Berufstätigkeit von Müttern stärker fördern

von Judit Hillemeyer
Freitag, 10. Dezember 2004
Politik und Institutionen entdecken Mütter als volks- und betriebswirtschaftliche Ressource. Der Hessische Ministerpräsident Roland Koch fordert Unternehmen auf, eine familienbewusstere Personalpolitik zu betreiben.



Das Hessische Sozialministerium, die Hertie-Stiftung und die "Hessenstiftung - Familie hat Zukunft" wollen mit ihrer Kongressreihe "Dialog Beruf und Familie in Hessen" eine Lanze für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf brechen.

Eine familienfreundliche Unternehmenspolitik bringe strategische Wettbewerbsvorteile und habe eine positive Auswirkung auf die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiterinnen, so Ministerpräsident Koch. Dennoch besteht in Deutschland - das zeige ein internationaler Vergleich - in punkto Familienfreundlichkeit - Nachholbedarf.

Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) schätzen 70 Prozent der befragten Unternehmen die Bedeutung des Themas Familienfreundlichkeit als gering ein.

Flexible Arbeitszeiten

Vielfach stehen die Anforderungen der Arbeitswelt einem Kinderwunsch entgegen, kritisierte Sozialministerin Silke Lautenschläger (CDU). Dies seien auch die Gründe, warum viele über 40-jährige Frauen, die oftmals hoch qualifiziert seien, kinderlos blieben.

Die Geburtenziffer liege derzeit in Deutschland bei 1,35 Kindern pro Frau. Um diese Entwicklung umzukehren, seien flexible Arbeitszeiten sowie eine partnerschaftliche Teilung von Familie und Beruf zwischen Männern und Frauen nötig.

Gerade mal 5 Prozent der deutschen Männer nehmen Erziehungsurlaub. Die Einkommensdiskrepanz zwischen Männern und Frauen ist extrem. So verdienen Frauen im Vergleich zu Männern bei gleicher Ausbildung und Qualifikation bereits im ersten Berufsjahr rund 34 Prozent weniger, so Prof. Dr. Uta Meier, Lehrstuhl für Wirtschaftslehre des Privathaushaltes und Familienwissenschaft, Justus-Liebig-Universität, Gießen.

Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen: Ehen werden zunehmend homogener. Das heißt, Ärzte heiraten Ärztinnen und nicht mehr Krankenschwestern, sagte Meier. Vor allem Akademikerinnen verzichteten auf Kinder, obwohl diese Bevölkerungsschicht "gute Voraussetzungen" aufgrund von Bildung und Einkommen habe, eine Familie zu gründen.

Frauen werden zu wenig Karrierechancen geboten, die sie mit einem Kinderwunsch verbinden können. Dies sei ein maximaler Schaden an Wissen und Ressourcen, wenn Unternehmen nicht familienfreundlich arbeiteten, kritisierte Koch.

Reduktion spart Kosten

Drei betriebswirtschaftliche Gründe zur Einführung von Teilzeitarbeit wurden genannt: Flexible Arbeitszeitmodelle reduzieren in Krisenzeiten Personalkosten, erhöhen die Produktivität und verhindern, dass qualifizierte Frauen, in deren Ausbildung Volkswirtschaft und Unternehmen über mehrere Jahre hinweg investiert haben, nach der Babyphase "abhanden kommen".

Familienfreundlichkeit ist keine "generöse Geste", sondern eine betriebwirtschaftliche Aufgabe, sagte Dr. Joachim von Harbou, Präsident der Frankfurter Industrie- und Handelskammer auf der Veranstaltung. Ziel ist es, Frauen und Männern eine Balance zwischen Kindern und Beruf zu ermöglichen.

Aber nicht nur die Unternehmen seien in der Pflicht, sondern auch die Kommunen. So sei eine wesentliche Voraussetzung, Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter drei Jahren zu schaffen. Hier hat Deutschland erheblichen Nachholbedarf.

Außerdem müsse der Ausbau von Ganztagsschulen voran getrieben werden, damit Karriere und Familie keinen Widerspruch bildet.

Die Veranstaltung "Vereinbarkeit von Beruf und Familie" ist die erste einer insgesamt vierteiligen Kongressreihe. Die drei weiteren Tagungen werden sich mit den Themen Familie und Hochschule, Vätern sowie Bildung und Betreuung beschäftigen. (juh)

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