Interview "In jedem steckt ein Unternehmer"

von Redaktion LZ
Freitag, 21. Juli 2017
Dietmar Grichnik ist Professor für Entrepreneurship.
Dietmar Grichnik ist Professor für Entrepreneurship.
Dietmar Grichnik, Professor für Entrepreneurship an der Universität St. Gallen, ist überzeugt, dass das Risiko der Selbstständigkeit mit Sinnhaftigkeit und Zufriedenheit belohnt wird.

Herr Professor Grichnik, warum zögern viele, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen?

Die große Bremse ist die Angst zu scheitern. Sie ist die Ausrede Nr. 1 dafür, nicht entschlossen den Versuch zu wagen, sich beruflich auf eigene Füße zu stellen. Hinzu kommt: Der gut funktionierende Arbeitsmarkt trägt trotz aller am Arbeitsplatz empfundenen Misshelligkeiten seinen Teil dazu bei, die Komfortzone der festen Anstellung nicht zu verlassen. Und schließlich gibt es noch die Bedenkenträger aus dem Familien-, Freudes- und Bekanntenkreis. Ihr bremsender Einfluss sollte nicht unterschätzt werden.

Warum ist es falsch, sich von inneren und äußeren Stimmen blockieren zu lassen?

Weil der Mensch ein Sinnsuchender ist, wie Götz Werner, Gründer von dm Drogeriemarkt, so schön formuliert. Wird die Selbständigkeit aus dieser Perspektive betrachtet, sind die Opportunitätskosten der Sinnhaftigkeit höher – also das Berufsleben in einer für mich nicht wirklich Sinn stiftenden Beschäftigung zu verbringen – als die finanziellen Opportunitätskosten – also ein sicheres, Anstellungsverhältnis zu verlassen. Bei meiner Arbeit treffe ich viele Menschen, die den Schritt in die Selbständigkeit gewagt haben. Viele berichten davon, zunächst oder auch längerfristig weniger zu verdienen, viel mehr arbeiten zu müssen, aber bei weitem zufriedener zu sein. Diese Zufriedenheit, die stark aus der gefundenen Sinnhaftigkeit des Tuns erwächst, wiegt für sie langfristig doppelt und dreifach die Mühen auf.

Was ist mit dem Risiko?

Ratsam ist, dem Beispiel erfahrener Unternehmer zu folgen. Sie definieren einen ertragbaren Verlust. Das heißt, sie legen monetär, psychologisch und sozial einen für sie maximalen Zeit- und Kapitalbetrag fest, den sie bereit sind zu verlieren. Das begrenzt das Risiko und ermöglicht den Schritt ins unternehmerische Neuland, in das Ungewisse.

Sie sind überzeugt, dass in jedem ein Unternehmer steckt? Warum?

Das zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse und die Erfahrung aus meiner Arbeit! Niemand wird als Unternehmer geboren, aber jeder Mensch bringt die Voraussetzungen mit. Kinder gehören für mich zu den unternehmerischsten Wesen. Ihre unerschöpfliche Kreativität, ihre Kommunikationsfähigkeit, aber auch die Risikotoleranz sind unternehmerische Eigenschaften par excellence! Leider lassen sich viele im Laufe ihres Lebens diese Unternehmungslust abtrainieren. Das heißt aber nicht, sie ist gänzlich verloren. Statistisch lässt sich die Selbstständigkeit als Karriereepisode nachzeichnen. Sie kann wie eine Ausbildung oder ein Studium einen Teil des Lebens einnehmen und früher oder später in jedem Berufsleben zur Realität werden.

Gibt es nicht unterschiedliche Mentalitäten mit mehr oder weniger Geschmack an der Selbstständigkeit?

Und ob es die gibt! Selbstständigkeit verlangt die Bereitschaft, sich jenseits fester Arbeitszeiten zu engagieren und, sich auch zu strapazieren. Unter Mentalitätsgesichtspunkten verlangt sie Durchhaltewillen und Verzicht. Und ein gerüttelt Maß an Ambiguitäts- und Frustrationstoleranz. Man muss spannungsvolle unklare Situationen aushalten und Rückschläge wegstecken können. Das verlangt eine beachtliche Willenskraft, Zähigkeit und Zielstrebigkeit. Und die Leidenschaft für ein Produkt oder Vorhaben. Nur diese mentale Verfassung trägt durch Stürme der Selbständigkeit und ist fraglos einer der zentralen Erfolgsfaktoren.

Wovon hängt es ab, Wind unter die Unternehmerflügel zu bekommen?

Studien zeigen: Die Wahrscheinlichkeit, sich in der Selbstständigkeit zu behaupten, wächst mit der Zahl der Versuche. Diese bedingte Erfolgswahrscheinlichkeit wird also größer, je mehr Erfahrungen gemacht und verarbeitet werden. Auch wenn niemand Misserfolgserlebnisse besonders liebt – aus ihnen ist mehr zu lernen als aus Erfolgen. Was immer wieder vergessen wird, in Misserfolgen – also gemachten und erkannten Fehlern – verbirgt sich ein enormes Weiterbildungspotenzial. Vorausgesetzt natürlich, man versinkt nicht in Frustrationen und Selbstvorwürfen, sondern analysiert und denkt darüber nach, was warum schiefgelaufen ist. Erfolgreiche Selbständigkeit gibt es nicht ohne überlegte, systematische Beharrlichkeit, Selbstkritik, unvoreingenommene Lernbereitschaft und den Mut zu sich selbst.

Ihr Rat lautet folglich, ins Tun zu kommen?

Wie anders lässt sich der Erfahrungsschatz aufbauen und das soziale Netzwerk aktivieren, um die Reichweite des Vorhabens zu erhöhen und wichtige Ressourcen für die Skalierung des persönlichen Start-ups zu gewinnen, über die man selbst nicht verfügt? Gründer sind notorisch mittellos, dafür aber häufig reich an Ressourcen in ihrem Netzwerk. Abgesehen davon, es muss ja nicht immer die tendenziell neue Idee sein, die den Schritt in die Selbständigkeit eröffnet. Viele Geschäftsinhaber und mittelständische Unternehmer möchten sich zurückziehen, finden aber keinen Nachfolger. Das ist eine solide Chance, die Seiten zu wechseln und Unternehmer zu werden. Als Professor für Entrepreneurship weiß ich, sich als Unternehmer auf die eigenen Beine zu stellen, das kann man nachweislich lernen. Sofern man es will!

Das Interview führte Hartmut Volk

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