Interview zu Belästigung am Arbeitsplatz "Banalisierte Kavaliersdelikte existieren überall"

von Silke Biester
Freitag, 02. Februar 2018
Engagiert für Gleichstellung: Prof. Ulrike Detmers, Gesellschafterin der Mestemacher-Gruppe.
Fotosession/Mestemacher
Engagiert für Gleichstellung: Prof. Ulrike Detmers, Gesellschafterin der Mestemacher-Gruppe.
Erst wenn Frauen und Männer gemeinsam das Sagen haben, lässt sich unerwünschte sexuelle Anmache in Unternehmen disziplinieren, sagt Mestemacher-Chefin Ulrike Detmers im Gespräch mit der LZ.

Die #MeToo-Debatte um sexuelle Belästigung hat Deutschland erreicht. Auch hier geht es in der öffentlichen Diskussion um die Filmbranche. Sind andere Wirtschaftszweige nicht betroffen?

Anmache bei Frauen, die diese nicht goutieren, gibt‘s übergreifend über viele Lebenswelten. Ergo: Die Motivationskräfte sexueller Belästigung sind nicht beschränkt auf die Film- und Modebranche.

Warum wird darüber nicht gesprochen?

Das ist zu risikoreich für Betroffene, wegen des stabilen Kavalierdeliktcharakters in der Berufs- und Arbeitswelt. Der Satz "Hab dich doch nicht so", egal aus welcher Ecke er kommt, geht der Belästigten mächtig auf die Nerven, während der Belästiger daraus eher Lustgewinn zieht.

Wie lässt sich das ausgeprägte Schweigen durchbrechen?

Wir reden hier ja über ungewollte sexuelle Anmache bis hin zur körperlichen Gewaltausübung und nicht über freundschaftliche französische Begrüßungsrituale! Das sollte erst einmal klar gestellt werden. Souveräne und finanziell unabhängige Frauen in stabilen Lebenslagen müssen da am Ball bleiben und drüber reden. Der Bagatellisierungscharakter muß weg. Gleichstellung in allen Lebenslagen lautet das Ziel. Mit dieser Verhandlungsmacht schützen wir unsere Schwestern.

Sie treffen als engagierte Netzwerkerin auf viele erfolgreiche Frauen. Wird das Thema dabei angesprochen?

Nein, da geht es meistens um zu stabile Männerwelten, die es im 21. Jahrhundert zu Frauen- und Männerwelten umzugestalten und zu stabilisieren gilt.

Männer besetzen auch in Handel und FMCG-Industrie die allermeisten Top-Positionen. Ist der Missbrauch dieser Position Ihrer Ansicht nach Alltag oder Ausnahme?

Banalisierte Kavaliersdelikte existieren überall, eben weil die ungewünschte Anmache von Frauen zur Kleinigkeit heruntergespielt wird.

Welche Folgen hat die aktuelle Debatte für die Beteiligten?

Heutige Enttabuisierung und soziales "An-den-Pranger-Stellen" bringt das Potenzial des Ehrverlusts für den Sexisten mit sich. Unerwünscht Angemachte fühlen nun schwesterliche Zugehörigkeit, fühlen sich nicht mehr allein und werden oftmals mutiger.

Das System sexueller Erpressung nach dem Motto "Wenn du nicht mitmachst, bekommst du die Filmrolle nicht" funktioniert durch Abhängigkeit in ausgeprägten Hierarchien. Die gibt es in vielen Unternehmen. Wie kann ein Arbeitgeber dem gezielt entgegenwirken?

Vorausgesetzt, der oberste Boss bagatellisiert sexuelle Belästigung nicht, sollte er Spielregeln der Führung und Zusammenarbeit bekannt machen. Betriebsrätinnen und Betriebsräte stehen sicherlich als Bündnispartner motivierender Unternehmenskultur zur Verfügung.

Wie weit verbreitet sind Gegenmaßnahmen in der Wirtschaft?

Bagatellisierung sexueller Nötigung begünstigt das Nichtvorhandensein wirksamer Instrumente. Erst wenn Frauen und Männer gemeinsam das Sagen haben, ist der Nährboden da, sexuell unerwünschte Anmache zu disziplinieren.

Gibt es in Ihrem Unternehmen eine Anlaufstelle, an die sich Betroffene wenden könnten – ohne selbst ins Kreuzfeuer zu geraten?

Frauenorientierte Gemeinwohlverpflichtung bestimmt seit 2002 die Kultur meines Unternehmens. Da versteht es sich von selbst, Frauen zu achten. Verstärkend ist, dass Frauen bei uns Vorsitzende und stellvertretende Vorsitzende des Betriebsrats sind.

Was würden Sie konkret tun, wenn in Ihrem Unternehmen Gerüchte von sexueller Belästigung die Runde machen?

Ich würde über Vier-Augen-Gespräche im Beisein einer Zeugin oder eines Zeugen durch Befragung Licht ins Dunkel bringen. Wie es danach weiter geht, muß ich dann sehen.

Mussten Sie als Chefin in dem Bereich schon aktiv werden?

In der Vorstufe ehrverletzender Anmache schon. Ein Gast unserer Großveranstaltungen zur Gleichstellungsförderung ließ nicht nach, einer attraktiven Mitarbeiterin zu verklickern, dass er es nicht glauben könne, dass sie bei mir angestellt sei. Er wollte ihr wohlweiß machen, sie gehöre eigentlich ins Etablissement. Ich habe das Gespräch gesucht.

Sind erfolgreiche Frauen noch mit der Vermutung konfrontiert, sie hätten sich "hochgeschlafen"?

Das Gerücht des "erfolgreichen Hochschlafens" war verbreitet in der Zeit, als die Gleichstellungsaktivitäten noch in den Kinderschuhen steckten. Heute kategorisieren wir die, die das behaupten, eher als Zurückgebliebene.

Inwiefern spielt Sexualität eine Rolle für die Karriere?

Gefühle, Bedürfnisse und Handlungen, die mit dem Geschlechtsverkehr zusammenhängen, sind menschenimmanent. Verwerflich ist die einseitige, in der Regel männliche körperliche Anmache, bis hin zur Vergewaltigung. Da hört der Spaß auf.

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