"Frauen müssen ihren Beruf fokussieren"

von Mike Dawson
Freitag, 11. Juli 2008
Foto: Tesco
Foto: Tesco
Frauen im internationalen Handelsmanagement sind eine Rarität. Eine, die es in der männerdominierten Branche dennoch geschafft hat, ist Lucy Neville-Rolfe. Die 53-Jährige ist seit 2004 im Vorstand des englischen LEH-Marktführers Tesco für PR & Recht zuständig. Neville-Rolfe spricht über ihre Rolle als einzige Frau im Spitzenmanagement des Vorzeigehändlers.



Sie sind die einzige uns bekannte Frau im Vorstand eines führenden Handelskonzerns. Warum sind Sie eine so seltene Blüte in unserer Branche?

Neue Zeitrechnung: Tesco-Vorstand Lucy Neville-Rolfe sagt Frauen eine große Zukunft voraus.

In Zukunft werden Frauen im Topmanagement keine Seltenheit mehr sein. Die Lebensstile haben sich vollkommen geändert. Heute stellen Frauen einen bedeutenden Teil der arbeitenden Bevölkerung dar und die leistungsfähigen unter ihnen steigen auf. Der Lebensmitteleinzelhandel spiegelt diese gesellschaftliche Entwicklung nur wider.

Offensichtlich aber bei Tesco...

Die Tesco-Unternehmenskultur, die unter anderem auf Fairness und Höflichkeit basiert, dürfte diesem Prozess nur förderlich sein. Bereits heute leitet eine Frau unseren Homeshopping-Service, und erst vor kurzem ist eine Frau Chef unserer Rechnungsprüfung geworden.

Schön wäre es, wenn das auch im deutschen LEH der Fall wäre. Dort sind Frauen im Topmanagement eher die Ausnahme.

Wirklich? Wenn das stimmt, dann haben die Konzernvorstände in Deutschland eine strategische Chance verpasst.

Sie haben vorhin über die Zukunft gesprochen. Gleiche Chancen im Beruf hat es bis in die jüngste Vergangenheit wohl kaum gegeben.

Vor Tesco habe ich 20 Jahre im Staatsdienst gearbeitet. Nach dem Studium hatte ich auch die Option für die Bank of England oder Unilever zu arbeiten. Ich entschied mich für eine Karriere als Beamtin im Staatsdienst, weil ich glaubte, hierdurch eine Karriere mit der Gründung einer Familie besser vereinbaren zu können. Heute aber ist es meine Hoffnung, dass so etwas auch im Einzelhandel möglich sein sollte.

Stimmt es, dass eine Frau an der Spitze mindest doppelt so gut sein muss, wie ihr männliches Pendant, um erfolgreich zu sein?

Diese Argumentation würde ich aber nicht zu sehr betonen wollen. Margaret Thatcher hat sich gegen alle Widrigkeiten behauptet. Heute in Deutschland haben Sie Frau Dr. Angela Merkel.

Also alles nur ein Klischee?

Nein, da ist schon etwas dran. Die Menschen leben und arbeiten bekanntlich gerne in einer ihr vertrauten Umgebung. Traditionell in der Arbeitswelt herrschen die Männer. Wenn es nur eine Frau an der Spitze gibt, fallen ihre Fehler in einer Männerwelt zwangsläufig besonders stark auf. Gibt es aber bereits zwei oder drei Frauen auf einer bestimmten Funktionsebene, dann nivelliert sich das zunehmend. Außerdem können sich Frauen gegenseitig coachen.

Wie meinen Sie das?

Als ich im Staatsdienst arbeitete, gab es eine höhere Beamtin, die zwar immens talentiert war, aber als extrem schwierig galt. Schon damals war mir klar, dass diese Frau in einer reinen Männerwelt nie ein richtiges Feedback über ihr Verhalten erhalten hatte. Woher denn auch, wenn jeder doch zwangsläufig anders ist als Du? Wenn Frauen mit anderen Frauen zusammenarbeiten, geschieht dies eher, weil Frauen ein besseres Händchen dafür haben, positives wie kritisches Feedback zu geben, ohne ihr Gegenüber unnötig zu verletzen.

Welchen Rat würden Sie einer jungen Hochschulabsolventin geben, die eine Karriere im Handel machen will?

Zunächst würde ich ihr raten, sich bei Tesco zu bewerben, weil es eine hervorragende Managementschmiede ist. Auf jeden Fall muss sie zielstrebig sein. Wir Frauen sind zwar richtige Talente, wenn es um Multi-Tasking geht, weil wir oftmals Karriere und Familie gleichzeitig bewältigen müssen. Trotzdem müssen Frauen auf ihren Beruf fokussiert bleiben.

Jetzt rein privat gefragt, hätten Sie eine Tochter, die Händlerin werden wollte, welchen Rat würden Sie ihr dann geben?

Warte nicht, bis Du Mitte 30 bist, bevor Du Dein erstes Kind bekommst. Meine ersten Kinder hatte ich, als ich in den Zwanzigern war. Das war zwar nicht so geplant, aber es war das Beste, was mir je passieren konnte, weil ich meine vier Kinder über einen relativ langen Zeitraum haben konnte. So verteilten sich die Geburten meiner vier Söhne über einen relativ langen Zeitraum und ich konnte Familie und Beruf leichter kombinieren.

Allgemein heißt es, dass Frauen über mehr emotionale Intelligenz verfügen. Sind sie damit die besseren Manager?

Natürlich trifft dies nicht bei jeder Frau zu. Die meisten Forschungsstudien über die Funktion des Gehirns bestätigen, dass Frauen anders intelligent sind als Männer. Emotionale Intelligenz schreiben wir im Tesco-Management recht hoch, weil sie eine wichtige Voraussetzung ist, Menschen zu managen und zu motivieren. Eben weil dies unsere Firmenkultur ist, gibt es immer mehr Frauen in unserem Management.

Frauen klagen mitunter über frauenfeindliche Verhaltensweisen der Männer im Beruf. Haben Sie das je erlebt, und wie gingen Sie damit um?

Direkt im Handel habe ich es nicht erlebt, aber wahrscheinlich hängt dies damit zusammen, dass ich bereits auf höherer Managementebene bei Tesco angefangen habe. Nachteile spezifisch im Zusammenhang mit meinem Geschlecht sind mir eher am Anfang meiner Karriere als Beamtin widerfahren. Weil es bereits zwei andere Frauen auf der nächsten Stufe der Hierarchie gab, wollte die Obrigkeit keine dritte haben. Ich wurde nicht befördert, obwohl mir dies eindeutig zugestanden hätte. Heutzutage wäre das sicherlich anders. (md)

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