Dienst nach Vorschrift

von Judit Hillemeyer
Freitag, 11. Januar 2008
Die Unzufriedenheit deutscher Arbeitnehmer bewegt sich auf hohem Niveau. Die große Mehrheit fühlt sich ihrer Arbeit kaum verpflichtet. Das ermittelte eine aktuelle Untersuchung der Unternehmensberatung Gallup.



Der wirtschaftliche Aufschwung ist nicht das Ergebnis von mehr Engagement. Dieses Resümee ziehen die Gallup-Analysten. Denn 88 Prozent der Deutschen verspüren laut einer aktuellen Untersuchung keine echte Verpflichtung gegenüber ihrer Arbeit. 68 Prozent aller Beschäftigten machen lediglich Dienst nach Vorschrift, und 20 Prozent haben die innere Kündigung bereits vollzogen.

Damit bleibt der Anteil der Beschäftigten, bei denen sich nur eine geringe oder keine emotionale Bindung im Job ausmachen lässt, auf hohem Niveau stabil. Sie bewegt sich seit 2003 jährlich zwischen 87 und 88 Prozent.

Im Vergleich zum europäischen Ausland kann sich Deutschland jedoch durchaus sehen lassen. So sei, gemessen an den Zahlen aus dem Jahr 2006, die Unzufriedenheit in Frankreich größer als in Deutschland. Großbritannien habe zwar mehr hochgebundene Arbeitnehmer, aber auch mehr ungebundene, erklärt der zuständige Gallup-Berater, Dr. Ralf Linke.

Der Aufschwung in Deutschland, der von Arbeitnehmern wahrgenommen wird, sei nicht durch ein Mehr an Engagement und damit intrinsischer Leistungsbereitschaft getrieben, so die Analysten. "Haupttreiber der Unzufriedenheit am Arbeitsplatz ist die Personalführung", sagt Linke, demzufolge eine verbesserte Auftragslage "nicht zwangsläufig die Führungsqualität ändert."

Die Nachhaltigkeit der unternehmerischen Entwicklung sei abhängig von harten Faktoren wie technischem Fortschritt oder dem Erschließen neuer Märkte im Ausland.

Während sich die emotionale Beziehung zum Arbeitsplatz nicht verbessert hat, ist die wahrgenommene Lebensqualität deutscher Arbeitnehmer stärker gestiegen als im Vorjahr. Gaben 2006 noch 26 Prozent der Befragten an, dass sich ihr Lebensstandard verbessert hat, sind es 2007 beachtliche 38 Prozent.

Mehr Lebensqualität

Trotz einer verbesserten Lebensqualität fühlen sich deutsche Arbeitnehmer unzufrieden am Arbeitplatz. Daraus resultiert ein gesamtwirtschaftlicher Schaden. Denn gerade der Bindungsgrad hat Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Aus dem derzeitigen Bindungsniveau, heißt es in der Studie, resultieren beispielsweise erhöhte Fehlzeiten und eine niedrigere Produktivität.

Inwiefern der Mitarbeiterbindungsgrad einen Wettbewerbsvorteil darstellt, wird bei Betrachtung der stark gegensätzlichen Gruppen "Mitarbeiter mit hoher emotionaler Bindung" und "Mitarbeiter ohne emotionale Bindung" deutlich: Die Fehltage aufgrund von Krankheit oder Unwohlsein (basierend auf der Selbstauskunft der Befragten) betragen bei Mitarbeitern mit hoher emotionaler Bindung 4,2, bei Mitarbeitern ohne emotionale Bindung 6,5 Tage - ein Unterschied von 2,3 Tagen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Mitarbeiter, die keine emotionale Bindung aufweisen, ihr Unternehmen binnen eines Jahres verlassen, sei sehr viel höher als bei Personen mit einer hohen emotionalen Bindung.

Der Aussage "Ich beabsichtige, heute in einem Jahr noch bei meiner derzeitigen Firma zu sein." stimmen nur fünf von zehn Mitarbeitern (51 Prozent) ohne emotionale Bindung vollständig zu, gegenüber gut neun von zehn mit hoher emotionaler Bindung (93 Prozent). Die leichte Zunahme der beabsichtigten Verweildauer beim Arbeitgeber im Vergleich zum Vorjahr lasse sich nicht auf einen Anstieg emotionaler, "gewollter" Bindung zurückführen sondern werde durch "ungewollte" Bindungselemente, wie die Attraktivität möglicher Alternativen bestimmt.

Werbung für den Arbeitgeber

Ein weiterer Aspekt: Die Bereitschaft zu positiver Mund-zu-Mund-Propaganda, der gerade in reizüberfluteten Gesellschaften Bedeutung zukommt, ist eher bei Mitarbeitern mit einer hohen emotionalen Bindung als bei solchen ohne emotionale Bindung auszumachen. So sind lediglich 18 Prozent der Mitarbeiter, die keine emotionale Bindung aufweisen, gewillt, die Produkte oder Dienstleistungen ihres Arbeitgebers ohne Einschränkung weiterzuempfehlen, verglichen mit 75 Prozent der Mitarbeiter mit hoher emotionaler Bindung.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Frage nach der Weiterempfehlung des eigenen Arbeitsplatzes an Freunde oder Familienangehörige - 9 Prozent der Mitarbeiter ohne emotionale Bindung gegenüber 70 Prozent der Mitarbeiter mit hoher emotionaler Bindung. Letztere erweisen sich als eine effektive "Marketing-Ressource".

Gallup will über das Gesamtergebnis hinaus das Engagement der deutschen Arbeitnehmer auch branchenspezifisch ermitteln. Das Resultat soll in Kürze vorliegen. (juh)

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