Interview "Enger Kontakt zu den Unternehmen"

von Redaktion LZ
Donnerstag, 04. September 2014
„Der Trend zur Akademisierung ist unumkehrbar“: Professor Rose vor seinen Studenten an der Hochschule Bremen.
Hochschule Bremen
„Der Trend zur Akademisierung ist unumkehrbar“: Professor Rose vor seinen Studenten an der Hochschule Bremen.
LZnet/Christiane Düthmann. Seit 25 Jahren bildet die Hochschule Bremen Führungsnachwuchs für den Handel aus. Professor Peter Rose, Leiter des Studiengangs "Management im Handel", betont die enge Kooperation mit der Branche.
Professor Rose, wie viele Studenten haben den Studiengang "Management im Handel" bislang abgeschlossen?

Wir sind ein kleiner, feiner Bereich. Pro Semester starten rund 40 Studenten, so dass es insgesamt mindestens 500 sein dürften. Und fast alle machen auch ihren Abschluss. Wir haben eine moderate Schwundquote.





Welche Einstiegsvoraussetzungen muss man erfüllen?

Man braucht Hochschul- oder Fachhochschulreife und eine einschlägige Berufsausbildung als Kaufmann oder mindestens vierjährige Berufserfahrung im Handel. Daneben gibt es bei uns die Möglichkeit einer Einstufungsprüfung für Interessenten mit mindestens sechs Jahren Berufserfahrung im Handel. Das sind pro Semester meist zwei oder drei Personen – und oftmals die engagiertesten.



Ist die Berufs- und größere Lebenserfahrung Ihrer Studenten ein Vorteil?

Durchaus, denn sie wissen, was sie wollen. Auf der anderen Seite sind sie oft seit mehreren Jahren von der Schulbank weg und müssen das Lernen erst wieder lernen. Doch dafür gibt es bei uns zahlreiche Hilfestellungen wie Mentorenprogramme und Förderkurse.



Werden die Studenten von ihren Unternehmen geschickt?

Bei unserem Vollstudium ist das eher selten der Fall. Wir tragen uns aber derzeit mit dem Gedanken, auch ein berufsbegleitendes, duales Studium anzubieten.



Symposium zum Jubiläum "Handel 2020: Chancen in einer digitalisierten Welt": So lautet der Titel eines Symposiums, das die Hochschule Bremen anlässlich des Jubiläums des Studiengangs "Management im Handel" am 13. und 14. November veranstaltet. Mit dabei sind Experten aus Wissenschaft und Praxis, unter anderem Atlanta-CEO Peter Jung, David Bosshart, Chef des Gottlieb Duttweiler Instituts, Professor Rainer Lademann von der Universität Göttingen, Start-up-Gründer Maichael Sorkin und MiH-Absolvent André Pointmayer, der heute ein E-Center der Edeka Minden leitet. Außerdem blicken Studenten und Alumni auf die vergangenen 25 Jahr e zurück. Zum Abschluss verleihen Vertreter des HDE und der Conzen-Stiftung den diesjährigen Conzen-Preis für herausragende Bachelorarbeiten. Weitere Informationen gibt es unter www.25-jahre-mih.hs-bremen.de.



Wie gefragt sind die Absolventen am Arbeitsmarkt?

Da der Studiengang sehr breit angelegt ist, gibt es eine Vielzahl beruflicher Möglichkeiten in Handel, Industrie und Dienstleistungsunternehmen. Es haben sich auch etliche Absolventen selbständig gemacht.



Was sind die Eckpunkte Ihres akademischen Konzepts?

Das Besondere ist zum einen, dass der Anstoß für das Studium direkt aus der Praxis, das heißt aus der damaligen Handelslandschaft kam. Der HDE war beteiligt, ebenso wie diverse Handelskammern und Unternehmen, zum Beispiel Edeka oder Kraft Foods, heute Mondelez. Zum anderen arbeiten wir sehr praxis- und anwendungsorientiert und stehen in engem Kontakt zu den Unternehmen.



Was bedeutet das konkret?

Wir bieten in jedem Semester eine sogenannte Ringvorlesung an, in der die Studenten den Handel live erleben können. Dort tragen Manager aus den Unternehmen vor. Einer von ihnen ist Marc Rosenkranz, Chef der Edeka Minden und MiH-Absolvent. Es geht zudem um die Schnittstelle von Handel und Industrie. Deshalb sind auch Referenten von Unilever, Procter & Gamble, Mondelez oder AB Inbev dabei, um beispielsweise den neuesten Stand beim Category Management zu beleuchten. In unserem Beirat sind ebenfalls Praktiker vertreten, die uns inspirieren, indem sie auf neue Trends hinweisen, die für die Studierenden relevant sind. Ein Beispiel für die gute Zusammenarbeit ist die Otto Group, mit der wir das Modul "Management" gemeinsam gestalten. Alle Referenten stammen aus dem Unternehmen – und jeder vermittelt Wissen aus dem Bereich, für den er verantwortlich ist.



Inwieweit sind die Studenten in die Unternehmen eingebunden?

Das fünfte Semester ist komplett für Praktika vorgesehen. Viele unserer Studenten absolvieren diese im Ausland. Es gibt mittlerweile ein funktionierendes Netzwerk für diese Plätze – wir bringen sie alle unter. Aber auch ansonsten kommt die Praxis nicht zu kurz. Ich bin an der Hochschule Bremen derjenige, der mit den Unternehmen intensive Projekte durchführt. So machen die Studenten zum Beispiel im Rahmen meines Moduls "Kundenbindungsmanagement" Befragungen zur Kundenzufriedenheit auf der Fläche.



Können Sie ein Beispiel für ein solches Projekt nennen?

Für "Hol ab", einen regionalen Getränkeabhol-Filialisten, haben wir Vorschläge zur Sortimentsgestaltung gemacht. Dazu hat das Unternehmen den beteiligten Studenten eine Reihe von Kennzahlen zur Verfügung gestellt. Die Studenten erstellen Kundenlaufstudien und führten Interviews vor Ort. Bereits dreieinhalb Jahre liegt das Projekt "Tante Emma 2.0" zurück, bei dem es darum ging, für die Edeka ein Internetportal für Lebensmittel aufzubauen. Damals lautete das Ergebnis unserer Analyse: "Jetzt noch nicht." Doch jetzt werden unsere Vorschläge nach und nach in die Tat umgesetzt.



Haben Sie heute noch eine Alleinstellung mit Ihrem Studiengang?

An anderen Hochschulen kann man sich zwar innerhalb der BWL auf Handel spezialisieren. Bei unserem Bachelorstudiengang aber machen Sie sieben Semester lang nichts anderes! Einzigartig ist auch das Modul "besondere Handelsformen", in dem wir uns mit den neuesten Trends – zum Beispiel Multi-, Cross- und Omni-Channel – entlang der gesamten Wertschöpfungskette befassen.



Der Handel gilt als Branche, in der man auch ohne Studium ganz nach oben kommen kann. Wie beurteilen Sie den Akademikerbedarf?

Um Kundenorientierung zu betreiben, ist eine gewisse Sensorik vonnöten. Natürlich gibt es so etwas wie Bauchgefühl. Aber wenn man sich Aspekte wie Big Data oder Category Management vor Augen führt, sieht man, wie viel zahlenbasiertes Wissen erforderlich ist, um Entscheidungen zu untermauern. Der Trend zur Akademisierung ist unumkehrbar.

 

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats