Interview mit Zalando-Country-Manager Rief "Traditionelle Wertketten lösen sich auf"

von Julia Wittenhagen
Freitag, 15. April 2016
Dominik Rief, Country-Manager Schweiz und Österreich bei Zalando, legt Wert auf unternehmerisches Denken.
Zalando
Dominik Rief, Country-Manager Schweiz und Österreich bei Zalando, legt Wert auf unternehmerisches Denken.
Selbst Vorzeigeunternehmen wie Zalando stehen vor der Herausforderung, die richtigen Mitarbeiter zu finden. Der Country-Manager Dominik Rief erklärt, wie die Digitalisierung auch ein reines E-Commerce-Unternehmen ständig herausfordert.
LZ: Viele klassische Handelsunternehmen arbeiten derzeit hart an ihrer Digitalisierung. Dieses Problem hat Zalando als Pure Player im E-Commerce nicht, oder?
Dominik Rief: Stimmt, aber natürlich ist die immer tiefer gehende Digitalisierung der Gesellschaft auch für uns eine spannende Herausforderung, weil Kundenbedürfnisse sich schneller verändern und der nächste Shop nur einen Klick weit entfernt ist. Dabei stehen wir mit E-Commerce in der Modebranche noch am Anfang. EU-weit werden erst elf Prozent der Ware online verkauft.

Wohin geht der Weg?
Strategisch stellen wir uns auf die Auflösung traditioneller Wertketten ein. Unser Ziel ist es, alle Marktteilnehmer miteinander zu vernetzen. Dabei ist eins sicher: Der Kunde entscheidet, wo es hingeht.

Was heißt das für die Organisation?
Zalando wird weiterhin Ware ein- und verkaufen und damit klassischen Handel betreiben, sich aber mit weiteren Angeboten zur Modeplattform entwickeln – einer Art Betriebssystem für Mode, das für jede Fashionfrage erste Anlaufstelle werden soll. Marken wie Adidas oder Mango geben wir beispielsweise über unser Partnerprogramm die Möglichkeit, Ware zu integrieren, die gar nicht mehr durch unsere Logistikzentren geht. Zalando Brand Solutions ermöglicht eigene Markenshops im Zalando Store. Mit Zalando Media Solutions unterstützen wir Hersteller seit kurzem dabei, gezielt Werbung zu schalten. Für Dienstleister wie Stylisten schaffen wir mit dem Curated Shopping Service Zalon eine Plattform, die den Kunden einen Mehrwert durch persönliche Beratung bietet.

Was ist dabei die größte Herausforderung?
Zalando wird als Unternehmen nicht nur größer, sondern auch differenzierter und komplexer. Die Herausforderung besteht zunehmend darin, alle 10.000 Mitarbeiter zu vernetzen und Wissen dezentral zu teilen, damit Prozesse agil bleiben.

Ist es nicht schwierig, Mitarbeiter mit digitalem Know-how zu finden, wenn allein die Zahl der "Techies" in diesem Jahr von 1.000 auf 1.800 ansteigen soll?
Wir stellen aktuell vor allem in vier Bereichen ein: Tech, Commercial Marketing Sales, Fashion & Assortment sowie unterstützende Funktionen, etwa Finanzen oder Personal. Im Technologie-Bereich suchen wir momentan hauptsächlich Software Engineers. Unsere Unternehmenskultur ist sehr attraktiv für die Generation Y: Wir sind jung – das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren – und bieten eine sehr transparente Kultur mit vielen Möglichkeiten. Was uns auch hilft, ist Berlin als Standort. Wir haben bei Zalando mittlerweile Mitarbeiter aus über 100 Nationen, Fachkräfte aus aller Welt kommen zu uns. Durch die internationale Aufstellung ist unsere Unternehmenssprache Englisch.

Nach welchen Kriterien rekrutieren Sie?
Wir legen wir viel Wert auf Unternehmertum und eigenständiges Denken. Unsere Mitarbeiter müssen Lust haben, Neues anzupacken und Dinge zu verändern. Ein Beispiel: Im Tech-Bereich arbeiten wir nach dem Radical Agility Prinzip, nach dem Tech-Mitarbeiter in autonomen Teams arbeiten und eigenverantwortlich entscheiden. Im Fokus steht ein klares Ziel, das die Teams mit Lösungsansätzen ihrer Wahl erreichen können. Gleichzeitig haben wir auf Arbeitsmärkte reagiert und in Dublin und Helsinki Tech-Hubs aufgemacht, um das gute Angebot an Fachkräften dort zu nutzen. Ansonsten betreuen wir die 15 Märkte, in denen wir aktiv sind, von Berlin aus über Länderteams.

Wie entwickeln Sie intern digitales Know-how weiter?
Durch steten Austausch. Dazu nutzen wir unterschiedliche Werkzeuge. Wir streamen zum Beispiel für alle Mitarbeiter die sogenannten Z-Talks, bei denen der Vorstand strategische Themen vorstellt und live die Fragen der Mitarbeiter beantwortet, so dass jeder teilnehmen kann.

Wie weit ist Zalando mit der Nutzung von Big Data?
Insgesamt geht es uns darum, genau zu analysieren, wie sich die Kunden Mode kaufen, was sie bewegt und was sie brauchen. Je näher wir dem Kunden kommen, desto richtiger ist unser Weg. Wir legen großen Wert darauf, den zuständigen Teams jedes Kundenfeedback direkt zur Verfügung zu stellen. So können wir am besten lernen, was der Kunde sich wünscht. Wichtig dabei ist, dass wir nur mit aggregierten Daten arbeiten. Es geht immer um Zielgruppen, nicht um einzelne Personen.

Wohin wechseln eigentlich Ihre Mitarbeiter, wenn sie das Unternehmen verlassen?
Ganz unterschiedlich. Besonders spannend finde ich, dass viele einen eigenen Shop oder ein Start-up in ihrem Herkunftsland gründen. Manchmal ergeben sich daraus wieder neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit uns.

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