Europa drückt der Schuh

von Judit Hillemeyer
Mittwoch, 23. Juni 2004
Arbeitslosigkeit bleibt laut der GfK-Studie "Challenges of Europe" das Top-Thema in Europa, so ein zentrales Ergebnis der diesjährigen Untersuchung des GfK-Nürnberg e.V. Ein Blick in die einzelnen Länder zeigt, dass sich die Themenhierarchien teilweise deutlich unterscheiden und die europäischen Staaten mit nationalen Problemen zu kämpfen haben.



Mit durchschnittlich 47 Prozent und damit mit großem Abstand vor allen anderen Themen steht die gespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt auch in diesem Jahr wieder an erster Stelle in der Sorgenliste der Europäer.

Auf Länderebene nennen fünf der insgesamt acht befragten Nationen die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit als dringlichste Aufgabe, die es in ihrem Heimatland zu lösen gilt. Deutsche und Polen leiden am meisten unter Arbeitsmarktproblemen.

Für 77 Prozent aller Deutschen und 73 Prozent aller Polen stellt Arbeitslosigkeit weitab von allen anderen Themen das dringlichste Problem im Land dar. Damit liegt diese Problematik in den beiden Ländern am weitesten über dem europäischen Durchschnitt.

Bereits seit Jahren werden in Deutschland und Polen vor dem Hintergrund der alarmierenden Beschäftigungssituation andere Probleme weit zurückgedrängt. Während jedoch die Polen die Arbeitslosigkeit im Vergleich zu den Vorjahren etwas weniger kritisch sehen, hat die Besorgnis in Deutschland seit 2002 noch leicht zugenommen.

Angst vor Arbeitslosigkeit

Auch in Frankreich (56 Prozent), Italien (41 Prozent) und Österreich (40 Prozent) ist die Arbeitslosigkeit unangefochtener Spitzenreiter der Agenda. Allerdings bewegt sich der Wert hier auf vergleichsweise niedrigerem Niveau als in Deutschland und Polen. Darüber hinaus ist der Abstand zum jeweils zweitplatzierten Thema weniger groß.

Top-Thema in den Niederlanden, Rang zwei in Europa Neben der kritischen Beschäftigungssituation ist es vor allem die Kriminalität, die den Europäern den Schlaf raubt. Mit durchschnittlich 17 Prozent nimmt die Forderung nach Verfolgung und Bekämpfung von Straftaten in fast allen untersuchten Ländern einen Spitzenplatz ein.

In den Niederlanden hat die Angst vor Verbrechen im Jahr 2004 die Spitze der Themenliste gestürmt und das Top-Thema des letzten Jahres das Gesundheitswesen von Platz eins verdrängt. Die Angst vor kriminellen Aktivitäten hat sich mit 42 Prozent der Nennungen im Vergleich zum Vorjahr nahezu verdoppelt, obwohl objektiv betrachtet die Zahl der Straftaten in Holland nicht stärker zunimmt als in anderen europäischen Ländern.

Für Engländer (22 Prozent), Franzosen (26 Prozent) und Italiener (22 Prozent) liegt die Bekämpfung krimineller Aktivitäten jeweils an zweiter Stelle in der Rangfolge der Probleme, für die Spanier ist das Thema mit einem Anteil von zwölf Prozent am viertwichtigsten.

Weniger dramatisch wird der Kampf gegen die Kriminalität in Polen, Deutschland und Österreich gesehen. Während in Polen allgemeine Kriminalität und Gewalt gerade einmal von 5 Prozent der Befragten genannt werden, spielt Korruption hier schon eine etwas größere Rolle.

Angst vor Amtsmissbrauch

Nach 6 Prozent im vergangenen Jahr finden 2004 bereits 10 Prozent der Polen das Ausmaß an Unternehmensbetrug und Amtsmissbrauch alarmierend. In Deutschland und Österreich werden Sozialthemen weit häufiger genannt als in den anderen Ländern.

Hier sehen nur 7 beziehungsweise 4 Prozent der Befragten Handlungsbedarf bei der Bekämpfung der Kriminalität. Polen: Sorge um Gesundheit am zweitwichtigsten Obwohl das Gesundheitswesen in fast keinem der befragten Länder zu den Hauptproblemen zählt, erreicht es über alle Länder hinweg Platz drei.

Durchschnittlich 13 Prozent der Europäer sehen bei der Gesundheitsversorgung in ihrem Land Handlungsbedarf. Die meisten Sorgen um ihr Gesundheitswesen machen sich mit 18 Prozent der Nennungen die Briten, wobei sich im Vergleich zu den Vorjahren (2002: 48 Prozent, 2003: 25 Prozent) eine deutliche Entspannung abzeichnet.

Obwohl in Polen absolut betrachtet lediglich 12 Prozent der Befragten Verärgerung über die Gesundheitsversorgung äußern, steht dieses Problem dennoch an zweiter Stelle der Sorgen, die in Polen insgesamt genannt werden. Der Abstand zum Top-Thema Arbeitslosigkeit (73 Prozent) ist hier also enorm.

Mit jeweils 14 Prozent der Nennungen schenken auch Deutsche, Italiener und Holländer der Gesundheitsversorgung in ihrer Heimat relativ viel Beachtung. Allerdings ist das Interesse im Vergleich zum Vorjahr in allen drei Ländern zurückgegangen.

