"Es mangelt an praktischer Erfahrung"

von Redaktion LZ
Freitag, 04. Juni 2010
Hans-Heinrich Driftmann
Carsten Milbret
Hans-Heinrich Driftmann
Lebensmittel Zeitung: Herr Driftmann, wenn Sie sich unter den vom DIHK vertretenen Mitgliedern umhören, wie zufrieden sind die Unternehmen mit dem Ausbildungsniveau der Bachelor-Absolventen?
Hans-Heinrich Driftmann: Die Wirtschaft lebt mit den neuen Abschlüssen und stellt bereits viele Bachelor-Absolventen ein. Es gibt an manchen Stellen aber noch Probleme. Die Inhalte eines Studiums müssen künftig stärker den Anforderungen des Arbeitsmarktes entsprechen. Die Abbrecherquoten sind außerdem zu hoch. In Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, den sogenannten MINT-Fächern, liegen sie zum Teil bei über 30 Prozent. Die Durchlässigkeit zwischen der beruflichen und der hochschulischen Bildung muss weiter verbessert werden.

LZ: Wurden die erhofften Reformziele wie kürzere Dauer oder bessere internationale Vergleichbarkeit erreicht?

Driftmann: Die Vergleichbarkeit der nationalen Studienfächer und -abschlüsse ist sicherlich verbessert worden, auch wenn noch nicht alle Fächer umgestellt worden sind. Die Studiendauer ist kürzer geworden, leider haben es manche Hochschulen dabei aber etwas übertrieben. So gibt es Fälle, wo der Studiengang einfach um das Praxissemester gekürzt wurde, damit das Bachelor-Studium genau sechs Semester dauert. Aber gerade an den Praxisphasen sollte man nicht sparen. Zumal ein Bachelor-Studium, wenn sinnvoll, auch sieben oder acht Semester lang sein kann.

LZ: Kritiker beklagen, die Bologna-Umstellung habe die Ausbildung verschult. Stichwort Studenten-Fabriken. Ins Berufsleben entlassen würden Turbo- und Discount-Akademiker. Können Sie diesen Eindruck bestätigen?

Driftmann: Einige Hochschulen haben es sich zu leicht gemacht. In Einzelfällen gewinnt man den Eindruck, hier hat sich keiner richtig Gedanken darüber gemacht, was die Studierenden eigentlich am Ende können müssen. Stattdessen haben manche Fachbereiche einfach ihre alten Veranstaltungen in die neuen Studiengänge hineingepresst. Es gibt aber auch viele Hochschulen, die sich wirklich gut überlegt haben, was sie lehren müssen und wie man das sinnvoll organisiert.

LZ: Mancher Beobachter beklagt, dass es dem neuen akademischen Nachwuchs infolge der zeitlich rigiden Lehrpläne an Fachwissen und Lebenserfahrung fehlt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Driftmann: Natürlich muss man bei Bachelor-Absolventen aufgrund der kürzeren Studienzeit Abstriche bei der Tiefe der fachlichen Qualifikation in Kauf nehmen. Die Einsatzfelder von Fachkräften mit Bachelor- oder Master-Abschlüssen hängen stark von der Art der Tätigkeit ab. Im Bereich Innovationen und Forschung werden zum Beispiel oftmals Master-Absolventen bevorzugt, weil diese sich in einem bestimmten Wissenschaftsfeld spezialisiert haben. Der Vorteil der neuen Abschlüsse liegt gerade in dem Wechsel zwischen Studium und Beruf, der nun einfacher geworden ist. Und auf diesen neuen Fachkräfte-Typ, der mehrmals in seiner Berufslaufbahn an die Hochschule zurückkehren kann, müssen sich Unternehmen einstellen.
 
LZ: Der Praxisbezug liegt Ihnen besonders am Herzen?

Driftmann: Ja, hier muss nachgebessert werden. Umfragen bei unseren Mitgliedsunternehmen zeigen, dass zwar Fachwissen bei den Absolventen vorhanden ist, fast zwei Drittel der Befragten aber praktische Erfahrungen der Absolventen vermissten. Also muss den Studierenden neben der Theorie auch der Bezug zur Praxis vermittelt werden. Und das sollte in allen Fächern geschehen, auch in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Gute Hochschulen integrieren bereits Praktika oder Praxisprojekte direkt in die Lehrpläne.
 
LZ: Die Bachelor-Absolventen sind in der Regel jünger als ihre Vorgänger. Starten sie mit niedrigeren Einstiegsgehältern ins Berufsleben?

Driftmann: Das Einstiegsgehalt der künftigen Führungskräfte muss nicht automatisch niedriger sein. Die Höhe hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel der Art der Tätigkeit oder den beruflichen Erfahrungen. Für den durchschnittlichen Bachelor-Absolventen mag es aufgrund der geringeren Ausbildungsdauer im Vergleich zum Diplom-Absolventen zunächst weniger geben. Aber eine 25-jährige Person, die früher gerade den Hochschulabschluss gemacht hat, kann heutzutage bereits einen Bachelor plus zwei Jahre Berufserfahrung vorweisen und hat damit gute Argumente für eine positive Gehaltsentwicklung.

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