Karriereseiten im Internet auf dem Prüfstand

von Redaktion LZ
Freitag, 06. August 2004
LZ|NET. Viele deutsche Arbeitgeberseiten im Internet erfüllen nur mangelhaft die Wünsche der Bewerber. Im Vergleich zu anderen Branchen schneiden Einzelhandel und Konsumgüterhersteller eher schlecht ab.



Das ist das Ergebnis einer Befragung von rund 1 500 Studierenden und Young Professionals der Stockholmer Unternehmensberatung Potentialpark.

Unternehmen stellen eine Menge Ansprüche an Bewerber. Doch auch Bewerber wissen genau, was sie von ihren potenziellen Arbeitgebern erfahren möchten.

Diesen Wünschen der Kandidaten an die Karriereseiten der Unternehmen im Internet ist Potentialpark auf den Grund gegangen.

Der zum zweiten Mal durchgeführte "Top Employer Web Audit" zeigt vor allem das Bedürfnis der Bewerber, mit den Unternehmen Kontakt aufzunehmen. Alle interaktiven Angebote auf einer Website wurden von den Teilnehmern der Umfrage entsprechend gewürdigt.

Für die Studie hat Potentialpark die Karriereseiten von 165 Unternehmen beurteilen lassen; dabei äußerten die Teilnehmer ihre Meinung zu insgesamt 81 Fragen aus verschiedenen Themengebieten: Erreichbarkeit der Karriereseiten im Unternehmensauftritt, Inhalte, Navigation und Nutzerfreundlichkeit sowie Kontaktmöglichkeiten.

Klare Jobbeschreibungen

Die wichtigsten Kriterien aus Sicht der Bewerber: 91 Prozent wünschen sich, dass die Stellenangebote nach Abteilung und Bereich sortierbar sind; 89 Prozent möchten detaillierte Jobbeschreibungen; 87 Prozent wünschen sich eine direkte E-Mail-Adresse eines konkreten Ansprechpartners; 85 Prozent erwarten Informationen zum Bewerbungsablauf.

Am häufigsten bemängeln die Bewerber schlecht strukturierte Informationen und überladene Websites mit einer undurchsichtigen Navigation. Zudem bieten viele Unternehmen derzeit kein ausreichendes Kontaktangebot. "Anonyme Mail-Adressen reichen da nicht aus", sagt Jens Pippig, Partner bei Potentialpark.

Bewerber wünschten sich als Ansprechpartner eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter der Personalabteilung - mit personalisierter E-Mailadresse und Telefonnummer. Das Versprechen persönlicher Kommunikation reicht nicht aus. Viele Bewerber sind verärgert, weil sie in angemessener Zeit keine Rückmeldung auf ihre Anfragen bekommen.

Eine personalisierte Kontaktmöglichkeit nützt Firmen und Bewerbern deshalb nur dann etwas, wenn die vorgestellten Personalprofis auch antworten. "Sonst ist im Zweifelsfall eine anonyme Karriere-Mailadresse besser, auf die Bewerber aber eine Antwort bekommen," sagt Pippig und empfiehlt den Unternehmen so genannte FAQs (Frequently Asked Questions: häufig gestellte Fragen mit entsprechenden Anworten), um die meisten der Bewerberanfragen im Vorfeld zu beantworten.

Vorauswahl durch Testverfahren

Besonders wichtig sind den Kandidaten Informationen über den Bewerbungsprozess. Derzeit informierten etwa nur ein Drittel aller Unternehmen auf ihrer Website Bewerber darüber, was mit ihrer Bewerbung genau geschieht. Angaben über die benötigten Antwortzeiten machen noch weniger Unternehmen.

Erstmals liefert die Potentialpark-Studie auch Daten zur Bewerberakzeptanz von Online-Assessments. Diese internetgestützten Testverfahren setzen sich langsam aber sicher auf vielen Arbeitgeberseiten durch. Einige Unternehmen, wie Unilever, bauen diese Filter zurzeit in ihre Standardbewerbungsprozesse ein.

