Führung 4.0 Digitale Fitness für Unternehmen

von Silke Biester
Montag, 29. Mai 2017
Gedankenanstöße: Jochen Kienbaum, Jakob Augstein und Walter Jochmann (v.l.).
Gedankenanstöße: Jochen Kienbaum, Jakob Augstein und Walter Jochmann (v.l.).
Das Transformations-Beratungsunternehmen Kienbaum zeigt die Chancen und Risiken der Digitalisierung auf. Die Rolle der Personalabteilungen ist es, den Menschen in den Organisationen eine Zukunft zu geben.

Damit Unternehmen die digitale Transformation erfolgreich meistern, muss der Bereich Human Resources (HR) sich als Treiber und Förderer des Wandels begreifen, stellte Jochen Kienbaum zur Eröffnung der Kienbaum Jahrestagung 2017 klar: "Es sind die Menschen, die den Erfolg oder Misserfolg einer Organisation ausmachen", sagte er. Aufgabe der Personalverantwortlichen sei es daher, die Mitarbeiter zu Innovation und Gestaltung zu befähigen.

"HR gewinnt in dem extrem dynamischen Umfeld disruptiver Märkte an Bedeutung", versicherte der Leiter des Kienbaum-Bereichs Organisationsentwicklung, Walter Jochmann, den rund 500 Teilnehmern. Allerdings müssten Personaler ein neues Rollenverständnis entwickeln. In einer "reifen" Personalabteilung seien funktionierende Basisprozesse wie das Recruiting eine Selbstverständlichkeit. Um aber "auf Augenhöhe mit dem Top-Management" die Digitalisierung voran treiben zu können, sei in vielen Fällen auch eine "Qualifizierungswelle der Personaler selbst" notwendig. "Sie müssen sich auskennen mit den Methoden und Themen der Digitalisierung wie agiler Projektplanung, Scrum und Design Thinking. Die Art zu arbeiten rücke aktuell als Voraussetzung für den Wandel in den Fokus. Kienbaum habe in aktuellen Studien festgestellt, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Reifegrad der Personalarbeit und dem Unternehmenserfolg gibt.

Das sieht Leadership-Expertin Heike Bruch von der Universität St. Gallen ganz ähnlich. Auf dem Weg zukunftsorientierter Geschäftsmodelle sollten die Unternehmen sich zuerst mit dem internen Wandel befassen: "New Work ist die Basis für die digitale Transformation", stellte sie in ihrem Impulsvortrag klar. Dabei rücke der Mitarbeiter stärker in den Mittelpunkt. Denn zur "New Culture" gehöre das Führen mit Sinn und Inspiration, eine Vertrauenskultur sowie die Stärkung der Selbstkompetenz der Mitarbeiter ebenso wie agile Methoden und flexible Strukturen.

Viele Organisationen haben sich bereits auf den Weg gemacht. Doch zähle nur eine Minderheit zu den erfolgreichen Pionieren – viele seien überfordert. Der Veränderungsprozess laufe in fünf Stufen ab: Am Anfang stehe die ortsgebundene Arbeit, wie sie bisher normal war. Dann werden flexible Angebote als Ausnahmeregelung zugelassen. Im dritten Schritt folgt ein bewusster Umbruch, der allerdings in Teilen der Organisation als Chaos wahrgenommen wird – und es vielleicht auch ist. Deshalb sei der vierte Step gewissermaßen ein Rückschritt: Es werde versucht, die neuen Arbeitsformen mit bürokratischen Strukturen zu verwalten. Das Ziel der funktionierenden netzwerkartigen Zusammenarbeit hätten bisher nur wenige erreicht. "Neu ist nicht gleich besser", macht Bruch darauf aufmerksam, dass es keine Standardlösungen gibt. "Jeder muss seinen individuellen Weg finden." Der Personalstratege Jochmann bringt es auf den Punkt: "Schlechte Prozesse werden durch Digitalisierung nicht besser."

Dass "New Work" in der Praxis selbst bei Zalando ein Thema ist, davon berichtete Frauke von Polier, Vice President People & Organisation des Online-Händlers. Nach mehreren Jahren rasanten Wachstums beschäftigt sich Zalando seit zwei Jahren gezielt mit Themen wie Führung und Kultur. Transparenz, Vertrauen und Partizipation seien wichtig, "weil die Menschen den Kontext ihrer Arbeit verstehen wollen." Zalando setzt in der Unternehmenskultur sowohl auf Daten als auch auf persönliche Begegnung.

Einerseits versuche man allen Mitarbeitern Gelegenheit zu geben, die Gründer persönlich kennenzulernen. Dafür gebe es alle zwei Wochen den sogenannten "Z-Talk", bei dem diese berichten, womit sie sich aktuell beschäftigen und "jede Frage" beantworten. Und andererseits verfolgt der Online-Riese das Ziel, die am stärksten datengetriebene Organisation zu werden. Mit "People Analytics" versuche man etwa vorherzusagen, welche Talente das Unternehmen möglicherweise verlassen wollen. Dazu hat die Personalabteilung innerhalb von drei Monaten eine Viertel Million Datenpunkte gesammelt, die sich auf die Leistung, Zufriedenheit und Karriereentwicklung beziehen.

"Der Digitalisierung ist die Ethik schnuppe", stellte der Keynote-Speaker und Journalist Jakob Augstein in seinem Vortrag "Erst die Daten, dann die Moral" fest. Er warnte davor, den Algorithmen blind zu vertrauen. Doch obwohl digitale Vorhersagen immer nur auf "Annahmen" basieren, sei es kaum möglich, sich davon frei zu machen. So schaffe die Digitalisierung neben "total praktischen Services" jede Menge Risiken für die Freiheit des Individuums. "Im Zweifel geben Menschen den Maschinen recht, weil sie die Verantwortung abschieben wollen."

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