Unis und Industrie kooperieren kaum

von Redaktion LZ
Freitag, 12. August 2011
Die Hochschullandschaft in Deutschland
LZ-Grafik
Die Hochschullandschaft in Deutschland
LZnet. Eine aktive und leistungsfähige Forschungslandschaft ist die Basis für Innovationen – auch im Food-Bereich. Das Fraunhofer-Institut IVV und die TU München zeigen in einer Bestandsaufnahme Stärken, Schwächen und Perspektiven der akademischen Landschaft auf.
"Die Wissenschaft steht vor großen Herausforderungen", heißt es in der Studie zum "Innovationssektor Lebensmittel und Ernährung". Sie wurde im Auftrag des Bildungsministeriums vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) und dem Lehrstuhl für Ernährungsphysiologie der Technischen Universität München erarbeitet.

Die Zukunftsperspektiven des Nachwuchses sind demnach nicht rosig. Die Autoren konstatieren "eine extrem hohe Arbeits- und Lehrbelastung, verbunden mit geringer Vergütung und fehlenden Entwicklungschancen". Es drohe die Abwanderung der besten Köpfe, vor allem bei den Promovierenden. Sie gehen dorthin, wo ihnen die besten Forschungsbedingungen geboten werden.

Brain drain ins Ausland

"Exzellenz kennt keine Grenzen", fasst die Analyse zusammen. Dieser "Brain drain" ins Ausland, vorzugsweise in die USA, aber auch in die Industrie, sei bereits seit einiger Zeit zu spüren. Der Fachkräftemangel hat die Hochschulen erreicht.

Die Hochschullandschaft in Deutschland

Insgesamt studieren rund 10000 junge Menschen in Deutschland Ernährungs- oder Lebensmittelwissenschaften. Gut die Hälfte davon ist an Universitäten eingeschrieben, wo bevorzugt das Fach Ernährungswissenschaften belegt wird ( s. Tabelle). Fachhochschulen dagegen sind die Domäne der Lebensmittelwissenschaften (ohne Lebensmittelchemie).

Defizite in der Ernährungsforschung

Bereits heute bestehen nach Meinung der Experten in der hiesigen Ernährungsforschung "große qualitative und quantitative Defizite". Zudem sei sie international "nur wenig sichtbar". Begründet wird dies mit der extrem fragmentierten wissenschaftlichen Landschaft.

In den USA, Großbritannien oder den Niederlanden dagegen seien einzelne universitäre Standorte stärker profiliert. Das habe, auch im Zusammenhang mit der dort vorhandenen Dominanz großer Food-Konzerne, positiven Einfluss auf die Forschungslandschaft.

Als Beispiel hebt die Studie das "Top Institute Food&Nutrition" im Niederländischen Wageningen hervor, dessen Forschungsthemen und Projekte "von der Wissenschaft mit Beteiligung der Industrie formuliert und durchgeführt werden". Auf diese Weise ließen sich die Ressourcen beider Seiten am besten nutzen.

Zu wenig Wissenstransfer in die Praxis

In Deutschland dagegen sehen die Vertreter der Wirtschaft noch Nachholbedarf. Zwar loben sie die akademischen Leistungen der Lehrstühle, vermissen jedoch "den Transfer der Erkenntnisse in die Anwendung".

Neben exzellenter Grundlagenforschung werden von den Unis auch Aktivitäten erwartet, die "die angewandte Forschung unterstützen". Ein Feld, auf dem die Fachhochschulen bei der Branche punkten. Ihre Arbeit wird als "sehr hochrangig" bewertet.

Insgesamt plädieren die Experten für eine stärkere Bündelung wissenschaftlicher Kapazitäten. Forschungsverbünde und interdisziplinäre Zusammarbeit heben sie als viel versprechend hervor.

Kooperation mit der Industrie

Auch Kooperationen der Wissenschaft mit der Wirtschaft fänden in Deutschland "viel zu selten" statt. Gerade kleine und mittelständische Player halten sich zurück, weil ihre finanziellen und personellen Ressourcen schnell an Grenzen stoßen.

Unternehmensvertreter kritisieren außerdem, dass die Universitäten häufig nicht "in passende Richtungen" forschten, da sie "die Probleme der Industrie nicht kennen oder nicht daran interessiert" seien.

Obendrein hapert es offensichtlich an der Kommunikation. Deutsche Wissenschaftler, so heißt es, stellen sich zu selten der Öffentlichkeit. "Deshalb sind ihre Forschungsergebnisse den Unternehmen oft unbekannt."

Andererseits haben die Unis keinen Zugang zu den Fragestellungen, mit denen sich die Industrie beschäftigt, beschreibt die Studie das Dilemma. Zudem sei hierzulande – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern – "akademische Forschung mit industriellem Engagement kaum akzeptiert".

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats