Personaler-Talk "Ganz nah am Alltag der Menschen"

von Redaktion LZ
Freitag, 25. April 2014
Peter Hadasch: „Wir akquirieren hier in Deutschland Führungskräfte für den gesamten internationalen Nestlé-Konzern.“
Bert Bostelmann
Peter Hadasch: „Wir akquirieren hier in Deutschland Führungskräfte für den gesamten internationalen Nestlé-Konzern.“
Handel und Hersteller bieten Absolventen eine Fülle von Jobchancen. Drei Top-Personaler der Branche schildern ihre Anforderungen an den akademischen Nachwuchs: Bettina Buschhoff, HR-Direktorin Procter & Gamble, Berndfried Dornseifer, Personalchef Rewe Group, und Peter Hadasch, Personalvorstand Nestlé.




Herr Hadasch, was zeichnet die Konsumgüterwirtschaft als Arbeitgeber aus?

Peter Hadasch: Wir gestalten den Alltag von Menschen. Unser Business ist extrem gegenwarts-, wenn nicht sogar zukunftsorientiert.



Auch der Handel ist nah am Kunden. Aber von den Jobs im Backoffice bekommt man in der Filiale wenig mit.

Berndfried Dornseifer: Als Mitarbeiter interessieren uns Menschen, die über den Tellerrand blicken. Und die haben meist schon eine gewisse Vorstellung davon, was dazugehört, etwa ein Geschäft mit bis zu 50.000 Artikeln zu führen und die komplexen Prozesse zu managen, die dahinterstehen. Grundsätzlich sehe ich auch viele Gemeinsamkeiten mit der Industrie, nicht zuletzt durch Entwicklung, Produktion und Vermarktung unserer Eigenmarken.



 

Welche Anforderungen stellen Sie an den akademischen Nachwuchs?

Bettina Buschhoff: „Bei den Soft Skills zählt Kommunikationsfähigkeit.“
Bettina Buschhoff:
Wir rekrutieren unser Management ausschließlich aus eigenen Reihen. Insofern ist uns zunächst mal ein Top-Abschluss wichtig. Strategisches und konzeptionelles Denken setzen wir voraus. Bei den Soft Skills zählt vor allem Kommunikationsfähigkeit. Agilität ist ebenfalls wichtig, denn man muss sich permanent auf die Bedürfnisse der Verbraucher und des Handels einstellen.

 

Hadasch: Das ist bei uns ähnlich. Wir wünschen uns Bewerber mit Top-Hochschulabschlüssen und legen großen Wert auf Praxiserfahrung. Wir akquirieren in Deutschland Führungsnachwuchskräfte für den gesamten internationalen Nestlé-Konzern.



Wie wichtig sind formale Abschlüsse für die Rewe?

Dornseifer: Im Marketing suchen wir die gleichen Profile wie Procter oder Nestlé. In den Vertriebsfunktionen jedoch, wo es darum geht, zügig Führungsaufgaben zu übernehmen, sind soziale Kompetenz und emotionale Intelligenz entscheidend, weniger die Abschlussnote. Wir brauchen Menschen, die lösungsorientiert arbeiten können, pragmatisch und umsetzungsstark sind.



Wie erleben Sie die Generation Y?

Hadasch: Die Nachwuchskräfte sind gleichzeitig individualistisch und leistungsorientiert. Viele wollen gleich wissen, wie es weitergeht und was genau von ihnen verlangt wird. Wir versuchen, sie Schritt für Schritt in die Organisation zu integrieren.

 

Buschhoff: Sie bringen ein ungeheures Selbstbewusstsein mit, stellen Forderungen und trauen sich, ihre Erwartungen laut auszusprechen. Damit nehmen sie uns in die Pflicht.

Wie haben Sie sich darauf bei Procter eingestellt?

Buschhoff: Wir haben ein Gen-Y-Team ins Leben gerufen, das ausarbeiten soll, was die jungen Leute von uns erwarten. Das reicht von der technischen Ausstattung – iPhone, iPad, Blackberry –, die für die Zielgruppe unglaublich wichtig ist, bis zur Life-Balance, also zum Beispiel Flexibilität und Autonomie in puncto Arbeitszeit. Es ist wichtig, uns als Führungskräfte mit Blick auf die Generation Y weiterzuentwickeln.



