Mitarbeiterbelange kommen zu kurz

von Judit Hillemeyer
Freitag, 05. Juni 2009
Mehr als drei Viertel der im Rahmen einer Hewitt-Studie befragten europäischen Unternehmen sehen ihre Ziele und Erwartungen bei einer Fusion oder Übernahme nicht erfüllt.



Es sei nicht verwunderlich, dass ein Großteil der befragten Unternehmen den HR-Bereich als kritischen Faktor bei einer Übernahme nennt. "Sie nutzen gerade einmal 10 Prozent der für die Due-Dilligence-Prüfung angedachten Zeit für den HR-Bereich", sagt Nelson Taapken, Leiter der HR-Beratung von Hewitt Associates.

Sollen Ziele und Erwartungen vollständig erfüllt werden, müsse deutlich mehr Zeit für die Bewertung von Positionen, wie zum Beispiel die Personalarbeit, die Organisationsstruktur und die Führungskompetenz, veranschlagt werden, rät Taapken.

In Summe haben die befragten Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen in den vergangenen zwei Jahren bis zu 12,5 Mrd. Euro verloren. 92 Prozent der Studienteilnehmer machen für dieses schlechte Ergebnis kulturelle Probleme während der Integrationsphase, den Verlust von Leistungsträgern, eine länger als geplante Realisierungszeit und die unzureichende Beachtung der Mitarbeiterbelange verantwortlich.

Die Ergebnisse der Studie "M & A Transactions and the Human Capital - Key to Success" zeigen, dass europäische Unternehmen bei Fusionen und Übernahmen weltweit unterdurchschnittlich abschneiden, da sie dem HR-Bereich eine wesentlich geringere Bedeutung zuschreiben als Firmen in anderen Teilen der Erde.

HR hat geringe Bedeutung

Nur 7 Prozent der europäischen Unternehmen beziehen ihn im Rahmen einer Fusion mit ein, während dies weltweit bereits 35 Prozent der Firmen tun. Lediglich 24 Prozent der europäischen Betriebe berücksichtigen HR im Übernahmeangebot (weltweit: 43 Prozent) und nur 45 Prozent der Unternehmen in Europa beziehen das Personalwesen in die Integrationsphase mit ein (weltweit: 73 Prozent).

Für die Untersuchung wurden Angaben von 96 Unternehmen aus den Regionen Asien, Europa, Süd- und Nordamerika ausgewertet, darunter Lebensmittel- und Konsumgüterhersteller sowie Handelsunternehmen, die in den vergangenen zwei Jahren ein kumuliertes Transaktionsvolumen von 568 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet haben.

Die Gründe für die Durchführung von Übernahmen und Fusionen unterscheiden sich hinsichtlich der Herkunft und damit des wirtschaftlichen Umfelds, in welchem die befragten Unternehmen agieren. Während 35 Prozent der in wachstumsstarken Märkten tätigen Firmen angeben, gesteigerte Marktanteile und ein kontinuierliches Wachstum durch eine Übernahme oder Fusion generieren zu wollen, steht für 55 Prozent der in gesättigten Märkten tätigen Unternehmen vor allem die Einsparung von Kosten durch Fusionen und Übernahmen im Fokus.

Umsatz als Messgröße

Unabhängig vom wirtschaftlichen Umfeld nennen jeweils 23 Prozent der Befragten die Steigerung des Umsatzes als Anlass, eine Übernahme oder Fusion zu planen und durchzuführen.

93 Prozent aller Unternehmen ziehen den synergetischen Umsatz als Messgröße zur Erfolgskontrolle der Fusion oder Übernahme heran. Weitere 86 Prozent beziehen Erfolg oder Misserfolg auf das Verhältnis zwischen altem und neuen Marktanteil. Hingegen berücksichtigen nur 61 Prozent der befragten Unternehmen die Bindung von Mitarbeitern und 54 Prozent die kulturelle Angleichung als Messgrößen bei der Erfolgskontrolle.

"Unsere Untersuchung verdeutlicht, dass wesentlich mehr Augenmerk auf den HR-Bereich gelegt werden sollte", so Taapken. Trenne sich ein Unternehmen im Rahmen einer Transaktion von Spitzenleistungsträgern, so habe dies "einen erheblichen finanziellen Einfluss". 47 Prozent der befragten Unternehmen haben zwischen 5,6 und 12,8 Prozent des gesamten Transaktionsvolumen durch den Verlust von Leistungsträgern eingebüßt", heißt es in der Studie.

Das durch Fusionen und Übernahmen weltweit umgesetzte Transaktionsvolumen hat sich 2007 im Vergleich zu 1997 von 1,6 auf 4,8 Mrd. US-Dollar verdreifacht. Noch Mitte 2008 erwarteten 59 Prozent der Befragten eine weitere Zunahme innerhalb der kommenden zwei Jahre.

"Nachdem die Befragung abgeschlossen war, kam es jedoch zu drastischen und unerwarteten Veränderungen in der Weltwirtschaft, so dass bis Ende 2008 in Summe weniger Fusionen und Übernahmen stattfanden, als zunächst angenommen", sagt Taapken. Für das laufende Jahr sei daher ein weiterer Rückgang zu erwarten. (juh)

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