Fachkräftemangel Handel rekrutiert gezielt Ex-Soldaten

von Silke Biester
Freitag, 29. Juli 2016
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Hans-Rudolf Schulz
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Auf der Suche nach Fachkräften haben Personalverantwortliche führender Handelsunternehmen ehemalige Soldaten als Recruiting-Nische entdeckt.

Für Quereinsteiger ist der Handel bei der Suche nach neuen Mitarbeitern traditionell sehr offen. Die wachsende Schwierigkeit, geeignete Bewerber anzulocken, gibt der Situation eine neue Wendung: Als sich vor einigen Monaten ein halbes Dutzend Personalverantwortliche aus den Reihen von Edeka, Rewe, Real, Globus und Dohle beim "Runden Tisch Personalentwicklung im Lebensmittelhandel" zusammensetzten, waren sie sich schnell einig, dass Offenheit allein nicht mehr ausreicht. Vielmehr müsse man infrage kommende Personengruppen gezielt auf sich als Arbeitgeber aufmerksam machen. Eine solche Zielgruppe sind Soldaten, die aus dem Dienst ausscheiden.

Zielgruppe im Fokus

Jedes Jahr müssen sich rund 20.000 Zeitsoldaten plus freiwillig Wehrdienstleistende beruflich neu orientieren. Die Mehrheit hat acht bis zwölf Jahre gedient, manche sogar 25 Jahre. Die Profile der rund 180.000 Bundeswehrsoldaten reichen von Bäcker, Kaufmann, Kraftfahrer, Elektrotechniker bis Ingenieur. Die Integration in den Arbeitsmarkt wird mit bis zu 21.000 Euro pro Kopf gefördert. Auf der Karriereplattform Dienstzeitende.de haben rund 1.500 Soldaten ihren Lebenslauf hinterlegt. Zu den 350 Nutzern gehören Aldi, Lidl, Metro, Kamps, Backwerk, Amazon und Zalando.

Jens Kettler, Geschäftsführer der Edeka-Juniorengruppe, hat nach der Branchenrunde ehemalige Uniformträger in seinen Fokus gerückt und einen zunächst unverbindlichen Austausch über Anforderungen, Qualifikationen und Profile mit dem Berufsförderungsdienst der Bundeswehr angestoßen.

Der Online-Riese Amazon rekrutiert schon lange bei der Bundeswehr: Armin Cossman war 2001 der erste Mitarbeiter mit Militär-Laufbahn bei Amazon Deutschland. Während des seitdem andauernden Unternehmenswachstums pflegte der heutige Regionaldirektor mit Verantwortung für mehrere Logistik-Standorte die Kontakte zu seinem Ex-Arbeitgeber und holte mehrere Kameraden ins Team (siehe Interview).

In der Amazon-Personalabteilung gibt es seit Jahren einen speziellen Ansprechpartner für Soldaten und der Karrierebereich amazon-operations.de hat einen Tab "Bundeswehr". Auch die US-Mutter kommuniziert über den Bereich "Amazon Military Recruiting" deutlich, dass ehemalige Soldaten willkommen sind. "Wir suchen aktiv Führungskräfte, die Ideen haben, groß denken und Ergebnisse liefern", wird dort Jeff Bezos zitiert, "diese Prinzipien sind den Menschen vertraut, die unserem Land gedient haben." Es folgen mehr als 1.000 Jobangebote.

Unkomplizierte Umstellung: Armin Cossmann, Regionaldirektor bei Amazon.
Amazon

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Aldi Süd spricht seit einem Jahr gezielt Bewerber aus der Bundeswehr an. "Die Zielgruppe ist uns sehr wichtig", sagt eine Sprecherin. Man erhofft sich neue Impulse durch die Quereinsteiger und schätzt ihre Lebens- und Führungserfahrung: "Soldaten bringen stark ausgeprägte persönliche und soziale Kompetenzen mit, sind leistungsorientiert und in der Lage, Verantwortung zu übernehmen. Daher passt diese Zielgruppe richtig gut zu unseren Unternehmenswerten." Aufgrund bisheriger Erfahrungen attestiert Aldi Süd "eine hohe Passgenauigkeit hinsichtlich unseres Anforderungsprofils und der Eignung der Bewerber". Fehlende branchenspezifische Erfahrungen seien aufgrund der "sorgfältigen Einarbeitung und intensiven Betreuung" vornehmlich bei der Filialführung zweitrangig. Ausgeschrieben werden die Positionen beispielsweise über die Job-Vermittlungsplattform Dienstzeitende.de (DZE). "Viele Soldaten verfügen über Qualifikationen, die bei Arbeitgebern heiß begehrt sind", ist DZE-Geschäftsführer Stefan Geßner überzeugt. Dennoch würden manche Kandidaten mit Vorurteilen seitens der Personaler konfrontiert. Dabei habe der "Kasernenhofton" mit der heutigen Bundeswehr nicht mehr viel gemein, versichert der Ex-Offizier: "Die Bundeswehr ist ein moderner Arbeitgeber. Dort wird beispielsweise SAP genutzt wie in jedem anderen Unternehmen auch."

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