Handelslehrstellen legen wieder zu

von Redaktion LZ
Freitag, 28. September 2007
LZ|NET. Der deutsche Einzelhandel kann in diesem Jahr sein Ausbildungsengagement weiter ausbauen. Der HDE rechnet in diesem Jahr mit einem Lehrstellenplus von 4 bis 5 Prozent. Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt bleibt dennoch sehr kritisch.



Im vergangenen Jahr bot die Einzelhandelsbranche insgesamt rund 70.000 Ausbildungsstellen. Bei allem Bemühen hätten in den vergangenen Jahren etwa 8 bis 10 Prozent der freien Plätze mangels geeigneter Bewerber nicht besetzt werden können. Mit einem derart hohen Anteil wird in diesem Jahr nicht gerechnet, sagte Wilfried Malcher, bildungspolitischer Experte des HDE. Genauere Zahlen liegen Ende diesen Jahres vor. Auch Lehrstellen für den Fachverkäufer im Lebensmittelhandel konnten 2007 wieder besser vermittelt werden.

Denn guter Nachwuchs ist immer gesucht. Zum Beispiel sucht die Lidl-Region Hartheim offenbar massiv Mitarbeiter. Handzettel mit rückseitigem Schnell-Bewerbungsbogen liegen haufenweise in den Filialen aus. In einem Markt war der Stapel so hoch, dass es mindestens 1 000 Exemplare gewesen sein müssen, in einem anderen lagen die Handzettel in einem Ständer am Eingang aus, der eigentlich für das Handy-Angebot vorgesehen ist - also an sehr prominenter Stelle. Gesucht werden Mitarbeiter aller Art - vom Marktleiter bis zum Azubi.

Branchenübergreifende Relevanz

In puncto Ausbildungshemmnisse nannten in einer Umfrage 48 Prozent der Händler die unzureichende schulische Bildung der Bewerber, die schwierige Konjunktur (rund 43 Prozent) sowie falsche Berufsvorstellungen.

Doch das Problem besitzt auch branchenübergreifend Relevanz. 70 Prozent der Personalverantwortlichen sind in einer Studie der Kienbaum Management Consultants der Meinung, dass sich die im Vorjahr bereits bemängelte Bewerberqualität nicht verbessert hat. 21 Prozent glauben sogar, dass die Qualität noch schlechter geworden ist. Im Handel hat sich diese Einschätzung zugunsten der Bewerber leicht verbessert. Knapp 48 Prozent kritisieren dort die mangelnden schulischen Leistungen. Im vergangenen Jahr waren es noch fast 50 Prozent.

Allgemein soll es den heutigen Bewerbern an Soft Skills wie sozialer Kompetenz (45 Prozent) und Persönlichkeit (42 Prozent) mangeln, zeigt die Kienbaum-Studie zu Human Ressources. Fachliche Defizite wie eine unzureichende Ausbildung oder fehlende Berufserfahrung stellen 21 beziehungsweise 34 Prozent der HR-Manager fest. An der Umfrage beteiligten sich 122 Personalverantwortliche aus mittleren und großen Unternehmen. Außerdem bemerken die Arbeitgeber eine deutlich gestiegene Anspruchshaltung der Bewerber. Interesse, Leistungsmotivation und die Bereitschaft, sich für das Unternehmen flexibel und mobil zu engagieren, fehlten.

Soziale Kompetenz stärker gefragt

Falsche Berufsvorstellungen kritisieren auch die Personalverantwortlichen im Handel (30 Prozent) an den jungen Leuten. "Man darf sich bei der Suche nach geeigneten Neueinstellungen nicht nur auf die fachlichen Qualifikationen verlassen. Personalverantwortliche setzen zunehmend auch auf die soziale Kompetenz der Bewerber und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit", sagt Walter Jochmann, Geschäftsführer von Kienbaum.

Laut Studie hat der demographische Wandel für die Personalarbeit zunehmende Bedeutung. Für 71 Prozent der Befragten ist er Thema der täglichen Arbeit. Die meisten Unternehmen (67 Prozent) reagieren auf die veränderten Personalanforderungen mit einem intensivieren Nachfolge- und Talentmanagement. Fast die Hälfte der Befragten setzt auf verbesserte Recruitment-Prozesse (48 Prozent) und eine strategische Personalplanung (47 Prozent).

Auch der Einzelhandel sucht Hochschulabsolventen. Dass Hochqualifizierte in Deutschland schneller als befürchtet knapp werden, liegt nicht nur am demographischen Wandel. Nach dem aktuellen Bericht "Bildung auf einen Blick" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) erwarben 2005 in Deutschland nur 20 Prozent einen Hochschulabschluss.

Viele andere Wirtschaftsnationen haben in den zehn Jahren zwischen 1995 und 2005 ihre akademischen Ausbildungsanstrengungen im Schnitt um bis zu 40 Prozent gesteigert - Deutschland nur um 5 Prozent. Der OECD-Durchschnitt an erworbenen Hochschulabschlüssen liegt bei 36 Prozent.

Deutschland droht Akademikermangel

Im internationalen Ranking fällt Deutschland unter den 30 OECD-Staaten von Platz 10 auf Platz 22 bei den 25- bis 34-jährigen Absolventen zurück. Folglich warnt die OECD vor einem drohenden Akademikermangel in Deutschland. Zum Beispiel können die in den kommenden Jahren in Rente gehenden Ingenieure nicht durch junge Absolventen ersetzt werden. Auf 100 Ingenieure mit Hochschul- oder Fachhochschulabschluss in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen kämen in Deutschland nur 90 Graduierte in der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen.

In 19 anderen OECD-Ländern, für die entsprechende Daten vorliegen, liege das Verhältnis bei 100 zu 190. HDE-Experte Malcher bedauert, dass bei dem Ranking das duale Ausbildungssystem im deutschsprachigen Raum nicht berücksichtigt wird. Vergleichbare Abschlüsse, wie der Meister oder der Handelsfachwirt würden damit nicht mitgerechnet.

Im OECD-Durchschnitt streben rund 57 Prozent der 15-Jährigen ein späteres Hochschulstudium an. Hinter diesem Mittelwert stehen jedoch enorme Unterschiede in einzelnen Länder. Während in Korea 95 Prozent der Schüler studieren wollen, möchten das in Deutschland nur 21 Prozent.

Sie haben Fragen oder Anmerkungen zu diesem Artikel?
Schicken Sie eine Email an die Redaktion.

Hier können Sie die Nutzungsrechte an diesem Artikel erwerben.

Meistgelesen

stats