Angst vor Zuwanderung

Briten belastet Zuwanderung und Asyl am stärksten Gravierende Unterschiede zwischen den europäischen Nationen offenbaren sich bei der Ausländer- und Asylantenproblematik. Zwar liegt dieses Thema im europäischen Durchschnitt auf Rang 4, dies sagt jedoch nur wenig über die tatsächlichen Verhältnisse in den einzelnen Ländern aus.

So bereitet die Ausländerfrage beziehungsweise das Asylantenproblem den Engländern die größten Sorgen. Im Vergleich zum Jahr 2002 hat sich die Aufmerksamkeit der Bevölkerung mit nun 35 Prozent der Nennungen fast verdreifacht. Auch in den Niederlanden widmen die Bürger der Debatte um Zuwanderung und Asyl großes Interesse.

Auf Platz zwei in der Agenda der Themen äußern 22 Prozent der Holländer ihre Sorge gegenüber der Ausländerproblematik. Diskussionen um Rente verunsichern die Deutschen Während die Rentenproblematik nur für 10 Prozent der Europäer eine wesentliche Rolle spielt, steht sie in den Köpfen der Deutschen an zweiter Stelle und beunruhigt sie mit steigender Tendenz.

20 Prozent der Bundesbürger sehen mittlerweile ihre Altersversorgung gefährdet. Die kürzlich gefassten Beschlüsse zur Rente, wie etwa die Nullrunde bei der Rentenerhöhung, ebenso wie die Problematik einer "alternden Gesellschaft" mit einem immer größeren Missverhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern schüren offenbar Ängste.

Besonders stark macht sich dies bei den älteren Menschen und in den alten Bundesländern bemerkbar.

Etwas anders verhält es sich im Osten. Dort rangiert nicht die Rente, sondern die Sicherung von Sozialleistungen an zweiter Stelle in der Hierarchie der wichtigsten Themen. Die ohnehin schon große Besorgnis, die die Bürger im Osten in den Vorjahren geäußert hatten, wurde in diesem Jahr noch einmal übertroffen.

Angst vor Terror

Terroranschläge in Spanien beeinflussen Themenhierarchie Zu den zwei größten Sorgen der Spanier zählen traditionell die Arbeitslosigkeit und das spanische Sonderproblem, der Terror durch die baskische Untergrundorganisation ETA. Jahr für Jahr konkurrieren beide Themen um den ersten Platz in der Liste der größten Probleme im Land.

Vor dem Hintergrund der Anschläge in Madrid im März dieses Jahres hat der Terrorismus in Spanien jetzt eine neue Dimension angenommen, nun kommt auch noch der islamistische Terror hinzu. Für 54 Prozent der spanischen Bürger ist Terrorismus das aktuelle Top-Thema in Spanien, weit vor der Arbeitslosenproblematik, die in der aktuellen Untersuchung bei 34 Prozent liegt.

Als weitere spanische Besonderheit liegen Wohnungsprobleme und Miete mit 17 Prozent auf Platz 3. In keinem anderen Land schafft dieser Problemkreis einen Platz unter die ersten 10.

Die dargestellten Ergebnisse stammen aus der Untersuchung "Challenges of Europe". Im Rahmen dieser Studie befragte die GfK Marktforschung im Auftrag des GfK-Nürnberg e.V. insgesamt rund 9.000 Bürger in acht europäischen Ländern, und zwar in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Österreich, Polen und Spanien.

Grundlage der Untersuchung ist eine einfache, offene Frage, die jedes Jahr unverändert gestellt wird: "Welches sind Ihrer Meinung nach die dringendsten Aufgaben, die heute in... (Nennung des jeweiligen Landes) ... zu lösen sind?"

Breites Themenspektrum

Die Befragten erhalten keinerlei beschränkende Vorgaben für ihre Antwortmöglichkeiten, Mehrfachnennungen sind möglich. Dadurch umfassen die Antworten ein breites Themenspektrum und beleuchten zeitnah die brisantesten gesellschaftlichen Entwicklungen.

Ein langfristiger Vergleich der von der Bevölkerung als subjektiv wahrgenommenen und als wichtig empfundenen Themen ist aufgrund der unveränderten Fragestellung möglich und verdeutlicht, wie sich die Bedeutung der einzelnen Problemstellungen im Laufe der Zeit verändert hat.

Der GfK-Nürnberg e.V. ist ein 1934 gegründeter Verein zur Förderung der Marktforschung, der sich aus knapp 700 Firmen und Einzelpersonen zusammensetzt.

Zweck des Vereins ist es, Grundlagenforschung durchzuführen, die Aus- und Weiterbildung von Marktforschern zu fördern und regelmäßig Studien zu erstellen, die den Mitgliedern zur Verfügung gestellt werden.

Mit einem Anteil von 64 Prozent der Aktien ist er Hauptanteilseigner der GfK Aktiengesellschaft. Zur GfK Gruppe Die GfK Gruppe, weltweit die Nummer 5 der Marktforschungsunternehmen, ist in den fünf Geschäftsfeldern Consumer Tracking, HealthCare, Non-Food Tracking, Medien und Ad Hoc Forschung aktiv.

Neben 15 Niederlassungen in Deutschland gehören zur GfK Gruppe weltweit über 120 Unternehmen und Beteiligungen in 50 Ländern. Von den derzeit über 5.100 Beschäftigten arbeiten etwa 1.450 in Deutschland. Weitere Informationen sind unter www.gfk.de erhältlich. (juh)

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