Online-Management Engpass behindert Fortschritt

von Silke Biester
Freitag, 01. November 2013
Wählerisch: Christoph Kleinen weiß, dass geeignete Kandidaten sich den Job aussuchen können.
Heidrick & Struggles
Wählerisch: Christoph Kleinen weiß, dass geeignete Kandidaten sich den Job aussuchen können.
In Handel und FMCG-Industrie findet ein Umbruch statt. Mit der Digitalisierung entstehen neue Märkte und Chancen. Das bringt eine Vielzahl neuer Aufgaben mit sich. Doch es mangelt an Managern, die den Brückenschlag von der alten in die neue Welt schaffen.
Beim Verkauf von Multimedia, Textilien, Schuhen und anderen Nonfood-Produkten spielt Online längst eine zentrale Rolle. Das Foodgeschäft hinkt der Entwicklung hinterher. Für Personalberater Christoph Kleinen, Partner bei Heidrick & Struggles, hängt dies nicht nur mit den komplexen Prozessen zusammen, die den Internetverkauf von frischen Lebensmitteln erschweren. Aus seiner Sicht fehlen der Branche die richtigen Positionen und Leute: "Der Handel braucht in Zukunft mehr CDOs – Chief Digital Officer."

In stärker digital-orientierten Branchen gibt es längst entsprechende Verantwortlichkeiten auf höchster Ebene. Die Top-Manager sollen strategische Weitsicht mit Marketing-Know-how, einer ausgeprägten digitalen Affinität und dem Verständnis für Prozesse verbinden. Das technische Know-how eines Chief Information Officers (CIO) benötigen sie dagegen nicht. Vom Markt her denkend müsse ein CDO die interne Umsetzung anstoßen, für technische Details sollte er aber nicht zuständig sein.

Auf welche Art und Weise der Digital-Chef ein Unternehmen voranbringt, dürfte individuell höchst unterschiedlich sein, denn der Prozess der Transformation verläuft in jedem Haus anders. Etliche Lebensmittelhändler wie Globus, Real, Rewe und Edeka basteln an Online-Shops, Multi-Channel- oder Drive-in-Konzepten.

Tengelmann konzentriert sich dagegen weniger auf neue Vertriebswege für das klassische Supermarktsortiment, sondern vielmehr auf den Aufbau eines Beteiligungsportfolios mit interessanten Start-ups. Der Nahrungsmittelriese Nestlé hat mit Nespresso einen vom Handel vollkommen unabhängigen eigenen Verkauf von Kaffee über das Internet aufgebaut.

Mehrere hundert Positionen sind vakant

Aktuell könnten im Jahr mehrere hundert Online-Positionen im Management der Konsumgüterwirtschaft besetzt werden, schätzt Kleinen den Bedarf, damit die noch jungen Geschäftsfelder in der Branche weiter vorangebracht werden können.

Allerdings ist die Zahl überzeugender Kandidaten deutlich geringer, weiß der Headhunter, der sich mit seinem multifunktionalen Team genau auf die Besetzung solcher Positionen spezialisiert hat. Geeignete Führungskräfte sind zudem wählerisch – und sie können es sich leisten.

Bei der Suche nach passenden Managern für diesen Bereich gelte es, die üblichen Anforderungsprofile in Frage zu stellen. Der Personalberater beschreibt das Dilemma so: Führungskräfte mit ein paar Jahren Berufserfahrung und hoher Digital-Affinität gebe es bei "Pureplayern" wie Amazon, Ebay, Zalando und etlichen Start-ups oder auch im Medienbereich, bei Google oder Xing.

Dort haben sie oftmals einen hohen Grad an Freiheit genossen und sind nur bedingt bereit, sich in die vergleichsweise starren Strukturen eines Handelskonzerns oder Konsumgüterherstellers zu integrieren.

Den Digital-Profis fehlen Warenkenntnisse

Von Anfang an stellen sie die Frage nach Budgethöhe und -hoheit. Viele sind es gewohnt, Entscheidungen zu treffen und nicht bereit, bei den Etatverantwortlichen zu betteln. Wenn die Kandidaten das Gefühl haben, das suchende Unternehmen gehe nur halbherzig neue Wege, verlieren sie das Interesse. Zugleich fehlt den langjährigen Digital-Profis oftmals die Erfahrung im Umgang mit Ware – ein echtes Manko für die Branche.

Kleinen prophezeit, dass der Personalmarkt für E-Commerce-erfahrene Manager noch in den kommenden fünf bis zehn Jahren unterversorgt bleiben wird. Um zumindest langfristig den Bedarf decken zu können, empfiehlt er branchenspezifische Ausbildungsgänge anzustoßen und die Qualifizierung eigener Mitarbeiter voranzutreiben.

Der Markt wird noch länger unterversorgt bleiben

Darüber hinaus sei es ratsam, die eigene Employer Brand gezielt nach vorne zu bringen. Denn auch junge Leute, die für die digitale Zukunft in Handel und Industrie als Mitarbeiter interessant sein könnten, orientieren sich bei der Arbeitgebersuche an Dingen, die nur wenige bieten können: "Fast alle wollen nach Berlin", bringt Kleinen auf den Punkt, dass oftmals Lifestyle und Work-Life-Balance entscheiden.

Gute Leute können wählen und entscheiden sich für das beste Lebensumfeld. "B-Firmen an einem unattraktiven Standort werden es extrem schwer haben", so der Personalberater. Gerade die erfolgreiche Besetzung zukunftsweisender Positionen ist aus seiner Sicht ein Wettbewerbsfaktor für das gesamte Unternehmen.

(sb)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats