"Projektarbeit bereitet gut auf die Praxis vor"

von Redaktion LZ
Freitag, 04. Juni 2010
Phillip Jäger
Privat
Phillip Jäger
Lebenmittel Zeitung: Herr Jäger, wie reagieren Unternehmen auf die Bachelor-/Master-Absolventen?
Phillip Jäger: Als Pionier im ersten Bachelor- und Master-Studiengang meiner Fachhochschule hatte ich es auf der Suche nach Praktika noch nicht leicht, da viele Angebote sich nur an Studierende mit Vordiplom richteten. Das Verhalten der Unternehmen hat sich in den vergangenen zwei Jahren jedoch stark verändert. Die Arbeitgeber richten ihre Praktika- und Stellenangebote sowie die Karriereevents zunehmend an Studierende und Absolventen der neuen Studienabschlüsse. Dies habe ich gerade im Rahmen der Untersuchungen während meiner Master-Arbeit festgestellt.

LZ: Wie zufrieden sind Sie mit dem Ausbildungsniveau?

Jäger: Das Gefühl, mit dem Studium schneller als die bisherigen Diplom-Absolventen fertig zu sein, habe ich nicht, da die Regelstudienzeit im Bachelor- und Master-Studiengang mit insgesamt zehn Semestern sogar zwei Semester länger ist als beim Diplom-Studiengang. Sowohl der Bachelor- als auch der Master-Studiengang waren sehr praxisbezogen. Gerade den Kontakt zu den Unternehmen aus der Wirtschaft durch praktische Projekte in den Modulen habe ich als sehr bereichernd empfunden. Auch die Art der Informationsvermittlung im Studium durch Gruppendiskussionen, Projektarbeiten oder Präsentationen seitens der Studierenden bereitet besser auf das Berufsleben vor. Möglich war dies insbesondere in den Schwerpunkten des Master-Studiengangs, in dem teilweise lediglich zwischen sechs und zwölf Personen waren.

LZ: Welche Erfahrungen haben Sie persönlich in Vorstellungsgesprächen gemacht?

Jäger: In den Bewerbungsgesprächen wurde mein Studienabschluss bisher nicht thematisiert. Ich gehe daher davon aus, dass sich die Arbeitgeber bereits umfassend über die neuen Studienabschlüsse informiert haben.

LZ: Kritiker der neuen Studienabschlüsse beklagen, dass die Umstellung zu einer Verschulung geführt habe.Stichwort: Discount-Akademiker. Ist das auch Ihr Eindruck?

Jäger: Zwar galt es Pflicht- und Wahlfächer zu belegen, jedoch gab es keine Anwesenheitspflicht, Hausaufgaben oder Tests während des Semesters. Zudem bestand die Leistungsüberprüfung am Ende des Semesters nicht nur aus Klausuren, sondern auch aus Projektarbeiten, Präsentationen oder Hausarbeiten. Insofern stimmt die Behauptung, das Studium sei verschult, nur bedingt.
Ein wichtiger Vorteil der neuen Abschlüsse ist, dass es weniger Langzeitstudenten gibt. Nach einer bestimmten Anzahl nicht bestandener Prüfungen muss der Studierende wie in der Schule die Bildungseinrichtung verlassen.

LZ: Beobachter wollen ferner festgestellt haben, dass es dem neuen akademischen Nachwuchs infolge der Straffung des Lehrstoffs und der zeitlich recht rigide angelegten Lehrpläne an Fachwissen und Lebenserfahrung fehlt.

Jäger: Für Studierende, die noch in der Orientierungsphase sind und sich nicht sicher sind, ob die gewählte Fachrichtung beziehungsweise Spezialisierung die richtige ist, gibt es nahezu keine Möglichkeit nach rechts oder links zu blicken. An theoretischem Fachwissen wird es den ,neuen’ Studierenden nicht mangeln, da die Lerninhalte der Diplomanden nahezu identisch sind und sie nur in kürzerer Zeit vermittelt und gelernt werden. Die Möglichkeit, praktische Erfahrung zu sammeln, ist jedoch durch die neuen Studiengänge eingeschränkt. Während des Semesters bleibt meist keine Zeit ein Praktikum anzupacken, und die Semesterferien waren zu kurz, um die oftmals angegebene Mindestdauer von zwölf Wochen zu bedienen.
Da man wenig Zeit hat, verpassen Bachelor- und Master-Studierende natürlich die Möglichkeiten, Lebenserfahrung zu sammeln. Ich habe mich beispielsweise für ein Auslandssemester in Schottland entschieden – nicht nur der Sprache wegen.

LZ: Wie entwickeln sich die Einstiegsgehälter für Bachelor- und Master-Absolventen?

Jäger: Das Einstiegsgehalt ist bei dem Master-Abschluss etwa identisch und zum Teil sogar etwas höher als für Absolventen mit Diplom-Abschluss. Abweichungen gibt es natürlich je nach Branche oder aufgrund der Dauer der bisherigen praktischen Erfahrungen.

LZ: Warum haben Sie sich für ein Master-Studium entschieden?

Jäger:
Nach dem Bachelor-Studiengang hatte ich den Wunsch einer zusätzlichen Weiterqualifizierung. Zudem wurde zur Zeit meines Bachelor-Abschlusses in der Wirtschaft noch immer umfassend darüber diskutiert, inwieweit der Bachelor überhaupt ein vollwertiger Abschluss sei.

LZ: Welche Vorteile hat ein Master-Studium?

Jäger: Vorteilhaft am Master-Studium waren die kleinen Lern- und Arbeitsgruppen, in denen sehr praxisbezogene Aufgaben besprochen werden konnten. Die kleinen Gruppen wurden insbesondere durch die NC-Beschränkungen realisiert.

LZ: Wo sehen Sie Defizite?

Jäger: Nachbesserungsbedarf besteht in jedem Fall in der Anerkennung von Auslandssemestern und in der Wechselmöglichkeit zwischen Bildungseinrichtungen. Hierbei hat derzeit jede Fachhochschule oder Universität ihre eigenen, individuellen Kriterien.

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