Absolventenkongress Handel bewirbt sich beim Nachwuchs

von Redaktion LZ
Freitag, 06. Dezember 2013
Andrang: Der Handel freut sich über reges Interesse an seinen Jobangeboten.
Staufenbiel, LZ-Archiv
Andrang: Der Handel freut sich über reges Interesse an seinen Jobangeboten.
Beim Absolventenkongress in Köln wetteifern Arbeitgeber aller Branchen um die Gunst der abgehenden Akademiker. Der Lebensmittelhandel zeigt auch in diesem Jahr wieder deutlich Flagge.
Lionel Souque will mit Klartext bei den Absolventen punkten. "Sie denken, im Handel sitzt man freitags an der Kasse und kann nicht mit seinen Freunden in den Club, weil man samstags zur Obst- und Gemüseanlieferung wieder frühmorgens im Laden stehen muss?" greift der Rewe-Vorstand ein Vorurteil auf. Und gibt ehrlich zu: "Das stimmt." Für angehende Führungskräfte sei praktische Erfahrung in der Filiale unverzichtbar. Auch er selbst habe dort gelernt, was es heißt, auf der Fläche zu verkaufen.

Auf der anderen Seite zeichne sich der Handel durch zügigere Aufstiegspfade aus als die Industrie, hebt Souque einen der Arbeitgebervorteile des LEH hervor. Speziell die Rewe biete unternehmerisch denkenden jungen Leuten zudem die Möglichkeit, sich selbstständig zu machen.

Hochkarätig: Mit Lionel Souque (o.) und Jan Kunath (u.) schickt die Rewe Group dieses Jahr gleich zwei Vorstände zum Schaulaufen.
Ein guter Kaufmann bringe es auf ein Jahreseinkommen von 200.000 Euro. "Verdienen Sie das mal in der Industrie", wirbt Souque offensiv um Nachwuchskräfte. "Sie können jetzt nach Hause gehen", ruft er nach seinem Vortrag um 10.30 Uhr ins fast voll besetzte Auditorium. "Denn jetzt wissen Sie ja, wo Sie sich bewerben müssen."

Imageoffensive des LEH

Norbert Dörschner von Kaufland hat es schwerer. Nur ein gutes Dutzend Zuhörer finden sich zu seiner Unternehmenspräsentation ein. "Der Handel versprüht immer noch nicht das große Prestigefeuerwerk", so der Geschäftsbereichsleiter Personalmarketing. "Aber wichtiger ist für uns, dass die Filialen voll sind", reagiert er mit Humor auf die leeren Reihen.

Kaufland halte Chancen für Absolventen unterschiedlichster Couleur bereit. "Bei uns sind sogar zehn Mediziner beschäftigt", schildert der Personaler die Vielfalt. Unentschlossenen gibt er den Tipp: "Achten Sie bei der Wahl ihres Arbeitgebers darauf, in welchem Umfang er Führungskräfte aus den eigenen Reihen entwickelt." Hier könne der Handel insgesamt punkten. Bei Kaufland liege die Quote bei annähernd 100 Prozent.

Mit gesellschaftlichen Themen punkten

Mit Themen wie Work-Life-Balance muss sich heute auch der Discount befassen. Zeit für eine Weltreise? "Wir versuchen, solche Wünsche zu erfüllen", verspricht Dörschner. Er erläutert nicht nur die Struktur des Großflächendiscounters, sondern greift auch aktuelle Debatten auf. Beispiel Mindestlohn: "Was derzeit diskutiert wird, gibt es bei uns schon seit fünf Jahren", unterstreicht er das Engagement seines Unternehmens.

"Unser Mindestlohn ist nicht 8,50 sondern 11 Euro", nutzt auch Janine Kaltenbach von Lidl diesen Aufhänger. Die Personalleiterin der Regionalgesellschaft Wunstorf beschreibt den Einstieg als Verkaufsleiter, um für die Karriere bei dem Discounter zu werben. "Sie müssen fundierte Entscheidungen treffen, ohne sich in Details zu verlieren", schildert sie die Anforderungen.

