Nebenbei von den Kollegen lernen

von Redaktion LZ
Freitag, 15. Dezember 2006
LZ|NET. Mit informellem Lernen setzen sich die wenigsten Unternehmen bewusst auseinander. Neben der klassischen Weiterbildung fristet es ein Schattendasein. Ein Personal-Meeting bei der Hamburger VK Mühlen AG verdeutlicht, wie wichtig es ist, informelles Lernen gezielt zu fördern.



"Bis zu achtzig Prozent des betrieblichen Lernens findet informell statt - tagtäglich, extrem joborientiert und kostengünstig", leitet Rolf Brack, Vorstandsvorsitzender der VK Mühlen AG als Gastgeber das 22. Treffen des Personal-Entwickler-Netzwerks (PEN) ein.

Beim Austausch mit Kollegen in der Kaffeepause, in Gesprächen mit Kunden oder durch Recherchen im Internet lernen Mitarbeiter, quasi en passant, was für ihren Erfolg im Job wichtig ist. "Informelle Lerner bestimmen Ziel und Tempo selbst, während formelles Lernen, etwa in Weiterbildungen, einer Fahrt im Bus mit festgelegten Routen gleicht - alles ist vorgegeben", so Brack weiter.

Wie groß das Potenzial und der Nutzen informellen Lernens tatsächlich ist, ist den meisten Unternehmen nach Ansicht des Psychologen Winfried Graichen und von Jutta Häuser von der Ypsilon GmbH, Initiator des PEN-Treffens, nicht bewusst.

"Während die formale Qualifizierung vor allem Grundlagen vermittelt, ermöglicht informelles Lernen aufgrund der Neugier und des Wissenwollens der Mitarbeiter Transferraten, von denen Personalentwickler sonst nur träumen", bestätigt Graichen, Chef der Smart Change GmbH, St. Gallen.

Auch VK Mühlen Personalentwicklerin Elke Matern ist überzeugt, dass Unternehmen informelle Lernprozesse stärker unterstützen und gezielter steuern müssen. "Arbeitsprozesse verdichten sich immer mehr und schränken bislang vorhandene Möglichkeiten des kollegialen Austausches ein", erklärte die Human-Resource-Managerin.

Umso wichtiger sei es, die Rahmenbedingungen zu optimieren und den Personaleinsatz auch unter Lerngesichtspunkten zu organisieren, damit sich die Chancen des informellen Lernens nutzen ließen.

Die traditionelle Weiterbildung stößt an Grenzen, da sie einen zeitlichen Vorlauf benötigt. "Viele Probleme müssen aber ad hoc bewältigt werden, das gelingt nur durch Erfahrungsaustausch", weiß Graichen. Dies gelte umso mehr, je weiter unten Mitarbeiter in der betrieblichen Hierarchie angesiedelt sind.

Informelles Lernen empfehle sich auch zwischen Unternehmen und Niederlassungen. Der Austausch mit Personalmanagern und Trainingsexperten anderer Unternehmen ermöglichte es auch Elke Matern, ihr neu initiiertes computergestütztes Personalentwicklungsprogramm zu überdenken.

"Für uns ist es wichtig zu wissen, wie wir einen derart komplexen Prozess in den Werken am Leben halten, ob die Gefahr eines Datenfriedhofes besteht, wie wir unsere Führungskräfte dazu bringen, Personalentwicklung zu leben und den angestoßenen Prozess nicht nur formal zu erfüllen", so die Personalentwicklungs-Chefin.

Personalentwickler sollten sich nach Ansicht des VK-Chefs Brack auch als Coach der Führungskräfte verstehen und für den Entwicklungsprozess nur den Handlungsrahmen zur Verfügung stellen. Werkübergreifend, vor allem wenn sich diese, wie beim Mühlenkonzern, in verschiedenen Ländern befinden, sei sicher zu stellen, dass man von den gleichen Dingen spricht.

Die Umsetzung des Handlungsrahmens solle aber, da waren sich die Experten einig, vor Ort erfolgen, damit Maßnahmen der jeweiligen Kultur angepasst werden können.

"Wir leben in einer Welt voll von Menschen mit wertvollen Informationen", sagt Graichen. "Selbst kleine persönliche Netzwerke bieten daher Vorteile, wenn es um Wissen und Können geht."

Der Autor Michel Gestmann ist Psychologe und arbeitet als Journalist.

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