Frauen in Führungsposition Weiter Weg zur Parität

von Roswitha Wesp
Freitag, 20. November 2015
Perspektivwechsel: Frauen an der Spitze brauchen ähnliche Erfahrungen wie ihre männlichen Kollegen.
Mark Edwards Atkinson/Tracey Lee/Getty Images
Perspektivwechsel: Frauen an der Spitze brauchen ähnliche Erfahrungen wie ihre männlichen Kollegen.
Nur wenige Unternehmen haben eine weibliche Spitze. Am 1. Januar 2016 tritt jedoch in Deutschland eine feste Geschlechterquote von mindestens 30 Prozent für Aufsichtsräte in allen Unternehmen in Kraft, die paritätisch mitbestimmungspflichtig und börsennotiert sind. Ohne Maßnahmenpaket ist das Ziel kaum zu erreichen.

Weltweit haben nur 9 Prozent aller Unternehmen eine Frau in der Spitzenposition. Doch schon 2030, so glauben fast drei Viertel aller Führungskräfte in globalen Unternehmen, wird sich dies in Parität verwandelt haben. Wie es in der jüngsten Studie von Weber Shandwick zur Gender Equality heißt, geben jedoch 56 Prozent der Befragten zu, dass ihr Unternehmen derzeit keine formalen Ziele für diesen Wandel verfolgt.

Man brauche jedoch nicht einfach mehr Frauen in den Führungsetagen, heißt es in der Studie. Diese sollten über ähnliche Erfahrungen und Qualifikationen verfügen wie ihre männlichen Kollegen. "Wenn Unternehmen nicht die nötigen Maßnahmen hierfür ergreifen, ist es klar, dass Frauen der Gender-Thematik früher oder später überdrüssig werden", heißt es in der Studie.

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist skeptisch: "Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird es noch sehr lange dauern, bis Frauen und Männer in Spitzengremien annähernd gleich vertreten sind", sagt DIW-Forschungsdirektorin Elke Holst mit Blick auf Deutschland.

Im eigenen Interesse sind die Unternehmen laut Holst gut beraten, ihre Anstrengungen zu verstärken: "Erstens können Frauen zum Unternehmenserfolg beitragen. Und zweitens könnte die Politik die bisher weitgehend freiwilligen Regelungen und Zielvorgaben verschärfen, durch die der Frauenanteil in Vorständen und den zwei darunter liegenden Führungsebenen steigen soll."

Die Unternehmensberatung McKinsey wiederum weist in einer Untersuchung des Weltmarktes darauf hin, dass die Ungleichheit der Geschlechter nicht nur ein dringendes moralisches und soziales Problem ist, sondern auch eine kritische ökonomische Herausforderung darstellt. Wenn Frauen, die für die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung der Welt stehen, nicht ihr volles ökonomisches Potenzial erreichen, werde die Weltökonomie leiden. Bis 2025 könnte das Bruttosozialprodukt weltweit um 12 Billionen US-Dollar steigen, wenn Geschlechterparität herrschte, so die Autoren des McKinsey Global Institute (MGI) Reports "The Power of Parity".

Erkenntnisgewinn

Die Weber-Shandwick-Studie ist unter dem Titel "Gender Equality in the Executive Ranks: A Paradox – The Journey to 2030" erschienen. Befragt wurden weltweit 327 Führungskräfte aus 55 Ländern. Der Report des McKinsey Global Institutes (MGI) hat den Titel: "The Power of Parity".

Alle Studien weisen darauf hin, dass diese Ziele nicht zu erreichen sind, wenn einerseits die Medien nicht permanent die Diskussion führen und andererseits das Thema in den eingeschlagenen Geschäftsstrategien vernachlässigt wird. Falsch sei auch das häufige Fehlen formaler Ziele im Hinblick auf eine Gleichstellung.

"Etwaige Maßnahmen sind daher oft unausgereift und wenig effektiv", so die Weber-Shandwick-Studie. Eine kluge Unternehmensführung ignoriere die Entwicklung nicht, sondern fördere Arbeitsbedingungen, bei denen Frauen integraler Bestandteil der Führungsetage sind. "Ansonsten wird dies eine starke negative Unternehmensreputation nach sich ziehen."

Mit Blick auf Deutschland ist zumindest in den Top-Führungsetagen noch nicht allzu viel Bewegung. Der Frauenanteil in Vorständen ist in diesem Jahr von 7,4 auf 8,4 Prozent gestiegen und in Aufsichtsräten von 24,7 auf 26,5 Prozent. Mehr als die Hälfte der Dax-30-Unternehmen erfüllt die 2016 in Kraft tretende Frauenquote in Aufsichtsräten noch nicht, gibt das DIW zu bedenken.

Neue Ziele werden greifbar

Mit nun 16 Frauen sei die Zahl der weiblichen Vorstände in diesem Jahr um bisher zwei gestiegen. Wie aus der aktuellen Auswertung des DIW ersichtlich ist, bleibt die Entwicklung insbesondere in den Vorständen verhalten. Sie zeigt, "dass die bisherigen Anstrengungen einfach nicht ausreichen, um deutlich mehr Frauen den Zugang zu Spitzenpositionen zu ermöglichen", so Forschungsdirektorin Holst.

Dass Frauen an der Spitze eine stärkere Vorbildfunktion für ihre Mitarbeiter haben als Männer und für mehr Bindung sorgen, zeigt sich in gemessenen 70 Prozent der in der Weber-Shandwick-Studie befragten weiblichen Führungskräfte. Sie bleiben eher in ihren Unternehmen, wenn die Reputation ihres weiblichen CEOs gut ist als die männlichen Führungskräfte, die dem nur zu 54 Prozent zustimmen.

"Die gute Nachricht ist", so die Studie, "dass wir uns an einem Punkt befinden, an dem alteingesessene Verhaltensweisen in der Diskussion über Gleichberechtigung überwunden werden und neue integrierte Ziele plötzlich greifbar sind." Es werde deutlich, "dass sich der Druck im Hinblick auf die Gleichstellung weiter ausbreitet". Doch während 32 Prozent der Männer Interesse an einem CEO-Posten haben, sind es bei den Frauen nur 23 Prozent. Arbeiten aber weibliche Führungskräfte unter weiblichen CEOs, erhöht sich deren Interesse um 6 Prozent.

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