Funktioniert Führung per Ansage im Handel noch?

Berndfried Dornseifer: „Gute Mitarbeiter fordern aktive Führung ein.“
Dornseifer:
Überhaupt nicht! Gute Mitarbeiter fordern aktive Führung ein. Sie challengen ihre Vorgesetzten mit viel mehr Selbstbewusstsein, als wir dies aus der Vergangenheit heraus kennen. Die Erwartungshaltung der Nachwuchskräfte hat bei uns einiges in Bewegung gebracht. Führungskräfte, die sich solchen Herausforderungen in der Vergangenheit nicht stellen mussten, müssen sich neu orientieren und ihr Führungsverhalten anpassen.

 



Sie alle suchen Sales-Experten. Wie gut bereiten Unis ihre Studenten auf dieses Ressort vor?

Buschhoff: Den Betriebswirtschaftlern an der Uni fehlt die Vorstellung, was Vertrieb in der Industrie tatsächlich bedeutet. Viele glauben anscheinend, dass sie im Markt Regale aufräumen müssen und finden den Bereich wenig "sexy". Diesem Klischee müssen wir entgegentreten. Vertrieb ist eine sehr verantwortungsvolle, strategische und konzeptionelle Aufgabe.



Wie gehen Sie vor?

Buschhoff: Wir bekommen viele Bewerbungen für Marketing und Vertrieb. In den Gesprächen mit den Kandidaten stellen wir dann fest, für welche Rollen sie sich am besten eignen.

 

Hadasch: Vorurteile gegenüber dem Vertrieb kennen wir auch. Viele stellen sich den Job sehr profan vor – ähnlich wie den Verkauf von Versicherungen an der Haustür. Dabei haben wir nur noch wenige Handelskunden, und niemand muss auf der Fläche herumlaufen, um irgendwem etwas aufzuschwatzen. Es geht vielmehr um gemeinsame Konzeptentwicklung für Produkte und Kategorien.



Vertrieb im LEH dagegen…

Dornseifer: ...ist etwas ganz anderes – mehr auf Führung von Mitarbeiterteams und die Übernahme von Ergebnisverantwortung ausgerichtet, für die es sehr viele unterschiedliche Einflussfaktoren zu managen gilt. Es kommt deshalb auf völlig andere Kompetenzen an, die man, sofern man über die grundlegenden Skills verfügt, in der Praxis lernen kann.





Sind die Erwartungen der Studenten an Marketingjobs realistisch?

Hadasch: Auch hier gibt es eine Menge Illusionen. Marketing wird häufig mit der schönen bunten Kreativwelt der Werbung verwechselt. Marketing kommt von Markt, das sagt eigentlich schon alles. Was wünscht der Markt, und wie bediene ich diese Bedürfnisse mit meinen Konzepten und Produkten? Darum geht es.



Wie steht es mit dem Bedarf an Logistikern und ITlern?

Dornseifer: Ich glaube, IT- und Logistiknachwuchs suchen wir alle. Denn die Abläufe in den Unternehmen werden immer komplexer und anspruchsvoller – man denke nur an Just-in-Time-Belieferung oder die Anforderungen an Frische.

Buschhoff: Die meisten Akademiker rekrutieren wir für den Vertrieb, aber an Platz zwei folgt schon die Logistik.

Dornseifer: Wir beschäftigen allein in Deutschland 900 Mitarbeiter in der IT. Wir bauen gerade ein neues Digitalteam in Köln auf, für das wir mittelfristig rund 200 Mitarbeiter suchen.

Hadasch: Viele ITler haben Nestlé als Arbeitgeber gar nicht auf dem Schirm. Auch für Ingenieure müssen wir sichtbarer werden. Es ist eine ungeheure technologische Herausforderung, Kindernahrung oder Mineralwasser herzustellen – das wird komplett unterschätzt!

 




(cd/sb)

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