Irrige Vorstellungen vergraulen den Nachwuchs

von Redaktion LZ
Freitag, 25. Juni 2004
Kaufhof und Domschule in Osnabrück besiegeln ihre Partnerschaft Foto:Kaufhof
Kaufhof und Domschule in Osnabrück besiegeln ihre Partnerschaft Foto:Kaufhof
LZ|NET. Im Wettbewerb um die besten Schulabgänger setzt Kaufhof auf Lernpartnerschaften mit allgemeinbildenden Schulen. Das Konzept soll bundesweit deutlich ausgebaut werden. Es dient gleichzeitig der Image-Verbesserung des Einzelhandels.



Lehrstellen sind derzeit rar. Ob der jüngst unterzeichnete Ausbildungspakt von Wirtschaft und Politik daran etwas ändert, bleibt abzuwarten. Der Einzelhandel gehört in Deutschland zu den großen Ausbildern.

Kaufhof hat rund 2.000 Azubis. Trotz der großen Bewerberauswahl beklagen viele Einzelhandelsunternehmen die fehlende Grundqualifizierung ihrer Kandidaten. Dies wird auch im Zusammenhang mit dem angeschlagenen Handelsimage gesehen.

Mit lokalen Aktionen versuchen Einzelhändler potenzielle Handelstalente zu rekrutieren und ihr angeschlagenes Bild zu korrigieren. Kaiser's Tengelmann betreibt Direktmarketing in den Schulen.

Dort hin geht auch Kaufhof und setzt dabei auf Lernpartnerschaften. Informiert wird - in Theorie und Praxis - über das Berufsbild Einzelhandelskaufmann.

Die erste Brücke zu einer Kölner Schule schlug Kaufhof 1999. In den vergangenen Jahren wurden 13 weitere Lernpartnerschaften geschlossen - darunter in Frankfurt, Essen, Düsseldorf und Aachen.

Viele Bündnisse schmieden

Bis zum Jahr 2007 sollen insgesamt 70 solcher Bündnisse geschmiedet werden. Diese will Kaufhof nicht als loses Bekenntnis verstanden wissen. Sie werden von Maßnahmen und Aktionen getragen, an der sich beide Parteien beteiligen.

Dazu gehören Betriebsbesichtigungen, Informationsabende für Eltern, Praktikumplätze, Bewerbungstraining sowie die Vermittlung von Rechten und Pflichten während einer Berufsausbildung.

Der gesamte Maßnahmenkatalog ist terminiert und schriftlich fixiert. Integriert sind Lehrer, die Geschäftsführer der Warenhäuser vor Ort sowie Ausbilder und Vertreter der zentralen Personalabteilung.

Berufe im Einzelhandel stehen häufig am Ende der Wunschliste von Schulabgängern. Zum Teil werden Lehrstellen notgedrungen angenommen.

Einige treten ihre Ausbildungsstelle erst gar nicht an, weil sie zwischenzeitlich anderen Berufszielen nachgehen. Diese frei werdenden Lehrplätze können kurzfristig nicht qualifiziert besetzt werden.

Das ist jedoch kein spezifisches Handelsproblem. Kaufhof spricht von einer Abbrecherquote über alle Branchen hinweg von rund 25 Prozent.

Hinzu kommt, dass beispielsweise Rewe im ersten Bewerbungsschritt über 50 Prozent der Bewerber wegen fehlender Grundvoraussetzungen ablehnen muss. Der Kölner Warenhauskonzern führt hier keine Statistik.

Vielfältige Chancen im Handel

"Erwartungshaltung und Realität klaffen bei Schülern auseinander", weiß Waltraud Schild, zuständig für das Personalmanagement bei der Kaufhof Warenhaus AG in Köln. Fünfzehn- bis Sechszehnjährige glauben, beruflich stünden ihnen nahezu alle Türen offen - inklusive attraktiver Gehälter.

Kaufhof redet Tacheles: Die meisten seien über die Verdienstmöglichkeiten einer Arzthelferin ebenso erstaunt wie über das Hochschulstudium als Grundvoraussetzung für den Beruf des Informatikers.

"Von den vielfältigen Aufgaben und der weitestgehend freien Aufgabengestaltung im Einzelhandel haben viele Schüler keine Vorstellung", so Anja Kiehne-Neuberg, Leiterin Personal- und Organisationsentwicklung bei Kaufhof.

Negative Vorurteile überwiegen. Als unattraktiv gelten Arbeitszeiten, körperlicher Einsatz und Verdienstmöglichkeiten.

Das Image des Einzelhandels ist ein Hemmschuh. In den Lernpartnerschaften sehen die beiden Managerinnen deshalb eine Chance, Talente für sich zu gewinnen - rekrutiert doch das Handelsunternehmen rund 70 Prozent seiner Führungskräfte aus den eigenen Reihen.

Doch dafür braucht man den entsprechenden Nachwuchs. Den findet Kaufhof derzeit zu zirka 50 Prozent in den Realschulen, jeweils ein Viertel der Schüler kommt aus Gymnasien und Hauptschulen.

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