Wandern ist des Edekaners Lust

von Redaktion LZ
Freitag, 16. Juli 2004
LZ|NET. "Wandern ist des Müllers Lust ... ." Das gilt nicht nur für Handwerksgesellen, sondern auch für Kaufleute. Junge Edekaner schnüren ihr Bündel, steigen in die weiße Kluft und gehen auf die Walz - so ist es Brauch.



Zwölf Monate steht der Nachwuchs nicht im heimischen Edeka-Markt, sondern lässt sich den kalten Wind der Fremde um die Nase wehen. Nesthocken ade, heißt es für alle, die bei der Hamburger Handelsgruppe den beruflichen Aufstieg suchen.

Sie sollen erwachsen werden - unter der Obhut Edekas. Das Wanderjahr ist ein wesentliches Element der Personalstrategie. "Aufenthalte in der Fremde weiten die Persönlichkeit", so Raimund Wördemann, Leiter des Bildungswesens der Edeka AG in Hamburg.

"Wir wollen nicht nur junge Leute, die brillant verkaufen können, sondern auch als Mensch Statur zeigen." Mit dem Blick über den Tellerrand sollen Selbstständigkeit und Flexibilität erlernt werden.

Diese erweiterte Form der Ausbildung findet zunächst im Junioren-Aufstiegsprogramm (JAP) zur Förderung des internen Führungsnachwuchses statt.

Der Kreis rekrutiert sich im Wesentlichen aus ausgebildeten Einzelhandelskaufleuten. Organisationsform und Struktur des Hamburger Handelsunternehmens erlauben die Umsetzung eines Wanderjahrs in den eigenen Reihen - in Zusammenarbeit mit AVA und Adeg in Österreich.

Lust und Frust

Alle Junioren arbeiten und leben ein Jahr lang außerhalb der Grenzen ihrer bisherigen Edeka-Genossenschaft. Wünsche der Ortswahl, werden dabei berücksichtigt.

Über einen Verteiler werden aber auch Plätze vergeben. Vor Ort sollen sich die Kandidaten eigenständig um eine Unterkunft bemühen. 171 junge Frauen und Männer sind in diesem Jahr verschickt worden.

Des einen Lust, ist des anderen Frust. Manchem, der auszog, gefiel es in der Fremde so gut, dass er nicht wieder in die "Heimat" zurückkehrte.

"Das ist der lebende Wirtschaftsprozess", sagt Wördemann, und der Grund dafür, warum mancher Familienbetrieb "seine Kinder nicht gerne hergibt". Schließlich planen sie, eines Tages das Geschäft an ihren Nachwuchs zu übergeben.

Die Unterbringung in eine andere Region ist nicht immer in aller Konsequenz durchsetzbar: "Mancher bleibt in der Region, weil er "besonders tief das jeweilige Landesklima inhaliert hat", so Wördemann, doch wohnen bei den Eltern sei nicht mehr drin.

Der Rausreißimpuls sorge bei einigen Zöglingen auch für Frust. Der Bildungschef weiß von Tränen und dem Gefühl der Verlorenheit seiner Schützlinge zu berichten.

Junioren kommen weiter

In entsprechenden Seminaren treffen sich die Kandidaten regelmäßig zur Fortbildung. Nach zwölf Monaten stehen Prüfungen an. Dabei geht es unter anderem um Personaleinsatzplanung, Fallstudien, Absatzaufgaben und Kommunikationstechniken.

Wer hier schlechter als befriedigend abschneidet, hat zunächst kaum Chancen, beruflich weiter zu kommen. Schließlich kostet die Ausbildung pro Teilnehmer und Jahr etwa 4 000 bis 5 000 Euro.

Die Kosten verteilen sich auf den selbstständigen Kaufmann oder die Edeka-Filiale, die jeweilige Edeka-Großhandlung und die Junioren-Gruppe.

Etwa 40 bis 50 Prozent der Junioren-Absolventen lassen sich anschließend zum Handelsfachwirt beziehungsweise intern zur "Führungskraft Handel" ausbilden.

Während dieser zweijährigen Ausbildungszeit ist ein weiterer interner Arbeitgeberwechsel nicht Pflicht wie im JAP, aber erwünscht. Und davon werde in der Tat häufig Gebrauch gemacht.

Rund 60 Prozent der Absolventen suchten anschließend den Weg in die Selbstständigkeit - mit steigender Tendenz. Die Kosten dieser Ausbildungsstufe tragen je zur Hälfte der Fortbildungsbetrieb und die Edeka-Zentrale.

Die dritte "Verpflanzung" in einen Pratikumsbetrieb, ist während des Trainee-Programms für Existenzgründer gefragt. Die Qualifikation dauert rund drei bis sechs Monate.

Mentor für Existenzgründer

Das Programm wurde jüngst zusammen mit den Vertriebsleitern der Regionen erarbeitet: Dabei geht es um Führungsaufgaben wie strategisches Denken, Betriebswirtschaft, Organisation, Kommunikation, Selbst- und Fremdeinschätzung.

Dem Existenzgründer wird ein Mentor an die Hand gegeben. Integriert in diese Ausbildungsform sind die eigene Steuerberatung ADS und die Edeka-Bank.

Für selbstständige Händler, die die Karriereleiter weiter empor steigen wollen, ist das Unternehmer-Kompetenz-Programm (UKP) konzipiert. Die Kandidatenvorauswahl treffen die Großhandlungen.

In einem zweijährigen Prozess werden die Kaufleute nicht nur auf die Organisation mehrerer Märkte vorbereitet, sondern auch darauf, öffentlich aufzutreten, übergeordnete Funktionen wahrzunehmen sowie Gremien vorzustehen.

Das Äquivalent für die Zentrale, welches übertragbar auf die Großhandlungen ist, ist das Management-Programm 3P "Potenzial.Praxis.Perspektive".

"UKP'ler hinterfragen schon mal die große Edeka-Geschäftspolitik", sagt Wördemann. Dafür brauchen sie in vielerlei Hinsicht eine breite Basis an Wissen und Erfahrung. Die Wanderjahre bilden dabei ein Erfahrungsschatzkästlein, aus dem sie schöpfen können.

Diese Tradition dient der Mehrung von Wissen und Erfahrung , denn noch heute heißt es in dem fast 200 Jahr alten Volkslied: "... Das muss ein schlechter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern ein".

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