Arbeitsverhältnisse im Patchwork

von Judit Hillemeyer
Freitag, 28. August 2009
Normale Arbeitsverhältnisse werden in Deutschland zunehmend von Teilzeit- und Leiharbeit zurückgedrängt. Das Mittel flexibler Personalplanung hat sich auch im Einzelhandel etabliert.

Der Anteil "atypisch" Beschäftigter hat nach Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes seit 1998 deutlich zugenommen: Vor elf Jahren standen in Deutschland noch fast drei Viertel, nämlich 72,6 Prozent der Erwerbstätigen in einem sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis. 2008 waren es nur noch 66 Prozent.

Der Anteil atypischer Beschäftigungsformen stieg im gleichen Zeitraum von 16,2 auf insgesamt 22,2 Prozent. Deren Merkmal sind Zeit- und Teilzeitbeschäftigungen mit zwanzig oder weniger Stunden Arbeit pro Woche, geringfügig sowie befristete Beschäftigungen.

Immer mehr Unternehmen in Deutschland gehen dazu über, nicht alle Arbeiten von der eigenen Belegschaft durchführen zu lassen und setzen betriebsfremde Mitarbeiter ein. Möglich wurde dies mit der Reformierung der Arbeitnehmerüberlassung, die zuvor zahlreichen gesetzlichen Beschränkungen unterworfen war.

Grundlegende Reform

Mit den Hartz-Reformen wurde 2004 das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz grundlegend geändert. "Von besonderer Bedeutung ist, dass heute keine Überlassungshöchstdauer mehr besteht", erläutert die Arbeitsrechtlerin Dr. Kerstin Reiserer. Das politische Ziel der rot-grünen Regierung lautete: Mehr Flexibilität am Arbeitsmarkt.

Traditionell greift die auftragsabhängig produzierende Industrie auf Leiharbeiter zurück. Zunehmend nutzt auch der Einzelhandel das Instrument und "der Bedarf steigt", bestätigt Rainer Thomas, Geschäftsführer der Service Innovation Group, Ettlingen. Er verleiht geringfügig Beschäftigte sowie Teilzeit- und Vollzeitkräfte an den Handel.

"Wir setzen im Rahmenvon Arbeitnehmerüberlassung Leiharbeitnehmer fast ausschließlich im Kassenbereich ein, um Spitzenzeiten abzudecken oder dort, wo eine hohe Flexibilität bei der Personaleinsatzplanung erforderlich ist", heißt es bei Real. Darauf verständigte sich der SB-Warenhausbetreiber mit dem Betriebsrat. Über die Anzahl der geliehenen Kräfte "können wir keine Angaben machen, weil sie stark schwankt", heißt es weiter. Tegut nutzt das Personalinstrument seit 2008 - nicht in allen Märkten, jedoch nur an der Kasse.

Ausgleich in Spitzenzeiten

"Wir gleichen damit die erweiterten Öffnungszeiten aus und bieten dem Stammpersonal attraktivere Arbeitszeiten", sagt Karl-Heinz Brand, Geschäftsleitung Mensch und Arbeit. Aldi Süd "beschäftigt im Verkauf zurzeit keine Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen", heißt es in Mülheim.

Tätigkeiten wie die Warenverräumung haben viele über Werkverträge ohnehin schon fremdvergeben. Zunehmend wird aber nun auch der Kassenarbeitsplatz nicht mehr als Kernkompetenz betrachtet. Frischebereich und Bedientheken definiert der Handel ausdrücklich als Kernaufgabe, mit der er sich profiliert. Deshalb werden diese Verkaufsfunktionen mit eigenen Mitarbeitern besetzt, in deren Qualifikation der Handel investiert.

Personal-Outsourcing ermöglicht den Arbeitgebern Planungsfreiheit und eine schlankere Kostenstruktur. Leiharbeitsplätze können jederzeit abgebaut werden, wobei der Entleiher weder Kündigungsfristen noch Kündigungsschutzvorschriften beachten muss. Verbindlich sind lediglich die Vertragsvorgaben mit dem Verleiher, sagt Arbeitsrechtlerin Reiserer.

Das Einsparpotenzial liege je nach Beschäftigungsverhältnis zwischen 20 und 30 Prozent, meint Thomas. Dessen Leiharbeitsverträge "lehnen sich an den Manteltarifvertrag der Tarifgemeinschaft der Christlichen Gewerkschaften Zeitarbeit und PSA sowie den Arbeitgeberverband der Mittelständischen Personaldienstleister an".

Real arbeitet mit verschiedenen Zeitarbeitsfirmen zusammen. Bereits heute werde strikt darauf geachtet, dass die Beteiligungs- und Mitbestimmungsrechte der zuständigen Arbeitnehmervertreter beachtet werden. Darüber hinaus befindet sich die Geschäftsführung mit dem Gesamtbetriebsrat in Verhandlungen zum Abschluss einer Gesamtbetriebsvereinbarung, die den Einsatz von Leiharbeitnehmern regelt. (juh)

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