Weinhandel und Provenienz

von Judit Hillemeyer
Freitag, 21. Juli 2006
Foto: DWI
Foto: DWI
Die Fachhochschule Wiesbaden bildet am Campus Geisenheim im Rheingau Wirtschaftsexperten für den Weinhandel aus. Die erste Bachelor-Generation feierte am vergangenen Freitag ihren Abschluss.



"Der Chef eines Luftfahrtunternehmens muss kein Pilot sein - ganz anders ist es im Weinhandel", sagt ein Bachelor-Absolvent. Im Weinhandel muss man die Zusammenhänge zwischen Weinbau, Oenologie, Marketing und Betriebswirtschaft kennen. Und das vermittelt der Studiengang "Internationale Weinwirtschaft" in Geisenheim - dem deutschen Zentrum für Hochschulbildung und Forschung im Bereich der Weinwirtschaft.

Der Studiengang nimmt eine Sonderstellung ein. Er schließt eine Lücke im Ausbildungsangebot. Neben den technik- und produktionsorientierten Studienrichtungen Weinbau/Oenologie und Getränketechnologie erweitert das Studium das Ausbildungsspektrum um die Gebiete Marketing, Handel und Unternehmensmanagement auf internationalen Weinmärkten. An den Bachelor of Science kann ein zweijähriger Master angeschlossen werden.

Professoren und Hochschulabsolventen in Geisenheim, Foto: Hans Helmut Schmitt


Deutschland ist einer der vier weltweit größten Weinmärkte und damit eine Drehscheibe der Weinwelt. Die heimische Produktion deckt weniger als die Hälfte des nationalen Verbrauchs ab. Neben den traditionellen Weinländern Südeuropas nehmen Erzeuger aus Australien, Südafrika, Südamerika und Kalifornien sowie zunehmend aus Osteuropa eine immer stärkere Rolle auf den internationalen Weinmärkten ein. Dementsprechend groß ist die Wettbewerbsintensität.

"International denkende Weinspezialisten, die um die Details der Weinproduktion wissen und zugleich Handels- sowie Management-Wissen mitbringen, sind bislang Mangelware", stellt der Geisenheimer Hochschullehrer und Weinmarktexperte Prof. Dieter Hoffmann fest. Diese Lücke füllt die Ausbildung zum internationalen Weinwirtschaftler. Auslandserfahrungen in Form von Praktika und Exkursionen gehören zum Pflichtprogramm.

Rheingau, Foto: DWI


Hoffmann betonte, dass der deutsche Einzelhandel mit positiver Resonanz auf den neuen Studiengang reagierte. Allen voran Verbrauchermärkte (ab 1.000 Quadratmeter) wollen sich mit ihrem Weinsortiment profilieren. "Eine Abteilung mit mehr als 100 Weinen braucht einen Spezialisten für Regalpflege, Sortiment, produktspezifische Betreuung und Beratung", so Hoffmann. Auf diesem Weg könne sich der klassische LEH vom Discountprinzip differenzieren.

Regionale Weine vermarkten

Allerdings müssten die Handelszentralen im Weingeschäft mehr Spielräume schaffen und neben dem Zentraleinkauf eine stärkere regionale Vertriebssteuerung ermöglichen. "Konsumenten wollen vor Ort auch regionale Weine kaufen". Dem Einzelhandel empfiehlt Hoffmann, die Bachelor-Weinhandelsspezialisten, nach einer Einarbeitungsphase, mit der Funktion des Abteilungsleiters zu betrauen.

Das Studium bereitet auf den internationalen Weinhandel vor - auch auf die Vermarktung deutschen Weins im Ausland. Beispielsweise tun sich die deutschen Weinvermarkter in Großbritannien immer noch schwer. Dort werden im Gegensatz zu den USA eher trockene Weine bevorzugt. "Deutscher Rotwein ist im Ausland völlig unterrepräsentiert", klagt Hoffmann. Während die kalifornische Weinwirtschaft mit wenigen Rebsorten fast einer {sbquo}Monokultur' gleiche, lebt Europa von der Diversität.

Foto: DWI/Kaemper
Auf die Vielfältigkeit im Weingeschäft wird der Nachwuchs in Geisenheim vorbereitet. Die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge bieten individuelle Schwerpunkte. Die Anerkennung der Lehrinhalte über verschiedene Studiengänge, Hochschulen und Ländergrenzen hinweg macht dies möglich.

"Unternehmen müssen sich daran gewöhnen, bei der Einstellung von Absolventen weniger die Frage nach dem Abschluss in den Mittelpunkt zu stellen, als vielmehr die nach den individuellen Inhalten des Studiums", so Hoffmann.

Der neue Studiengang entstand innerhalb von 12 Monaten fast auf dem Reißbrett. "Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt, schnell ein attraktives Angebot entwickelt und damit im internationalen Ausbildungswettbewerb einen großen Schritt getan", so Hoffmann.

Große Nachfrage

Die großen Bewerbungszahlen um die Studienplätze bestätigten die Attraktivität Geisenheims. Der Studiengang Internationale Weinwirtschaft ist bereits drei Jahre nach dem Startschuss praktisch ausgebucht und mit einem Numerus Clausus belegt.

Zum Pflichtprogramm gehören ein Auslandpraktikum von acht Wochen. Viele verlängern den Auslandsaufenthalt auf ein Semester. Im Trend liegen die Neue Welt wie Kalifornien und Neuseeland aber auch die klassischen Weinbaugebiete Italiens und Frankreichs. "Wir sehen uns in unserem Weg bestätigt", so der Hochschullehrer "und arbeiten bereits an der Weiterentwicklung der Studiengänge". (juh)

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats