Entscheidungsgrundlagen in HR "Intelligenztests werden unterschätzt"

von Christiane Düthmann
Donnerstag, 30. Juli 2015
Wissenschaft statt Bauchgefühl: Heiko Weckmüller
privat
Wissenschaft statt Bauchgefühl: Heiko Weckmüller
 
Zwar hat fast jeder Personaler einmal studiert, doch spielen wissenschaftliche Erkenntnisse im HR-Alltag kaum eine Rolle. Professor Heiko Weckmüller von der FOM Hochschule für Berufstätige in Bonn bricht eine Lanze für die Empirie.

Professor Weckmüller, auf welcher Basis treffen Personaler Entscheidungen?

Egal, um welche Frage es geht: Die meisten Personalmanager treffen ihre Entscheidungen basierend auf Berufserfahrung, gefolgt von der Meinung der Kollegen. Dann kommt erst mal lange nichts. Tatsächlich fährt man mit Berufserfahrung oft ganz gut. Es gibt aber auch Fälle, bei denen man auf dieser Grundlage in die völlig falsche Richtung läuft.





Können Sie ein Beispiel dafür nennen?

Nehmen Sie die Frage, ob geschlechtergemischte Teams produktiver sind als homogene Teams. In Untersuchungen sind fast 80 Prozent der Meinung, gemischte Teams seien besser. Das wissenschaftliche Ergebnis dazu jedoch lautet: Das Geschlecht spielt keine Rolle. Ein weiteres Beispiel ist die Rolle von Intelligenztests bei der Vorhersage des beruflichen Erfolges. Es ist wissenschaftlich eindeutig nachgewiesen, dass solche Tests mit das Beste sind, was wir haben. Doch Personaler lehnen dieses Instrument mehrheitlich entschieden ab.



Mit welcher Begründung?

Zunächst einmal schätzen sie die Vorhersagekraft, die Validität, falsch ein. Es ist ihnen vermutlich auch zu mechanisch und wird der Person in ihrer Ganzheitlichkeit nicht gerecht. Grundsätzlich wird in der Praxis zu wenig systematisch nachgehalten, welche Einstellungstests überhaupt etwas bringen.



Messen Unternehmen das denn nicht?

Oftmals ist der einzige Indikator der, dass sich der Personaler nachher mit der Einstellung noch wohl fühlt. Dabei lässt es sich auf den Euro genau ausrechnen, was es bringt, ob ich die eine oder die anderen Methode nutze. Ich plädiere dafür, mit klaren Business Cases zu arbeiten. Ein anderes Beispiel: Es lässt sich empirisch eine klare Korrelation zwischen Home-Office und Mitarbeiterzufriedenheit nachweisen. Der wesentliche Pluspunkt ist das Gefühl von Autonomie und Selbstbestimmtheit.



Fehlt es an der wissenschaftlichen Begründung von HR-Entscheidungen?

Ganz klar ja! Es mangelt an empirischer Fundierung.



Berufen sich auch junge Personaler am liebsten auf ihre Erfahrung?

Da gibt es überraschenderweise kaum einen Unterschied zu den alten Hasen. Ich hätte gedacht, dass jüngere Personen unsicherer im Urteil sind und die Rolle der Berufserfahrung weniger ausgeprägt ist. Aber das ist nicht der Fall.



Wie kommt das?

Ich glaube, da passiert folgendes: Es gibt einen Schnitt zwischen Uni-Ausbildung und Berufsalltag, den Praxisschock. Der lässt einen alles vergessen, was vorher war – wie ein Schalter, der im Kopf umgelegt wird. Und das geht rasend schnell. Wir haben versucht zu ermitteln, was Masterstudenten noch aus ihrem Bachelor-Studium wissen. Viele halten diesen Stoff schon nicht mehr für relevant.



Wird der Stoff nicht gebraucht?

Überspitzt formuliert wird das Studium zum Teil als bloße Eintrittskarte gesehen. Die Inhalte sind egal. Aber es hat natürlich auch mit der Art und Weise der Lehre zu tun. Da werden Theorien gegeneinander abgewogen, aber die Problemlösung und der tatsächliche empirische Forschungsstand kommen dabei oft zu kurz.



Wissenschaft gilt als kompliziert und zuweilen schwer verdaulich. Ist sie in ihrem Elfenbeinturm für die Praktiker zu schwer zugänglich?

Es gibt tatsächlich keinen Anreiz für jemanden, der in einer klassischen Universitätslaufbahn steckt, sich mit der Praxis zu beschäftigen. Man ist dann erfolgreich, wenn man in wissenschaftlichen Fachzeitschriften für andere Wissenschaftler publiziert.



Personaler aus der Wirtschaft lesen das nicht?

Nein, das wird weitgehend inneruniversitär konsumiert. Nur etwa 20 Prozent der HR-Manager, so eine Umfrage, die Torsten Biemann und ich zusammen mit der DGFP gemacht haben, lesen regelmäßig wissenschaftliche Aufsätze. Und es fällt in der Praxis oft gar nicht auf, wenn jemand nicht fundiert arbeitet. Es gibt ja keine hinreichende Kontrollinstanz in den Unternehmen.



Wie kann sich ein Personaler schnell einen Überblick über die wissenschaftliche Debatte zu einer Frage verschaffen?

Sehr praktisch ist "Google Scholar". Setzt man diesen Filter bei einer Suchanfrage, bekommt man nur wissenschaftliche Publikationen angezeigt. Die meisten kennen dieses Tool nicht. Man muss jedenfalls nicht in der Bibliothek stöbern, wenn man sich auf den neuesten Stand bringen will.



(cd)

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