Ausbildung im Handel Jede Azubi-Bewerbung zählt

von Redaktion LZ
Donnerstag, 17. September 2015
Azubis im Handel: Die Bewerber haben die Auswahl, nicht nur zwischen verschiedenen Branchen und Berufen, sondern auch zwischen Lehre und Studium. Die Handelsausbildung bietet oftmals bessere Verdienstmöglichkeiten, hat aber weniger Renommée.
Netto Marken-Discount/Tegut
Azubis im Handel: Die Bewerber haben die Auswahl, nicht nur zwischen verschiedenen Branchen und Berufen, sondern auch zwischen Lehre und Studium. Die Handelsausbildung bietet oftmals bessere Verdienstmöglichkeiten, hat aber weniger Renommée.
lznet/we. Rein rechnerisch hat es laut Bundesagentur für Arbeit Ende August für jeden Lehrstellen-Bewerber in Deutschland einen Ausbildungsplatz gegeben. So gut sich die Situation 2015 auch darstellt, der Wettlauf um den Nachwuchs ist in vollem Gange. Besonders der Einzelhandel muss sich bemühen, wie eine Branchenumfrage der LZ zeigt.
Die Konkurrenz ist groß. Fast ein Drittel der deutschen Unternehmen können ihre Ausbildungsplätze nicht besetzen, heißt es seitens des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Mal gibt es regional mehr Angebot als Nachfrage, mal passen die Bewerber nicht in das gefragte Firmenprofil.


Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des HDE, sieht angesichts dieser Situation dringenden Handlungsbedarf. Die Zahl der Schulabgänger, die keine Studienberechtigung haben, werde sich in den kommenden zehn Jahren um rund 100.000 verringern. Wenn der Handel darauf nicht reagiere, reduziere sich die bislang noch überdurchschnittlich hohe Ausbildungsquote der Branche weiter und wichtige Nachwuchskräfte fehlen.

 

Der Aufwand, gute Nachwuchskräfte zu finden, wird derzeit für das einzelne Unternehmen immer größer. "Im Rahmen von internen Schulungen des Weiterbildungsprogramms Aldi Süd Akademie unterstützen wir die Azubis zum Beispiel beim Lernen für die Berufsschule und bereiten sie auch auf die Prüfungen vor", sagt Christiane Kosmas, Leiterin der Personalentwicklung bei Aldi Süd.

Der Discounter vermerkt in einigen der 31 Regionalgesellschaften Engpässe. Besonders in den Großstädten gebe es eine Vielzahl an alternativen Angeboten, teilen die Mülheimer auf LZ-Anfrage mit.

Eine Situation, die die meisten Händler zu spüren bekommen. Für den Drogeriemarktbetreiber Rossmann ist die Lage vor allem in den Expansionsgebieten im Süden Deutschlands "erheblich schwieriger", weil der "mangelnde Bekanntheitsgrad" des Unternehmens dort zu schaffen mache.

 

Konkurrenz durch Universitäten

Auch Tegut sieht im städtischen Umfeld "starken Wettbewerb mit anderen Branchen, die – insbesondere im Bereich der Arbeitszeit – gegenüber dem Einzelhandel punkten können", so das Fuldaer Unternehmen.

Die Metro Group wiederum konstatiert eine zunehmende Konkurrenz durch neue schulische und universitäre Angebote, "so dass für einige Schülerinnen und Schüler eine klassische Ausbildung in einem Betrieb keine Option ist." Das stachelt die Düsseldorfer umso mehr an, wie sie auf LZ-Anfrage betonen.

Die Camps der Saturn Azubi Academy beispielsweise binden den Nachwuchs in kreative Projekte ein, in denen zum Beispiel innovatives Verkaufen oder Multichannel-Konzepte eigenständig erprobt werden können.

Auch der SB-Warenhaus-Betreiber Globus bindet die Azubis – ähnlich wie dm-Drogeriemarkt – in mehrtägige Kreativ-Workshops ein, die der Persönlichkeitsentfaltung dienen. Die Arbeit im Handel erfordere Sozialkompetenzen, die die Unternehmen durchweg zu fördern versuchen. "Entwicklung bedeutet bei uns nicht, dass wir die Menschen dorthin bringen, wo sie für dm nützlich sind", sagt dm-Personalgeschäftsführer Christian Harms.

Die jungen Menschen suchten nach einer Arbeitsgemeinschaft, in die sie sich aktiv einbringen können und die ihnen Entwicklungsmöglichkeiten bietet. "Das war aus unserer Sicht schon immer so, aber die Generation Y artikuliert diesen Anspruch stärker als die vorangegangenen Jahrgänge", meint Harms stellvertretend für viele seiner Handelskollegen.

Auch die Edeka-Gruppe stellt fest, dass es für die Azubis immer wichtiger wird, wie der persönliche Umgang im Team – mit Vorgesetzten und Kunden – ausfällt und welche Wertschätzung gute Arbeit erfährt. Unternehmen, in denen dies schon immer eine große Rolle gespielt hat, seien daher in einer guten Ausgangsposition, findet die ostfriesische Bünting-Gruppe.

Es sei wichtig, "die Qualität von Ausbildung stets im Blick zu haben, damit Auszubildende auch selbst als Multiplikator aktiv mithelfen, den Azubi-Nachwuchs für morgen zu finden", so das Unternehmen.

Das Lamento um schlechte Schulnoten und rechtschreibschwache Bewerber scheint angesichts der zunehmenden Verknappung des Angebotes der Vergangenheit anzugehören. Der Discounter Lidl ist "mit der überwiegenden Zahl der Bewerber sehr zufrieden", teilt er in der LZ-Umfrage mit.

Alle Handelsunternehmen bemühen sich, Defizite durch Nachhilfe und Schulungen auszugleichen. Tegut plant für 2016, die Aktivitäten in der innerbetrieblichen Schulung und Entwicklung "deutlich auszubauen".

Dabei geht die Schere zwischen sehr guten und sehr schwachen Bewerbern nach Meinung der meisten Unternehmen immer weiter auseinander.

"In einigen Bereichen wünschen wir uns, dass sich die Bewerber und Bewerberinnen im Vorwege intensiver mit den Ausbildungsinhalten und Firmen auseinandersetzen und ihre Bewerbungsunterlagen sorgfältiger erstellen zum Beispiel mit Blick auf Rechtschreibung und Zeichensetzung", meint die Bartels-Langness Handelsgesellschaft. In anderen Bereichen verzeichne man dagegen "sehr viele qualitativ hochwertige Bewerbungen", so das Kieler Unternehmen.

Um die Bewerber bei Laune zu halten, wird jedoch nicht nur in Schulung und Qualifizierung investiert. Bereits am Anfang der Ausbildung interessiere die Jugendlichen, ob eine Übernahme bei guten Leistungen garantiert ist, heißt es bei den meisten Unternehmen.

Netto Marken-Discount beispielsweise signalisiert den Jugendlichen schon während ihrer Ausbildung die spätere Übernahme "bei besonders guten theoretischen sowie praktischen Leistungen". Und auch "Goodies" wie Smartphones und Tablets spielen zunehmend eine Rolle. So schenkt die Rewe Group jedem Azubi "ein eigenes Tablet", das "bei erfolgreichem Abschluss der Ausbildung behalten" werden darf.

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