Der "Top Employer Web Audit" deutet an, dass Bewerberverfahren zur automatischen Vorauswahl nur unter bestimmten Bedingungen akzeptieren: Akzeptiert werden diese Verfahren nur, wenn ein klarer Nutzen erkennbar ist, zum Beispiel in Form einer Rückmeldung über ihre eigenen Fähigkeiten.

Zudem sollte die Anonymität gewahrt bleiben, bis die Bewerber über das Testergebnis informiert wurden und sie die Daten aktiv für das Unternehmen freigeben.

Hoher Innovationsdruck

Derzeit dauern diese E-Assessments zwischen fünf Minuten und zwei Stunden. Die meisten Bewerber schalten jedoch nach einer halben Stunde ihre Rechner aus: Länger sollten die Tests aus ihrer Sicht nicht dauern.

Noch aber sind Online-Auswahrverfahren für die meisten Unternehmen in Deutschland Zukunftsmusik. Von den zehn in der Studie bestplatzierten Unternehmen setzt derzeit nur Siemens solche Tests ein.

Der Druck zu Innovationen im Netz ist gleichwohl für Arbeitgeber derzeit hoch. Die Untersuchung belegt aber auch, dass gut bewertete Unternehmen die Bewerbergunst nicht dauerhaft gepachtet haben: In diesem Jahr befinden sich unter den zehn ersten Plätzen sieben neue Unternehmen, die 2003 nicht auf den vorderen Rängen landeten.

So lautet denn ein Fazit der Studie, dass die meisten Karriere-Seiten noch weit davon entfernt sind, den wichtigsten Bewerberwünschen zu entsprechen.

Unter den zehn bestplatzierten Unternehmen befinden sich keine Firmen aus der Konsumgüterindustrie oder dem Einzelhandel. Nur zwei Unternehmen aus diesen Branchen konnten sich auf einem der vorderen 50 Plätze platzieren. Im Einzelhandel landete Metro auf Platz 48, bei den Konsumgüterherstellern Unilever auf Platz 36.

Beziehungsmanagement

Zum Vergleich: Sehr gut schnitten dagegen die Branchen "Health Biotech" und "Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung" ab: Mit Bayer und Fresenius belegt erstere die ersten beiden Plätze. Alle Teilnehmer der letzteren Gruppe konnten sich auf den ersten 20 Rängen platzieren.

Potentialpark-Berater Marc Pop sieht die Gründe für das schlechte Abschneiden von Konsumgüterindustrie und Handel vor allem in fehlerhaftem Beziehungsmanagement begründet: "Beide schneiden bei den Kontaktmöglichkeiten sowie Rückläufen für Bewerber und bei den Inhalten relativ schlecht ab."

Nach Pops Erfahrung orientieren sich die Firmen aus den beiden Branchen beim Recruiting sehr stark an den Wettbewerbern aus den eigenen Reihen.

Er empfiehlt den Blick über den Branchen-Tellerrand: "Es wäre gerade sinnvoll, beim Recruiting stärker im Auge zu haben, welche Strategien die - gut platzierte - branchenferne Konkurrenz einsetzt." - zum Beispiel die Banken oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaften."

Dem Potentialpark-Berater zufolge gehen die Unternehmen in diesen Branchen stärker auf die Bedürfnisse der Bewerber ein und betrachten sie eher als Kunden, deren "Ansprüche erkannt und möglichst effektiv erfüllt werden sollten."

Möglicherweise aber weisen Konsumgüterhersteller und Einzelhändler generell Defizite in Ihrer Kommunikation per Internet auf: Eine aktuelle, am Institut für Medienwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum entstandene Studie weist darauf hin.

Bei der vergleichenden Untersuchung wurden die Websites der 100 umsatzstärksten deutschen Unternehmen mit denen US-amerikanischer und europäischer nicht-deutscher Firmen verglichen: Auch hier schnitten diese Branchen in Deutschland vergleichsweise schlecht ab.

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