Früh übt sich, wer Meisterin werden will

von Redaktion LZ
Freitag, 17. Dezember 2004
LZ|NET. Dass Ute Gebhardt eines Tages die Leitung des Logistikunternehmens Gebhardt übernehmen wird, damit hat sie selbst nicht gerechnet. Mit einem Trainee-Programm und Projektaufgaben wuchs sie in die Rolle der geschäftsführenden Gesellschafterin und strukturierte das Unternehmen ihres Vaters komplett neu.



"Wenn wir einst auf Messen waren, präsentierten wir wie ein Kolonialwarenhändler unser gesamtes Logistiksortiment - vom Rollwagen, über Paletten und Behälter bis hin zu Staplersystemen." Auf der diesjährigen Intercool zeigte Ute Gebhardt dem Einzelhandel ein einziges Produkt, den nagelneuen Thermobehälter - und das mit Erfolg.

Der Weg dorthin war nicht einfach. Gebhardt ist seit sechs Generationen in Familienhand. Ute ist die jüngere von zwei Töchtern. Zunächst studierte sie BWL, schrieb ihre Diplomarbeit bei Playmobil, absolvierte Praktika bei Banken und hatte ein erstes Stellenangebot bei BMW. Dann kam alles ganz anders.

Vater Max drängte auf eine Nachfolgeregelung. Seine Älteste hatte sich gegen den Eintritt ins elterliche Unternehmen entschieden. Zur Disposition stand der Aufbau eines familienfremden Nachfolgers oder der Firmenverkauf.

Ute Gebhardt entschied sich für den Einstieg und ein einjähriges Trainee. "Nach einem drei Viertel Jahr wusste ich, dass die gesamte EDV neu organisiert werden musste." 1998 übernahm sie die Projektleitung für die Einführung eines vollintegrierten Produktions-Planungs-Systems (PPS).

Über die Projektarbeit gewann sie Einblicke in jede einzelne Abteilung: "Ich habe das Unternehmen bis zur letzten Schraube kennen gelernt." Unterstützt wurde sie bei der Mammutaufgabe von der ersten Führungsebene und einem 25-köpfigen Projektteam.

Glück im Unglück

Im gleichen Jahr trat eine unvorsehbare Brandkatastrophe ein: Ein Blitzeinschlag zerstörte einen Teil der Produktionsanlage. Der Schaden belief sich auf 20 Mio. DM. In dem Unglück lag eine Chance, die Ute Gebhardt zu nutzen verstand: Ein Neuanfang.

So krempelte sie das Unternehmen vollständig um. "Bis dahin war die Organisation auf meinen Vater zugeschnitten. Alle Entscheidungen liefen über seinen Schreibtisch." 1999 übernahm die heute 32-Jährige die Geschäftsleitung des 350 Mitarbeiter starken Unternehmens, während sich ihr Vater bis 2003 schrittweise aus dem operativen Geschäft zurückzog. Heute ist er Beiratsvorsitzender.

Vier Wochen vor der Jahrtausendwende ging die Software in den Echtbetrieb. Ein Jahr später wurden neue Management- und Führungsprozesse geschaffen. Sämtliche Zentralfunktionen wie Produktions- und Vertriebsleitung wurden abgeschafft - auch der Außendienst.

Geschaffen wurden insgesamt fünf Geschäftseinheiten, die ihre branchenspezifischen Lösungen komplett verantworten - vom Kundenkontakt über die Produktion bis zum Vertrieb. Die ehemaligen Spartenleiter haben jeweils die Leitung einer Geschäftseinheit übernommen.

Übergeordnet sind nur Geschäftsführung, IT und Finanzen. Eingerichtet wurde eine Ideenwerkstatt. Ihr gehören drei Mitarbeiter an, die aktiv beispielsweise dem Einzelhandel neue logistische Lösungen anbieten. Bei Feldversuchen arbeitet Gebhardt eng mit den Handelshäusern zusammen.

Vertrauen gewinnen

In der gesamten Umbauphase war das Thema Mitarbeiter das schwierigste, so Ute Gebhardt. "Deren Vertrauen musste während des ganzen Transformationsprozesses gewonnen werden - und das auch noch unter Zeitdruck."

Um ein homogenes Arbeitsklima zu schaffen, veränderte Ute Gebhardt das Bewerbungs- und Einstellungsverfahren. So müssen alle Bewerber für das zweite Gespräch eine Präsentation vorbereiten. "Hier sehen wir, inwieweit sich Kandidaten mit unserem Unternehmen beschäftigt haben".

Kurz vor Ende der Probezeit entscheidet ein "Personalzirkel", ob der Mitarbeiter übernommen wird oder nicht. Herrscht keine Einstimmigkeit, werden lediglich befristete Arbeitsverträge abgeschlossen.

Dieses Verfahren habe sich bewährt, so die Geschäftsführerin. Dabei versucht sie, auch Frauen in technischen Berufen unterzubringen. Die erste Mechatronikerin ist bereits eingestellt.

Wenn sie schon damals gewusst hätte, dass sie eines Tages den Logistikbetrieb ihres Vater übernimmt, wäre sie für ein besseres technisches Verständnis lieber Wirtschaftsingenieurin geworden. So ist sie heute als Diplom-Kauffrau für die Finanzen und das Personalwesen zuständig.

Passgenauer Umbau

Wo sie als geschäftsführende Gesellschafterin noch schwer Fuß fasst, ist bei den alljährlichen Konditionsgesprächen. Diese und das operative Geschäft liegen in den Händen von Franz Lesch, dem zweiten Geschäftsführer und Lebensgefährten von Ute Gebhardt.

Insgesamt, resümiert sie, sei die von ihr geschaffene Unternehmensstruktur nicht besser oder schlechter als die ihres Vater, "sie ist nur anders" - für sie eben passgenau.

1999 wurde das Unternehmen für seinen vorbildlichen Generationswechsel ausgezeichnet.

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