Händler wird zum Jobmotor

von Judit Hillemeyer
Freitag, 23. Mai 2008
Fotos: LZ-Archiv
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Ausgerechnet der Handel soll sich bis 2020 zum Jobmotor in Deutschland entwickeln. Voraussetzung sind Innovation, Investition und Unternehmergeist. Zu diesem Ergebnis kommt die Zukunftsstudie der Unternehmensberatung McKinsey.



Die Analysten haben ihrer Prognose bis zum Jahr 2020 verschiedene Szenarien zugrunde gelegt. Gelinge der Volkswirtschaft eine Dynamisierung des Wachstums auf jährlich 3 Prozent, müssen bis 2020 rund 6,1 Millionen Arbeitskräfte mobilisiert werden, um die Nachfrage zu decken. Unter dieser Prämisse entwickelt sich der Handel zur Job-Maschine.

"Bei maximaler Ausschöpfung aller Möglichkeiten kommen wir im Einzelhandel und der Konsumgüterindustrie auf das anspruchsvolle Niveau von zusammen 800.000 neuen Arbeitsplätzen", erklärt Peter Breuer, Leiter des deutschen Konsumsektors bei McKinsey. Werde jedoch nur ein Basisniveau von 1,7 Prozent Wachstum erzielt, würde die Zahl der Vollbeschäftigten im Handel unter derzeit 2,2 Millionen sinken.

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Auch in der Konsumgüterindustrie könne sich bei einem Drei-Prozent-Zuwachs die Zahl der Arbeitsplätze deutlich erhöhen - auf insgesamt 1,2 Millionen. Bei einem Basisszenario sieht Breuer "eher Risiken". In diesem Fall, so die Prognose, sinke die Zahl der Vollzeitbeschäftigten von derzeit rund 1 Million weiter ab. Wenn die Hersteller und Händler alle Chancen nutzten, könnten die Produzenten ihre Wertschöpfung sogar jährlich um 3,5 Prozent erhöhen und die Einzelhändler gar um 3,1 Prozent.

Eine gewagte Hochrechnung. Doch Breuer ist optimistisch. Der deutsche Einzelhandel habe ein enormes Potenzial, das er innovativ nutzen müsse. Dazu gehören Ideen wie die Direktbelieferung von Haushalten, die Entwicklung von Premiummarken, die Besetzung von Nischenmärkten, der Multikanal-Vertrieb, Erlebniseinkauf, Convenience und Dienstleistungen.

"Der LEH befindet sich im Umbruch", findet er. Künftig werde der Preis als einziges Differenzierungsmerkmal an Gewicht verlieren. Vorbilder gibt es im In- und Ausland. Best Buy in den USA richte Privatkunden Computer zu Hause ein und repariere sie im Bedarfsfall. Bei Globetrotter in Köln probieren Kunden Boote im Wasser aus. Erfolgreiche Convenience-Konzepte setzten Tesco Express und 7-Eleven um. Aber auch ökologische Nachhaltigkeit wie die Reduzierung des CO{-2}-Gehaltes werde künftig eine Rolle spielen.

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"Nehmen wir all diese Themen zusammen, dann erkennen wir in Deutschland ein großes Potenzial für Handel und Industrie, das zu einem signifikanten Anstieg der Arbeitsplätze führen kann", so Breuer. Damit diese Chancen genutzt werden können, brauche es Unternehmerpersönlichkeiten, betont er und erwähnt Torsten Toeller, dessen Tierhandlung Fressnapf erfolgreich expandiert - trotz aller Anfangsschwierigkeiten.

Eine Grundvoraussetzung für eine viel versprechende Handelslandschaft sei der leichtere Zugang zu Kapital, damit Unternehmerpersönlichkeiten auch Startchancen erhalten.

Handelsunternehmen, mit Ausnahme der Discounter, sind personalintensiv, die Arbeitsaufgaben breit gefächert. Als Arbeitgeber beschäftigt der Einzelhändler Menschen mit unterschiedlichen Qualifikationen - vom Universitätsabsolventen bis zum Hauptschulabgänger. Auch wenn die Branche heute über unqualifizierte Ausbildungsplatzbewerber klagt, "müssen wir davon ausgehen, dass wir 2020 eine andere Situation haben", so der Handelsspezialist.

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Dennoch muss sich die Branche als Arbeitgeber deutlich attraktiver positionieren, damit sie für Hochschulabsolventen interessanter wird. "Die Zeichen stehen gut", betont Breuer.

Dafür gibt es in der Tat einige Beispiele - darunter Metro, Tchibo, Otto und Douglas, die sich stärker auf dem Arbeitsmarkt positionieren. Rewe-Chef Alain Caparros betreibt aktiv den Umbau des Unternehmens. Die Kölner versuchen zudem mit ihrer Bildungsstrategie Campus auch für Führungskräfte mehr an Attraktivität zu gewinnen. Viele Unternehmen, seitens der Händler und der Hersteller, profilieren sich mit internationalen Arbeitsplätzen und bieten interessante Karrieremöglichkeiten.

Das sind langfristige Aufgaben, die einen langen Atem erfordern. Die Produzenten haben im Imagevergleich vielleicht die Nase vor den Einzelhändlern. Doch bis zum Jahr 2020 könnte die gesamte Konsumgüterbranche, Handel und Industrie, mächtig aufholen, wenn sie ihre Chancen nutzt. (juh)

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