitarbeitern betrieben und vermarktet, bestehend aus Center Manager, Technical Manager, Haustechnikern, Rezeptionisten und Assistenten. Verstärkt durch einen Leasingmanager betreuen sie 21.000 Mieter mit 23 Milliarden Euro Jahresumsatz sowie 4,6 Millionen Besucher pro Tag und suchen jedes Jahr für 500.000 qm neue Mieter. 

Bezahlung und Karrierestufe sind aber schon abhängig vom Umsatz?

Nein, von der Aufgabe. Die größten Center sind nicht immer die schwierigsten. Mal braucht man ein Marketing-Talent, mal einen, der Ordnung und Struktur reinbringt. Stärkenbasiert einzusetzen ist unser Ziel.

Was sind 2017 Ihre Topthemen als neuer HR-Geschäftsführer?

Wir wollen Talente noch systematischer suchen und fördern. Dazu werden wir im April eine Employer Branding Kampagne starten, unser Recruiting strategischer ausrichten, eine Nachfolgeplanung einführen und unsere Förderprogramme überarbeiten. Dabei verfolgen wir auch das Ziel, noch mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen – inzwischen sind wir bei 25 Prozent in der Geschäftsführung und 17 Prozent auf der Direktorenebene. Für mehr Wissenstransfer im Haus haben wir Räume eingerichtet und planen den Start einer ECE Academy. Zur Positionsbestimmung steht eine große Mitarbeiterbefragung mit Gallup an. Die letzte ist 10 Jahre alt.

Welche Rolle spielt HR bei ECE?

HR bekommt eine immer größere Bedeutung. Wir haben nichts außer unseren Mitarbeitern und sind daher auf die Besten angewiesen. HR hat erheblich zum Kulturwandel bei ECE beigetragen mit Themen wie Beruf und Familie, Vertrauenskultur, Diversity. Ausgewirkt hat sich das in vielen Auszeichnungen als Top-Arbeitgeber.

Was in Kununu über ECE zu lesen ist ... und was Robert Heinemann dazu sagt


"Work-Life-Balance: Hier hat sich in den vergangenen 3-4 Jahren viel entwickelt."

Früher hatten wir eine starke Anwesenheitskultur. Jetzt sind wir flexibler. Ein wichtiges Signal ist sicherlich auch, dass wir auf Direktorenebene Mütter und Teilzeitkräfte haben - wenn auch noch wenige.

"Kommunikation kann bei der ECE noch optimiert werden, insbesondere bei Umstrukturierungen."

Bei Umstrukturierungen wittern Mitarbeiter oft Geheimwissen. Aktuell ist unser größtes neues Projekt die Einführung von SAP. Sie wird drei Jahre dauern. Viele Mitarbeiter wüssten gern heute genau, was das für ihren Arbeitsplatz bedeutet. Das wissen wir im Detail aber selbst noch nicht.

"Trotz der Größe ist ECE eindeutig ein Familienunternehmen."

Ja, wir haben das Glück, dass wir mit Alexander Otto einen Eigentümer haben, der auch als CEO sehr präsent ist. Er steuert das Unternehmen mit seinen Werten und Gedanken.

"Einige Gehälter von Führungskräften, gerade im Bereich CM, passen nicht zur Verantwortung der Position."

Wir zahlen sehr vernünftig im Vergleich zu Warenhäusern oder zur Hotellerie. Wenn jemand wechselt, geht es im Center Management meist darum, an einem bestimmten Standort zu bleiben, dem Partner zu folgen oder jemand bekommt ein tolles Jobangebot, etwa in der Geschäftsführung eines Retailers.

"Die Meinung der IT-Abteilung zählt nicht."

Wenn ich bedenke, wie oft unser IT-Chef in der Geschäftsleitung vorträgt, sehe ich das komplett anders. Die IT ist von hoher strategischer Bedeutung – und deshalb geben wir heute auch viel mehr Geld für IT-Mitarbeiter und Software aus. Aktuell haben wir mehrere Vakanzen und suchen gute Leute, die unser Haus weiterentwickeln.



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