Stand-by-Manager machen schlapp

von Redaktion LZ
Freitag, 13. August 2010
LZnet. Krankenkassen schlagen Alarm. Psychische Krankheiten nehmen überproportional zu. Als einer der Auslöser wird Stress am Arbeitsplatz angesehen. Die Unternehmen beginnen, ihre Gesundheitskonzepte darauf einzustellen.
Erst kürzlich fiel Thomas Sattelberger positiv auf, als Vorkämpfer für die Frauenquote. Nun packt der Personalvorstand der Telekom das nächste heiße Eisen an. Er möchte das Management entschleunigen und den unbegrenzten Zugriff auf die Zeit seiner Mitarbeiter zurückschrauben.

So müssen E-Mails am Wochenende nur noch in Extremfällen beantwortet werden. Und Teilzeit soll bis in die Topetagen salonfähig werden. Mit diesen Ideen ist Sattelberger Trendsetter. Denn es mehren sich die Zeichen, dass multimedialer Dauerbeschuss und mangelnde Zeit zum Entspannen an den Nerven zehren, schlimmstenfalls sogar zum Burnout führen.

Zahl der Krankmeldungen steigt

Seit 2006 steigt die Zahl der Krankmeldungen in den Unternehmen wieder an. Im vorigen Jahr betrug die Fehlzeit im Schnitt 14,4 Tage. Störungen an Muskeln und Skelett, vor allem Rückenprobleme, verursachen ein Viertel der Ausfälle. Sie bilden die größte Gruppe, gefolgt von Schnupfen und Co., bilanzieren die Betriebskrankenkassen.

Mit neun Prozent schlagen psychische Leiden zu Buche. Betrachtet man einen längeren Zeitraum, fällt auf, dass immer mehr Menschen seelisch kapitulieren. Von einer "gravierenden Zunahme" spricht der Bundesverband der BKK. Die dadurch bedingten Fehlzeiten legten in der vergangenen Dekade um 40 Prozent zu.

Seit 1972, also innerhalb einer Generation, haben sie sich verfünffacht. Die Barmer bezeichnet in ihrem Gesundheitsbericht Burnout bereits als Volkskrankheit. In einer Blitzumfrage auf dem diesjährigen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Personalführung wurde das Phänomen als vordringlich benannt.

Für den dramatischen Anstieg machen die Versicherer nicht zuletzt Stress am Arbeitsplatz verantwortlich. Unter Druck bereitet sich der Körper noch immer wie vor Jahrtausenden auf Flucht vor: Der Blutdruck steigt, das Herz rast und pumpt mehr Sauerstoff ins Blut. Nur kann der moderne Büromensch nicht losrennen. Vielmehr sitzt er wie festgezurrt hinter seinem Bildschirm. Und selbst in der Freizeit hindert ihn die elektronische Fußfessel, sprich Handy oder Blackberry, am Ausspannen.

Auch im Urlaub online

Mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer ruft selbst im Urlaub geschäftliche Mails ab und beantwortet sie, belegt eine aktuelle Umfrage von Emnid. In Amerika lesen die Besitzer entsprechender Geräte elektronische Nachrichten schon morgens im Bett.

Abschalten vom Alltag fällt auf diese Weise schwer. Annette Hoppe, Arbeitsmedizinerin an der TU Cottbus, kritisiert: "Wir benutzen die technischen Hilfsmittel nicht, um Freiräume zu schaffen, sondern um die gewonnene Zeit mit Arbeit zuzupacken."

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Nur 75 Prozent der Deutschen nutzen ihre gesamten Urlaubstage, berichten Meinungsforscher vom Institut Ipsos. Sie haben Arbeitnehmer in 24 Ländern befragt. Demnach machen Nordamerikaner (57 Prozent) und Asiaten (58 Prozent) noch weniger Gebrauch von ihrem Recht auf Entspannung.

Mehr als die Häfte aller deutschen Arbeitnehmer beantwortet im Urlaub geschäftliche E-Mails. Das besagt eine vom Softwareanbieter Symantec in Auftrag gegebene Studie von Emnid. Besonders Männern fällt es schwer, abzuschalten.

Nach einer Serie von Selbstmorden unter Managern hat der französiche Gesetzgeber reagiert. Wie Dr. Anke Freckmann, Fachanwältin für Arbeitsrecht, berichtet, sind Unternehmen im Nachbarland seit kurzem verpflichtet, alle erforderlichen Maßnahmen zu treffen, um die psychische und physische Gesundheit ihrer Beschäftigten zu sichern. Über die Bestellung eines Gesundheitsbeauftragten und Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements wird auch auf internationaler Ebene diskutiert. In Deutschland sieht der Gesetzgeber laut Freckmann keinen Handlungsbedarf.


Die steigende Zahl der Psycholeidenden geht einher mit der rasanten Verbreitung multimedialer Kommunikationsmittel. Mediziner sehen darin nicht nur einen statistischen Zusammenhang. Das mobile Büro lässt die Zeiten der Entspannung oder der gedanklichen Muße zusammenschnurren. Zusätzlich sorgen Internet und E-Mail-Flut für eine nie gekannte Informationsfülle. Sie hat den Arbeitstakt der Kopfarbeiter mehr als beschleunigt.

Dazu addieren sich wachsende Anforderungen an den Einzelnen. Während der Krise haben viele Betriebe ihre Mitarbeiterzahl zurückgefahren und die Tätigkeiten auf den Rest der Belegschaft verteilt. Auch Führungskräfte wurden noch stärker beansprucht. Die mittlere Wochenarbeitszeit von Managern hat sich auf 60 Stunden ausgedehnt, wie das Handelsblatt eine Auswertung des Führungskräfte-Verbands zitiert.

Globus arbeitet an nachhaltiger Strategie

Die Gesundheitskonzepte der Unternehmen tragen diesen Veränderungen kaum Rechnung. Antistressprogramme oder gar Techniken, medialen Druck abzubauen, finden sich eher selten. Die saarländische Globus-Gruppe arbeitet gerade an einem nachhaltigen Gesundheitsmanagement. Psychische Belastungen finden dabei ebenso Berücksichtigung wie die physisch schweren Arbeiten etwa in den Metzgereien der SB-Warenhäuser. 
 
"Seelische Überforderung hat viele Gründe", weiß Sabine Ment, Personalleiterin bei Globus. "Oft stimmt die Balance zwischen Arbeit und Familie nicht." Sie legt großen Wert darauf, Führungskräfte für das Thema zu sensibilisieren.

Ein wichtiger Baustein des Projekts besteht deswegen in der Schulung aller Haus-, Abteilungs- und Teamleiter. Und auch die Mitarbeiter werden einbezogen. Sonst laufen die Betriebe Gefahr, mit gut gemeinten Angeboten ins Leere zu zielen.

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