Pragmatische Lösungen seien in den Filialen jeden Tag gefragt: "Sie als Führungskräfte sind wichtig, Ihre Mitarbeiter brauchen Sie als Entscheider", so Kaltenbach. Erfolge, aber auch Misserfolge, seien im Handel schnell sichtbar.

Discounter sind stark vertreten

Aldi Süd schickt zwei junge Managerinnen auf die Bühne, die die Einstiegsprogramme aus eigener Erfahrung kennen. Sie stellen nicht nur das Konzept für die klassische Vertriebslaufbahn vor, sondern werben auch für die IT-Laufbahn. Voraussetzung dafür sei nicht unbedingt ein Informatikstudium. BWLer mit einer Neigung zur Technologie seien bei Aldi Süd ebenso gerne gesehen.

Jan Kunath
Als Zuhörer bei seinen Wettbewerbern outet sich Penny-Vorstand Jan Kunath zu Beginn seiner eigenen Präsentation und fragt rhetorisch: "Was können wir da als Nummer vier im Markt draufsetzen?" Seine Antwort: "Penny ist anders – wir brechen mit den Dogmen des Discounts." Das Unternehmen wie auch die Karrierewege seien weniger statisch und systemisch strukturiert.

Das lasse mehr Raum für individuelle Entwicklung. "Bei uns darf man selber denken", will er die überschaubare Zahl an Zuhörern für sich gewinnen. Diese Andersartigkeit befördere den Discounter aktuell "auf die nächste Evolutionsstufe". Wer daran mitarbeiten möchte, dürfe ihn gerne persönlich anrufen, überrascht Kunath die Runde mit der Herausgabe seiner Telefon-Durchwahl.

Hochmut kann verhängnisvoll sein Köln. Die aktuelle Generation der Berufseinsteiger ist äußerst selbstbewusst und anspruchsvoll. Jobeinsteiger suchen nach viel Geld für einen sinnstiftenden Job mit guter Work-Life-Balance und perfekten Karrieremöglichkeiten. Auffällig häufig weisen Referenten auf dem Absolventenkongress auf die Grenzen dieser Haltung hin. "Hochmut und Arroganz können schnell zum Verhängnis werden", sagt Professor Stefan Strauss, FOM Hochschule für Oekonomie und Management, seinen jungen Zuhörern ins Gesicht. Und rät ihnen, sich nicht auf den Fachkräftemangel zu verlassen. Schließlich entwickle sich der Markt für Akademiker zunehmend international. In Spanien oder der Türkei gebe es eine Vielzahl hochmotivierter Absolventen. "Die sind richtig heiß und wurden nicht so gepampert." "Tengelmann hat bereits Nachwuchsführungskräfte aus Spanien geholt", nennt Peter Hannen, Mitglied der Geschäftsleitung bei Kienbaum, Beispiele. "Beiersdorf und andere sind dabei, das Management zu internationalisieren: Diese Jobs sind für Sie verloren." Accenture-Geschäftsführer Frank Mang ergänzt: "Bereiche, in denen wir mit dem Fachkräftemangel konfrontiert sind, verlagern wir ins Ausland." Wer Karriere machen will, müsse auch in Zukunft bereit sein, hart zu arbeiten. "10 Prozent Inspiration und 90 Prozent Transpiration", veranschaulicht Hannen die Notwendigkeit von Leistungsbereitschaft und Disziplin. Berufseinsteiger müssten sich zudem im Klaren sein, dass "nicht alle Indianer Häuptling werden", so Strauss. Der Führungsanspruch von BWLern sei oft völlig unangemessen, verweist er auf eine Untersuchung zur Studienmotivation. "Sie wollen Chef sein, obwohl sie das, was sie machen, nicht können und nicht mögen", so der Hochschullehrer. Statt Arbeitgebern mit Arroganz zu begegnen, empfiehlt er eine ordentliche Portion Demut. Und wer zugleich viel Wert auf Privatleben lege, müsse seine Ansprüche definitiv überdenken. sb/lz 49-13



(sb/cd)

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