Passgenaue Qualifikation erwünscht

von Judit Hillemeyer
Freitag, 16. März 2007
Von "Corporate Universities" versprechen sich Firmen passgenaue Qualifizierungsprogramme. Nicht nur die Industrie, auch die Handelsbranche möchte Ziehkinder nach Maß. Die Möglichkeiten sind in Deutschland breit gefächert.



Arbeitgeber unterschiedlichster Branchen unterhalten entweder eigene Bildungseinrichtungen oder kooperieren mit staatlichen und privaten Schulen, Hochschulen und Akademien. Das gibt es in der Automobilbranche ebenso wie unter Konsumgüterherstellern und im Handel. Das Engagement reicht vom Mäzenatentum bis hin zu einer engen finanziellen und praxisnahen Verbindung.

Strategisches Ziel einer Bildungskooperation ist in erster Linie eine passgenaue Qualifizierung. Berufsakademien und Privatschulen haben keinen öffentlichen Bildungs- oder gar Forschungsauftrag. Ihr Auftrag lautet Ausbildung. Die Kosten tragen häufig die Arbeitgeber.

Den Kontakt zu Berufsakademien suchen viele Einzelhändler, darunter Lidl, Aldi, Kaufland und Globus. Auch Tegut setzt auf eine passgenaue Qualifikation. Das Handelsunternehmen kooperiert mit verschiedenen Berufsakademien, unter anderem in Moosbach und Gera sowie Fachhochschulen wie in Gießen und Friedberg.

Darüber hinaus kooperiert das Handelsunternehmen mit den privaten Einrichtungen Alanus in Alfter nahe Bonn und der Handelsschule Hermann in Fulda, erklärt Karl-Heinz Brand, Geschäftsleitung Mensch und Arbeit. Dort wird der Nachwuchs zum staatlich geprüften Betriebswirt ausgebildet. Diese Zusammenarbeit wird ausgebaut.

Ab dem Wintersemester fungiert die Schule auch als Berufsakademie. An ihr werden dann Bachelor- und später Master-Studenten mit dem Schwerpunkt Handelslehre unterrichtet. "Eine Bildungskooperation ist eine wechselseitige Verbindung", sagt Brand. Pro Jahrgang werden in Fulda 25 Menschen ausgebildet, die auch übernommen werden. "Aber wir sind auch offen für Absolventen anderer Hochschulen und Universitäten", so Brand.

Klare Zielhochschulen

Zu den Zielhochschulen Metros gehören Bremen, Trier, Münster, Köln und Frankfurt an der Oder. Weitere Kooperationen gibt es mit der WHU in Vallendar, der FH Worms und fünf Berufsakademien.

Auf der Grundlage eines eigenen Bewertungsmodells hat Metro ein Ranking zur Auswahl von Zielhochschulen ermittelt, das sich an den Faktoren "Handelsschwerpunkt, Internationalität, eigene Rekrutierung, Karriereentwicklung und Qualität der Absolventen" orientiert. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um eine Fachhochschule oder Universität handelt.

Darüber hinaus unterhalten einige Vertriebslinien und Querschnittsgesellschaften Kooperationen mit eigener Zielsetzung. Media-Saturn arbeitet mit der Fachhochschule in Ingolstadt zusammen. Die beiden Partner bieten den Verbundstudiengang "Internationales Handelsmanagement" an. Ihr Ziel: Manager auszubilden, die Führungsaufgaben im internationalen Handel übernehmen.

Die Unternehmensgruppe leistet eine Teilfinanzierung des Studienganges. Die Lehrhoheit obliege der FH. "Durch die Übernahme von Lehraufträgen durch Experten und Führungskräfte Media-Saturns ist sichergestellt, dass die Lehrinhalte praxisnah und aktuell sind", so Prof. Utho Creusen, Mitglied der Geschäftsführung Media-Saturn-Holding.

Spürbare Veränderung

Der Handel als Schwerpunktvertiefung an den Wirtschaftsfakultäten ist zum Teil noch entwicklungsfähig, sagt Prof. Reiner Anselstetter, Leiter des BayTech IHM Institutes der FH Amberg-Weiden. "Dennoch hat sich die Situation in der jüngsten Vergangenheit spürbar verändert."

Das Versäumnis lag jedoch nicht nur auf Seiten der Hochschulen, sondern ist auch Ergebnis des schlechten öffentlichen Handelsimages - einer der Grunde, warum Studenten wenig Interesse zeigten. Hinzu kommt, dass diese Branche traditionell auf eine praxisorientierte Ausbildung setzt und damit das berufsbegleitende Studium präferiert.

Doch zunehmend öffnet sich der Einzelhandel als Arbeitgeber dem akademischen Nachwuchspotenzial. "Kaiser's Tenglemann kooperiert sporadisch und nach Bedarf mit Hochschulen", sagt Personalentwicklerin Gabriele Piskurek. "Wir stellen jährlich ungefähr fünf bis zehn Kandidaten von Fachhochschulen und Universitäten ein." Und die Qualität kann sich sehen lassen: "Mit den Absolventen sind wir sehr zufrieden - in der Vergangenheit war das leider nicht immer so." (juh)

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