Kriterien gegen den Jobwechsel Rahmenbedingungen entscheiden

von Silke Biester
Freitag, 18. Dezember 2015
Jobwechsel: Christopher Kliemt nennt die Faktoren die dagegen sprechen.
Antje Terhaag/Kliemt
Jobwechsel: Christopher Kliemt nennt die Faktoren die dagegen sprechen.
Die Einstellung neuer Mitarbeiter scheitert häufig an vermeintlichen Nebensächlichkeiten. Personalberater Christopher Kliemt legt in einer aktuellen Studie offen, warum die Unterschrift ausbleibt, wenn sowohl der Job als auch das Unternehmen einem Kandidaten grundsätzlich zusagen.

Die richtigen Kandidaten für offene Positionen zu finden, ist das Tagesgeschäft von Christopher Kliemt. Er ist damit vertraut Anforderungen, Qualifikationen und auch Persönlichkeiten richtig einzuschätzen. Doch oft genug musste er hinnehmen, dass Verträge am Ende nicht unterschrieben werden, obwohl Aufgaben, Unternehmen und die potenziellen neuen Mitarbeiter eigentlich gut zusammen passen würden.

Diese Erfahrung hat der Personalberater zum Anlass genommen, die tatsächlichen – aber oftmals unausgesprochenen – Beweggründe genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Ergebnisse münden in praktische Empfehlungen insbesondere für die mittelständisch geprägte Ernährungsindustrie.

Was gibt den Ausschlag, wenn die Kandidaten den Vertrag in der Hand halten und überlegen: Unterschreibe ich ... oder unterschreibe ich nicht? "In dieser Situation fragen sie sich: Was habe ich eigentlich davon, zu wechseln?", weiß Kliemt. Insbesondere, wenn dem Betreffenden mehrere Angebote vorliegen, wägt er eine Vielzahl relevanter Faktoren gegeneinander ab. "Top-Leute können sich den Arbeitgeber auswählen", gibt Kliemt zu bedenken.

Die umfassende Befragung von rund 160 Studienteilnehmern hat gezeigt, dass grundsätzlich zwei Situationen unterschieden werden müssen: Wenn die neue Position einen Umzug zwingend erforderlich macht, geben andere Faktoren den Ausschlag, als wenn der Wohnort bestehen bleibt. "Wir waren überrascht, wie wenig mobil die Menschen tatsächlich sind", sagt er.

Satte 72 Prozent wollen ihren aktuellen Lebensmittelpunkt nicht verlassen, nur 28 Prozent würden für eine "große berufliche Chance" überall hinziehen. Jeder Neunte zieht ausschließlich Arbeitgeber in der Nähe seines Zuhauses in Betracht. Ebenso viele können sich vorstellen, täglich zu pendeln, 14 Prozent würden an den Wochenenden hin und her fahren.

"Unternehmen müssen Brücken bauen"

Weitere 36 Prozent würden sich nur dann auf eine Pendeldistanz einlassen, wenn der neue Arbeitgeber ihnen Home-Office-Tage gewährt. "Die meisten bevorzugen eine Stelle mit möglichst geringer Entfernung zum aktuell ersten Wohnsitz", resümiert Kliemt. In der Food-Industrie habe dies zu einem Phänomen geführt, das der Branchenkenner als "typische A2-Teutoburger-Wald-Karriere" bezeichnet. Denn entlang dieser norddeutschen Autobahn ermöglicht die Vielzahl von Lebensmittelproduzenten berufliches Weiterkommen ohne Umzug.

Der Betriebswirt war selbst viele Jahre in der Ernährungsindustrie bei Danone und Coca Cola tätig, bevor er sich auf die Personalvermittlung für die Branche konzentrierte. Seine Kunden zählen überwiegend zur mittelständischen Konsumgüterwirtschaft.

"Wenn man einen interessanten Kandidaten trotz größerer Entfernung gewinnen möchte, sollte man ihm eine Brücke bauen." Der Personalprofi rät Unternehmen mit unattraktiven Standorten dringend dazu, Home-Office-Angebote zu machen. Denn immerhin die Hälfte der Befragten kann bei ihrem aktuellen Arbeitgeber bereits gelegentlich von zuhause arbeiten. Für sie ist es ein Rückschritt und damit ein K.O.-Kriterium, wenn dies im neuen Job nicht möglich wäre.

Dienstwagen als Anreiz

Darüber hinaus könne ein Dienstwagen als Anreiz dienen, größere Distanzen zu überwinden. Schließlich zeigen 44 Prozent der Befragten die Bereitschaft, bis zu 50 km zu pendeln und 46 Prozent würden bis zu 100 km Entfernung hinnehmen. Jeder neunte würde sogar bis zu 500 km akzeptieren. "Mit allzu starren Dienstwagen-Regelungen nehmen Unternehmen in kauf, die besten Kandidaten nicht zu gewinnen."

Bei genauerer Betrachtung, was sie davon abhält, "das perfekte Jobangebot" zu unterschreiben, benennen 38 Prozent ihr soziales Umfeld. Sie wollen Familie, Freunde und Freizeitaktivitäten nicht verlassen. 37 Prozent geben die Berufstätigkeit des Partners am Wohnort an. Für 36 Prozent der Befragten, die eine Immobilie besitzen, ist diese der Grund gegen einen Wechsel.

Ein Drittel sieht langfristige Perspektiven im eigenen Unternehmen (36 Prozent) oder würde ein "Gegenangebot" annehmen (31 Prozent). Auch eine mangelnde Infrastruktur am Zielort kann ein Ablehnungsgrund sein. 14 Prozent präzisieren dies auf das öffentliche Verkehrsnetz, 30 Prozent auf das schulische Angebot für die eigenen Kinder und immerhin 7 Prozent wägen ab, ob sie als Single dort gute Rahmenbedingungen vorfinden, um jemanden kennenzulernen. Ballungszentren sind beliebter als ländliche Gebiete. "Hamburg geht immer", bringt Kliemt regionale Prioritäten auf den Punkt.

Ohne die Notwendigkeit einer räumlichen Veränderung kommen die beruflichen Punkte richtig zum Tragen: Wichtig sind eine interessante Tätigkeit, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten sowie ein gutes Gehalt. Bedeutend sind aber auch der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens und seine Innovationsfähigkeit.

Unterschrift erfolgt vor Weihnachten – oder gar nicht

Außerdem wird Wert auf einen guten Kontakt zum Vorgesetzten, größere Entscheidungsfreiheit, professionelles Arbeiten sowie flexible Arbeitszeiten bei einem sicheren Arbeitgeber gelegt. Internationalität gilt ebenso als Pluspunkt. Hierbei sollte die mittelständische Foodwirtschaft ihre Vorteile noch besser kommunizieren, empfiehlt Kliemt. Denn vielen potenziellen Mitarbeitern sei nicht bewusst, dass in dieser Branche oftmals von der Heimat aus sehr international gearbeitet werden kann.

85 Prozent der Befragungsteilnehmer haben ein Hochschulstudium absolviert, ihre Positionen reichen vom Facharbeiter bis zum Top-Management. Nur 9 Prozent würden sich durch nichts abhalten lassen, wenn wirklich der perfekte Job auf sie wartet. Die Bedeutung sozialer Aspekte für die Mehrheit der Befragten ist aus Kliemts Sicht die Erklärung für seine Erfahrung, "dass Verträge, auf denen vor Weihnachten keine trockene Tinte ist, nach Weihnachten nicht mehr unterschrieben werden".

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