Der Handel braucht akademische Quereinsteiger

von Redaktion LZ
Donnerstag, 11. August 2005
LZ|NET. Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, braucht der deutsche LEH akademischen Nachwuchs. Berührungsängste gibt es auf beiden Seiten.



Traditionell arbeiten sich Führungskräfte im deutschen Einzelhandel von der Pieke auf nach oben. Doch die Globalisierung der Märkte führt zum Paradigmenwechsel. Die Führungsetagen befinden sich mitten im Umbruch.

Metro-Chef Hans-Joachim Körber, gehört dem Konzern seit 20 Jahren an. Seine Karriere startete der promovierte Kaufmann und Braumeister in der Getränkeindustrie. Der Edeka-Vorstandsvorsitzende Alfons Frenk ließ sich zunächst zum Groß- und Außenhandelskaufmann, später zum Wirtschaftsprüfer ausbilden.

In den Edeka-Reihen bewegt er sich seit 1981. Rewe wurde 30 Jahre lang von Hans Reischl geprägt. Nach dem kurzen Zwischenspiel Berninghaus steht seit April mit dem Juristen Dr. Achim Egner ein Quereinsteiger an der Spitze.

Bewegung gibt es nicht nur in den Chefetagen. Zur Ausbildung des akademischen Nachwuchses hat sich das Euro-Handelsinstitut im Frühjahr diesen Jahres bei rund 30 deutschen Handelsunternehmen umgehört.

Gefragte Akademiker

Danach schätzen die Befragten, dass die Bedeutung von Hochschulabschlüssen in der Handelsbranche mittelfristig deutlich zunehmen wird. Sie wissen, dass sie sich Hochschulabsolventen öffnen müssen und tun sich dennoch schwer damit. Einen Vorsprung in Sachen Personalmarketing hat Metro.

Auf der Veranstaltung "Meeting-Metro" können Studenten den Konzern und seine Vertriebsformen kennen lernen. Douglas und Rewe rekrutieren einen Teil des akademischen Nachwuchses in Kooperation mit Hochschulen, andere präsentieren sich auf Karrieremessen.

Auch wenn sich Veränderungen abzeichnen - der LEH sucht die Bodenhaftung. Er schätzt die Praxis. Damit auch Hochschulabsolventen einen Eindruck vom Arbeitsleben in den Märkten gewinnen, arbeiten Aldi-Trainees vier Wochen lang hinter der Kasse.

Praktikum an der Kasse

"Sie sollen wissen, wo das Geld verdient wird", so Dr. Dirk, Friederich, Managing Partner bei der Personalberatung Whitehead Mann in Frankfurt. Aldi arbeitet am liebsten mit "Eigengewächsen".

Entwicklungs- und Karrierepläne zeichnen bei dem Discounter Karrieren voraus - je nach Schul- und Hochschulabschluss, Ausbildung und persönlicher Leistung. Diese imaginären Grenzen werden nicht überschritten.

Häufig sind Hochschulabsolventen Karrieremöglichkeiten im Einzelhandel unbekannt. Gleichzeitig schafft es die Branche nicht, sich positiv als Arbeitgeber zu präsentieren. Zum schlechten Image gehören magere Gehälter und hausbackene Märkte.

Sie prägen das öffentliche Bild. So entscheiden sich Hochschulabgänger lieber für BMW, Siemens, Porsche oder Beiersdorf als Arbeitgeber.

Gehälter-Spanne

In der Tat liegen die Einstiegsgehälter im Handel unter dem Durchschnitt. "So verdient ein Trainee in der Industrie rund 10.000 Euro pro Jahr mehr als sein Kollege im Einzelhandel", sagt Friederich. Aber - dieses Verhältnis kehrt sich im Verlauf der Jahre um, wenn man im Einzelhandel Karriere macht.

"Ein Regionalmanager eines SB-Warenhauses kann ein Jahresgehalt von bis zu 400.000 Euro beziehen." In dieser Gehaltskategorie verantwortet er 1 Mrd. Euro Umsatz und ist für rund 3.500 Mitarbeiter verantwortlich.

Manager in der Konsumgüterindustrie in ähnlicher Position, jedoch mit deutlich weniger Personal- und Umsatzverantwortung, erhalten zirka 180.000 Euro. Nicht alle Handelsunternehmen zahlen exorbitante Gehälter.

Es soll Manager im inneren Führungszirkel rund um die Aldi-Brüder geben, die ein Jahresgehalt von 300.000 Euro beziehen.

Karrierestau bei Aldi

Dass Handelsmanager fachliche Qualitäten haben, gilt fast als Geheimtipp. Besonders begehrt sind die von Aldi. Das Expansionstempo des Discounters ist abgeflaut mit der Folge eines Karrierestaus.

So stehen Aldi-Manager dem Wettbewerb und anderen Branchen offen gegenüber. Umworben werden sie derzeit von der Automobil- und der Pharmabranche. Sie gelten als erfahren im Schaffen optimaler Strukturen in der Logistik und im Einkaufs.

Heute spielen fachliche und persönliche Qualifikationen eine entscheidende Rolle im Management sowie internationale Erfahrungen. "Gefragt sind Charisma sowie Team- und Integrationsfähigkeit.

Die rein fachliche Fundierung nimmt in ihrer Tiefe auf den oberen Rängen ab", sagt Friederich. Mit Entdeckung der sozialen Kompetenz ist nicht mehr der beste Einzelhandelskaufmann gefragt, sondern eine Führungskraft, die ihre Mitarbeiter zu Höchstleistungen anspornt und dabei globale Strategien verfolgt.

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