Deutsche kaum emotional gebunden

von Judit Hillemeyer
Freitag, 16. Januar 2009
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Fast 90 Prozent der deutschen Beschäftigten fühlen sich kaum an ihr Unternehmen gebunden. Das ermittelte das Beratungsunternehmen Gallup in seinem "Engagement-Index 2008".



Die Mehrheit der Beschäftigten in Deutschland setzt sich nur wenig für ihren Arbeitgeber ein: 67 Prozent der Arbeitnehmer sind emotional nur gering an ihr Unternehmen gebunden und machen Dienst nach Vorschrift, 20 Prozent haben sogar innerlich bereits gekündigt. Lediglich 13 Prozent der Beschäftigten verspüren eine echte Verpflichtung gegenüber ihrem Unternehmen und arbeiten hoch engagiert.

Das ist das Ergebnis des Gallup Engagement-Index 2008, den das Beratungsunternehmen am Mittwoch dieser Woche in Berlin vorstellte. Seit 2001 erhebt das Gallup-Institut jährlich die Studie zum Engagement und zur Motivation deutscher Arbeitnehmer.

Basierend auf zwölf Aussagen zum Arbeitsplatz und Arbeitsumfeld, den so genannten Q12, werden die Befragten jeweils einer der drei Bindungsgruppen "hohe emotionale Bindung", "geringe emotionale Bindung" und "keine emotionale Bindung" zugeordnet. Ermittelt werden außerdem Folgekosten für Unternehmen und Volkswirtschaft.



Europäer lieben ihren Arbeitgeber nur mäßig
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"Im internationalen Vergleich belegt Deutschland damit nur einen Platz im unteren Mittelfeld", erklärte Marco Nink, Strategic Consultant bei Gallup Deutschland. "In Großbritannien haben 20 Prozent der Arbeitnehmer eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen, in den USA sogar 29 Prozent."

In Frankreich und Japan ist dieser Anteil an Mitarbeitern mit zwölf beziehungsweise sieben Prozent hingegen weit geringer als in Deutschland. "Die Folgen sowohl für die Leistungsfähigkeit der einzelnen Unternehmen als auch für die gesamte Volkswirtschaft sind erheblich", sagt Nink. So weisen Beschäftigte mit geringer oder ohne emotionale Bindung zwei beziehungsweise vier Fehltage mehr auf als emotional hoch gebundene Mitarbeiter.

Einem Unternehmen mit 1.000 Mitarbeitern entstehen auf diese Weise jährliche Mehrkosten von 485.000 Euro. Die volkswirtschaftlichen Kosten belaufen sich nach den Berechnungen von Gallup auf eine Summe zwischen 81,2 und 109 Mrd. Euro pro Jahr. Der deutschen Wirtschaft entstehe allein durch die Fehlzeit ein Schaden von insgesamt 16,2 Mrd. Euro.

Direkte Vorgesetzte seien häufig der Grund für das geringe Engagement. "Man könnte erwarten, dass mit Eintrübung der wirtschaftlichen Stimmung die Bereitschaft der Arbeitnehmer steigt, sich aus Sorge um den Arbeitsplatz stärker für ihr Unternehmen einzusetzen. Schließlich war zum Zeitpunkt der Befragung die Finanzkrise schon spürbar", so Nink.

Der Blick auf die vergangenen Jahre zeige jedoch, dass weder eine Verschlechterung noch eine Verbesserung der Konjunktur zu nennenswerten Verschiebungen zwischen den drei Bindungsgruppen geführt hat. "Vielmehr sind die Ursachen für den relativ geringen Anteil emotional hoch gebundener Arbeitnehmer in Deutschland hausgemacht und gehen auf Defizite in der Personalführung zurück" betont Nink.

Die emotionale Mitarbeiterbindung hängt vor allem mit der direkten Führungskraft zusammen: So bemängeln viele Beschäftigte, dass sie zu wenig Anerkennung erhalten oder ihre Meinung im Unternehmen nicht gehört werde. Zahlreiche Arbeitnehmer geben zudem an, dass sie eine Position ausfüllen, die ihnen nicht wirklich liegt.

Der Aussage "mein Vorgesetzter/meine Vorgesetzte legt den Schwerpunkt auf meine Stärken und positiven Eigenschaften" stimmen lediglich 35 Prozent der deutschen Beschäftigten uneingeschränkt zu.

Mitarbeiterengagement lässt sich durch gezielte Maßnahmen erhöhen. "Führungskräfte müssen sich zunächst ihrer Stärken und Schwächen bewusst werden und erkennen, wie ihr Führungsverhalten von den Teammitgliedern wahrgenommen wird", erläutert der Studienverantwortliche.

"Dann ist der Grad der emotionalen Bindung veränderbar - unabhängig vom Ausgangsniveau." So lassen sich auf Basis anonymer Mitarbeiterbefragungen gezielte Maßnahmen entwickeln, um das Engagement und die Motivation der Mitarbeiter zu erhöhen.

"In der Regel werden auf diese Weise vor allem die Beschäftigten angesprochen, die Dienst nach Vorschrift machen - immerhin die Mehrheit in deutschen Unternehmen. Anders als diejenigen, die innerlich schon gekündigt haben, können diese zurück gewonnen werden", so Nink weiter.

Mitarbeiter sind ein Erfolgsfaktor. Wie leistungsfähig ein Unternehmen ist, hängt im wesentlichen von den individuellen Verhaltensweisen aller Mitarbeiter ab. Wenn es ein Unternehmen schafft, seine Angestellten emotional zu binden, hat es einen Wettbewerbsvorteil erzielt. Unter gebundenen Mitarbeiternversteht Gallup die Selbstverpflichtung und Bereitschaft, sich aus freien Stücken für den Arbeitgeber und dessen Ziele einzusetzen.

Je stärker die Mitarbeiterbindung, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Angestellter im Sinne seines Arbeitgebers verhält. Je mehr gebundene Personen ein Unternehmen hat, um so leistungsfähiger agiert es auf dem Markt, lautet die Quintessenz von Gallup. (juh)

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