Sozialverträglicher Rausschmiss ist kostengünstig

von Redaktion LZ
Freitag, 28. Mai 2004
LZ|NET. Mit der Frage, wie Stellen sozialverträglich abgebaut werden können, befassten sich Teilnehmer des Kongresses "Nachhaltiger Umgang mit Personalüberhängen". Unternehmen wie KarstadtQuelle und Coca-Cola setzen auf Transfer-Gesellschaften.

Darüber waren sich die Kongressteilnehmer einig: Noch vor wenigen Jahren wurden Mitarbeiter in Größenordnungen eingestellt, die heute zu Stellenabbau führen müssen. Als sozialverträglicher und kostengünstiger Weg haben sich Transfergesellschaften erwiesen, die beispielsweise Karstadt, Coca-Cola, und Unilever nutzen.

Die Krise bei Karstadt soll Berichten zufolge demnächst weiteren 2 500 Mitarbeitern den Arbeitsplatz kosten. Dieser Prozess dürfte von der PEAG Personalentwicklungs- und Arbeitsmarktagentur GmbH, Dortmund, abgewickelt werden.

Die Karstadt Warenhaus AG ist zu 8,9 Prozent an der Transfergesellschaft beteiligt. "Wir unterstützen Unternehmen bei der sozialverträglichen und verantwortungsvollen Durchführung von Stellenabbau und helfen Arbeitnehmern, neue Arbeit zu finden," beschreibt Peter Rinza, Vorsitzender der PEAG-Geschäftsführung, die Aufgabe der Transfergesellschaft.

Bei Verlust des Arbeitsplatzes werden die Mitarbeiter in ein festes und zeitlich befristetes Arbeitsverhältnis bei der PEAG übernommen. Sie werden hier in enger Zusammenarbeit mit Arbeitsämtern und Bildungsträgern beraten. Wie Michael Rinke, Direktor Personal der Karstadt Warenhaus AG, referierte, ist der Beschäftigtentransfer Teil des Sozialgesetzbuches III: "Ziel ist, Arbeitslosigkeit zu vermeiden oder zu mindern." Über den Transfer könne der Abfindungs-Sozialplan abgelöst werden.

Sozialverträglicher Stellenabbau

Laut PEAG-Chef Rinza würden Arbeitnehmer hier aktiv in neue Arbeit vermittelt und nicht in die Arbeitslosigkeit entlassen. Stellenabbau könne damit nicht nur sozialverträglich, sondern auch kostengünstig gestaltet werden. Die Kosten für eine Transfermaßnahme lägen bis zu 50 Prozent unter denen, die ein Mitarbeiter in der Kündigungsfrist kostet.

Sie biete sich an, wenn die Arbeitskraft der Mitarbeiter noch zur Abwicklung laufender Aufträge und Projekte benötigt wird, obwohl der strukturell bedingte Stellenabbau bereits feststeht. So wird der Mitarbeiter im noch bestehenden Arbeitsverhältnis bei der Bewerbung und Vermittlung einer neuen Stelle unterstützt.

"Das Unternehmen verpflichtet sich, seine Mitarbeiter für die Beratung durch die Transfermaßnahme von der Arbeit freizustellen," so Rinza. Die Gesamtkosten der Transfermaßnahme sind abhängig vom Beratungs- und Qualifizierungsbedarf der Mitarbeiter und dem Erfolg der Vermittlung.

Bei dem zuständigen Landesarbeitsamt können Leistungen zur Förderung der Teilnahme an Transfermaßnahmen beantragt werden. Während der Laufzeit der Transfermaßnahme erhält der Arbeitnehmer weiterhin Gehalts- bzw. Lohnzahlungen. Dauer und Kosten hängen von den Vereinbarungen im Sozialplan des Unternehmens ab.

Karstadt-Personalchef Rinke, der sich bei seinem früheren Arbeitgeber Metro "im Rahmen eines großen Projektes" bereits mit der Sozialauswahl beschäftigt hat, kritisierte, dass es bei den Auswahlrichtlinien zunehmend zu Problemen mit den Betriebsräten kommt.

Bei Karstadt gebe es natürlich auch ein altersabhängiges Punkteschema. Aber: Genauso gebe es ein berechtigtes Interesse an der Sicherung einer ausgewogenen Alterstruktur. Innerhalb der Altersgruppen erfolge ein prozentualer Abbau. Das sei bei Karstadt verschärft worden.

Spielräume nutzen

Dass 10 Prozent der entlassenen Mitarbeiter dagegen klagen, sei zu verkraften, "dann verlieren wir 5 Prozent der Fälle, das kann man akzeptieren." Man müsse Mut haben, den Spielraum der Punktevergabe zu nutzen, ermunterte er die Kongressteilnehmer.

Von überaus positiven Erfahrungen der Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG mit einer Transfergesellschaft berichtete Christian Schmidt, Personalberater bei Ventus Personalpartner GmbH, Göttingen. Absatzrückgänge hatten das Unternehmen im Jahr 2000 zu Umstrukturierungsmaßnahmen gezwungen.

Nachdem zuvor auf Sozialpläne gesetzt worden war, entschied man sich damals für einen Anbieter für Transferleistungen, der bundesweit arbeitet. In einem "aktiven Sozialplan" wurde der Transfer von Mitarbeitern geregelt, in einem "passiven Sozialplan" die Abfindungen.

Inzwischen sind an mehr als 20 Standorten mehr als 300 Mitarbeiter in Transfergesellschaften gewechselt. Die durchschnittliche Vermittlungsquote liegt laut Schmidt je nach Standort zwischen 60 und 70 Prozent. Das Projekt laufe noch immer.

"Ich sehe das Ziel darin, ein Unternehmen so auszurichten, dass man sich mit Personalüberhängen gar nicht erst auseinandersetzten muss", diese Ansicht vertritt Christine Bruchmann, Mitglied der Geschäftsführung bei Randstad Deutschland und zuständig für den Bereich Vertrieb.

Beiersdorf, Procter & Gamble und Henkel nutzten dazu die Dienste von Zeitarbeitsfirmen. Diese Unternehmen seien deshalb intern extrem flexibel, der Anpassungsbedarf an Kapazitätsschwankungen sehr gering.

Bei Henkel beispielsweise gebe es keine betriebsbedingten Kündigungen. 500 Henkel-Mitarbeiter seien sozusagen Zeitarbeiter - sie springen bei Bedarf bei Bayer ein. Beiersdorf nutze bei Auftragsspitzen 200 Zeitarbeiter. Vorteil sei, dass Kernkompetenzen im Unternehmen bleiben.

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